Adam-Troy Castro – Sturz der Marionetten

Adam-Troy Castro - Sturz der Marionetten

Adam-Troy Castro - Sturz der Marionetten

Es kommt wirklich selten vor, dass ein SF-Roman zuerst in deutschsprachiger Übersetzung erscheint und dann erst in England oder Amerika. Wobei Anfang Dezember noch keine amerikanische Ausgabe im Netz zu finden war, was einem umso mehr verwundert.

Bastei-Lübbe, dessen SF-Programm ja mittlerweile sehr übersichtlich geworden ist, hat jedenfalls den dritten Roman in der bereits bekannten Ausstattung der ersten beiden Bände zügig aufgelegt. Allerdings muss man betonen, dass die aufwendige Covergestaltung des ersten Romans dieser bisher auf drei Bände angewachsene Reihe auch in diesem Band nicht wiederholt wurde. Arndt Drechslers umlaufendes Cover dürfte dennoch für genügend Aufmerksamkeit sorgen.

Die Handlung spielt auf den Heimatplaneten der Vlhani, die bereits in zwei Kurzgeschichten vorkamen. Da diese natürlich nicht in deutschsprachiger Übersetzung vorliegen, begegnet der hiesige Leser diesen Aliens im vorliegen Roman zum ersten Mal. Andrea Court hat sich mit ihren beiden Gefährten den Porrinyards auf den Planeten dieser mehr als ungewöhnlichen Aliens begeben. Die KIquellen, in deren Auftrag Court verdeckt tätig ist, haben sie zu diesem geführt. Warum ist Andrea Court nicht bekannt und auf ihre direkten Fragen an diese uralten, künstlichen Intelligenzen, die ihrer Existenz schon lange überdrüssig sind, erhält sie nur wage Andeutungen. Die KIquellen befinden sich seit langer Zeit in einem weltenumspannenden Konflikt mit den Unsichtbaren Dämonen, einer Fraktion von künstlichen Intelligenzen, die dem Untergangsstreben der KIquellen entgegenstehen. Diese waren letztlich auch für den Ausbruch einer bis heute unbekannten Seuche verantwortlich, die viele intelligente Wesen des Planeten Bocais zu rasenden Bestien werden ließ. Darunter auch Andrea selbst, die zwar psychisch schwer gezeichnet diesem Wahnsinn als Kind entkommen konnte, deren Eltern und enge Bekannte aber nicht dieses Glück hatten. Auf dem Planeten der Vlhani scheint sich etwas Vergleichbares zusammen zu brauen und Andrea Court befindet sich mitten drin im aufziehenden Wahnsinn, dem ganze Völker zum Opfer fallen könnten.

Die Handlung lebt zum einen von der außergewöhnlichen Hauptfigur, die kaum jemanden an sich heranlässt und psychisch schwer geschädigt ist. Ihr Umgang mit anderen Intelligenzen kann man bei gutem Willen als distanziert bezeichnen. Menschen würden Andrea Court wohl als schwer zugänglich, abweisend, verletzend u.ä. bezeichnen. Dabei verbirgt sich hinter diesem Panzer eine tief verletzte Seele, die sich im dritten Roman dieser Serie den schlimmsten Momenten ihrer Vergangenheit stellen muss.

Zum anderen sind die Vlhani wirkliche Fremdwesen, die von allen menschenähnlichen Rassen nur in Ansätzen verstanden werden. Andrea Court beginnt im Verlaufe der Handlung zu ahnen, warum diese Wesen so handeln wie sie handeln und warum sie zu reißenden Bestien werden, die sich und alle anderen Fremdwesen auf ihren Planeten mit in den Untergang ziehen. Dies könnte verheerende Folgen für die Menschheit haben, die unter den Milchstraßenbewohnern eh nicht gut gelitten und als ernsthafte Bedrohung angesehen werden. Bisher konnten sich die zersplitterten Menschenzivilisationen noch immer aus der Schlinge ziehen, aber ein aktives, militärisches Eingreifen, und sei es nur um ihre eigenen Mitmenschen zu retten, hätte fatale Konsequenzen.
Andrea wird nach und nach mehr offenbart, als sie als einzelne Person überhaupt ertragen kann. Die ihr auf gebürdete Verantwortung wird zur drückenden Last, die sie an dem Rand des Wahnsinns führen wird.

Auch der dritte Roman um Andrea Court ist ein lesenswertes Stück SF-Literatur. Er ist rasant und spannend verfasst, stellt einen ungewöhnlichen Charakter in den Mittelpunkt der Ereignisse, der persönlich in diese involviert ist und bietet zudem einen ausgearbeiteten und glaubwürdigen Handlungsrahmen. Castros Romane gehören zu den intelligentesten und dichtesten SF-Werken, die in letzter Zeit bei Bastei-Lübbe unter dem Label SF erschienen sind. Sie stellen mehr als nur reines SF-Lesefutter dar.

Andreas Nordiek

Bastei-Lübbe Paperback
orig.: War of
the Marionettes
Übersetzung: Frauke Meier
413 Seiten

 

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