SFCD: Das Umfeld ist schuld

SFCD One

SFCD One (Cartoon: Manfred Müller)

Herbert Thiery ist Saarländer. Das Saarland ist ein kleines Land, der Boden ist karg, die Winter hart, ein Haus zu bauen kostet Geld und ein Mann muß dafür mehr als acht Stunden täglich arbeiten. Gut, wenn ein Mann in dieser Situation ein Hobby hat. Herbert ist Kassierer im Vorstand des Science Fiction Club Deutschland und das schon seit über zehn Jahren. Er führt eine lange Tradition der Saarländer im SFCD-Vorstand fort: in den 90ern hieß der 1. Vorsitzende Thomas Recktenwald, der etwas unbeholfen wirkende Leisesprecher, der zu Zeiten wilden Haarwuchses gut als Catweazle-Double durchgegangen wäre. Leise spricht Herbert nicht; er wäre mit seinem Hobby zufrieden, gäbe es nicht die ewigen Nörgler, die nichts anderes im Sinn haben, als den SFCD zu attackieren, damals Thomas, jetzt ihn – Saarländer-Bashing sozusagen.

Einer, der es nicht lassen kann, ist der Berliner Frank Böhmert. Ende November stellt er im SF-Netzwerk-Forum, in dem der SFCD als Gast ein öffentliches und ein internes Unterforum unterhält, eine Zusammenfassung eines Vorgangs zur Diskussion, der den SFCD viel Geld gekostet hätte, wenn es nicht Stirnrunzeln gegeben hätte über 445 Euro, die dem Kassierer erstattet werden sollten, Kosten für eine Fahrt von Saarbrücken nach Buckau bei Magdeburg und zurück. Das schütteln auch hart arbeitende Saarländer nicht mal eben so aus dem Ärmel.

Stefan Manske ist kein Saarländer, er lebt in Duisburg. Da sagt man gern mal „Alter Falter!“, wenn man einen Kraftausdruck braucht. So heißt auch sein Blog, das sich mit vielem befaßt, launig auch mit Britney Spears’ fehlender Unterwäsche oder Miley Cyrus’ Nacktbildern, warum er sich im Impressum auch gleich als sein eigener Jugendschutzbeauftragter ausweist. Ein Mann mit Humor, SFCD-Veteran auch er: schon im Jahr 2000 war er als Beirat im Vorstand. Er hat es weit gebracht: heute ist er 1. Vorsitzender. Böhmerts Veröffentlichung kommentiert er kurz mit: „Frank, du nervst!“ Aber warum nervt Frank?

Die Antwort findet sich in Buckau. Dahin hat es Marianne Ehrig verschlagen, die einst als Marianne Sydow Perry-Rhodan-Romane schrieb, bevor sie sich mit Lektor Schelwokat überwarf. Ihr im Jahr 2003 verstorbener Mann Heinz-Jürgen war ein fleißiger Sammler von Science-Fiction-Artikeln aller Art, doch seine Sammlung sprengte irgendwann jeden Rahmen: über 130.000 Stücke hatte er gesammelt – zuviel für das Berliner Domizil der Ehrigs. Sie kauften 1999 eine aufgelassene Gastwirtschaft in Buckau bei Magdeburg und schafften die Sammlung dorthin. Seit dem Tod ihres Mannes hat Marianne alle Hände voll zu tun, die Sammlung zu retten. Zahlreiche SF-Fans, darunter Frank Böhmert, helfen ihr finanziell dabei; der SFCD-Vorstand formuliert, der Club möchte sich „ideell“ beteiligen. (-> villa-galactica.de)

Herbert Thiery also war im Oktober in Buckau, die Reise war seit Monaten geplant, er hatte Marianne geschrieben, daß er von Leipzig aus zu ihr kommen und dann weiterfahren würde nach Schwerin und Lübeck, Frau und Kind im Gepäck, ein kleiner Urlaub mit der Familie inklusive Conbesuch – von all dem war in dem Erstattungsantrag nicht die Rede. Und die Vereinskasse sollte nun für die ideelle Unterstützung der Sammlung Ehrig in Gestalt von Herbert Thiery aufkommen und 445 Euro Spritkosten erstatten.

Der Kassierer reduzierte die Summe von sich aus um zwei Drittel, „spendete“ 300 Euro und verlangte nur noch 145 Euro. Da machte es auch nichts, daß es keinen Auftrag des Vorstands gegeben hatte, bei Marianne nach dem Rechten zu sehen. Sie hätte Herbert zwar alle nötigen Informationen auch per E-Mail geschickt, aber wo Herbert schonmal in der Nähe war … er übernachtete mit der Familie in Rottstock, wie Böhmert akribisch auflistet, das liegt 3 Kilometer von Buckau entfernt. Allenfalls dieser Weg sei erstattungsfähig, resümiert Böhmert – macht knapp 25 Euro pro Kilometer für eine Strecke, die man gut auch für einen Verdauungsspaziergang hätte nutzen können.

Böhmerts „Memo“ bleibt nicht unkommentiert. SFCD-Mitglieder und interessierte Leser diskutieren den Vorgang rege, der Vorsitzende Manske hält die Diskussion für überflüssig, überdies verletze sie die Interessen des Vereins. Der folgende Gegenwind könnte sogar ihm zu denken geben: Mitglieder pochen auf ihre Rechte und warnen davor, die Debatte in der Nichtöffentlichkeit verschwinden zu lassen. Nichtmitglieder argwöhnen, daß man ihnen das Ausmaß der Zustände wohl erst nach Zahlung eines Jahresbeitrags, der der Alimentierung des Vorstands diene, eröffnen wolle – das Thema bleibt öffentlich.

Bei Redaktionsschluß hat sich dann sogar der Kassierer selbst geäußert: möglicherweise habe er einen Kurzschluß oder einen Blackout gehabt, als er die Reiseroute etwas zu direkt beschrieben habe, überdies gehe es nur um Benzin, nicht um Fahrtkosten. Die wahre „Seuche“ seien überdies die ewigen Nörgler, die nur auf dem SFCD herumhacken wollten, jetzt auf ihm, früher auf Recktenwald, versucht er den Schulterschluß mit dem Landesgenossen. Er habe einen Fehler gemacht, aber daran sei eigentlich das „Umfeld“ schuld. Einigen sei wohl nicht bewußt, daß sie sich übler Nachrede strafbar machten. Und wie Facebook mit Daten umgehe, schrecke ihn ab.

Von solch wirren Argumenten ist Böhmert Lichtjahre entfernt: üble Nachrede kann man seiner Faktensammlung nicht unterstellen, er erhält Beifall für Akribie und moderate Formulierung. Zuguterletzt findet sich sogar jemand, der es auf sich nehmen will, bei der nächsten Wahl gegen Thiery zu kandidieren, um dieses Vorstandskapitel zu schließen. Der Kritiker ist ausgerechnet Thomas Recktenwald, der Vorsitzende von einst. Schulterschluß unter Saarländern sieht anders aus.

Manfred Müller

Die Diskussion kann bei SF-Netzwerk nachgelesen werden:

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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