Ich habe die Nase voll!

Vergrätzter Zwischenruf von Petra Hartmann

Petra Hartmann

Petra Hartmann

Ich habe die Nase voll. Zuerst ist es nur ein flaues Gefühl in der Magengegend. Doch langsam kocht der Zorn in mir hoch. Am liebsten würde ich mir eine der Buchhändlerinnen schnappen und sie anblaffen: „Ich habe die Nase voll von Fantasy von der Stange!“ Aber die Damen sind ja nur Verkäuferinnen …

Was ist hier eigentlich los? Ich stehe mitten in der Buchhandlung, habe einen freien Abend, das Geld sitzt locker, eigentlich möchte ich mir heute etwas Gutes gönnen. Und nun stehe ich zwischen hundert bunten „All-Agern“, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen, und warte darauf, dass einer von ihnen zu mir spricht. Na los, kommt schon, einer von euch muss doch meine Finger zum Kribbeln bringen und rufen: „Ich bin’s – nimm mich mit.“ Bunte, aufwändig gestaltete Titelbilder, makellose Hardcoverbindungen, kostbare Schutzumschläge, perfekt nach Marketinggesichtspunkten entwickelte Titel – aber keiner kann sprechen. Wo ist der Zauber geblieben?

Was ist eigentlich passiert seit damals, vor zwanzig Jahren, als ich noch mit der Lupe nach Fantasy-Titeln suchen musste? Meist konnten die Verleger selbst nicht unterscheiden zwischen Fantasy und Science Fiction. Und ich habe mich wie ein Verdurstender auf jedes Buch gestürzt, das irgendwie „phantastisch“ war. Perlen zwischen Tierbüchern, Indianergeschichten, Jugendkrimis und pädagogisch wertvollen „Problembüchern“ in der Kinderbuchabteilung. Und bei den Erwachsenen sah es noch dürrer aus. Aber wenn man mal eines gefunden hatte, dann war es ein besonderes Buch. Egal, wie gut oder schlecht es geschrieben war. Egal ob Schund oder eines der wenigen als „Hochliteratur“ akzeptierten Werke. Man trug ein Individuum nach Hause.

Und jetzt? Jetzt ist meine liebe Fantasy also Mainstream geworden. Im Jugendbuchbereich gibt es – außer im Mädchen-und-Pony-Regal – kaum noch Bücher ohne phantastisches Element, und bei den Erwachsenen versuchen selbst Autoren von historischen Romanen schon manchmal, ihre Werke in die Fantasy-Abteilung zu drücken, weil das wohl lukrativer ist. Die Phantasie ist tot, es lebe die Fantasy!

Bin ich einfach nur zu alt geworden? Fängt man mit 40 ganz automatisch an mit dem Gejammer, dass früher alles besser war? Ich habe bisher nie über Mode, Mainstream und Massenware geschimpft. Habe nie Autoren dafür verachtet, dass sie höhere Auflagen als ich hatten. Es ist eine Leistung, ein Buch zu schreiben, das vielen Menschen Freude macht, das habe ich immer respektiert, das habe ich immer anerkannt. Neidlos, wie ich mir selbst versicherte.

Nein, es ist nicht der Futterneid einer noch-nicht-ganz-so-bekannten-und-erfolgreichen-Autorin, der mir die Galle überschäumen lässt. Es ist die Wut des verratenen, für dumm verkauften Lesers, die in mir aufsteigt. Buchhändler, Verlage, ich war seit dem Grundschulalter einer eurer besten Kunden. Ich war Leseratte, Bücherwurm, Bibliophile, Bibliomanin, ich kaufe und lese auch heute noch rund 200 Bücher pro Jahr. Aber das, was ihr da vor mir ausbreitet, ist eine Beleidigung.

Ich gebe zu: Ich habe Harry Potter begeistert gelesen. Ich habe jeden Bis(s)-Roman in einer Nacht verschlungen. Aber hundert und tausend Bücher über junge Zauberschüler und zehntausend erwachsenenkompatible Teenie-Schnulzen über erotische Vampire, schwarze Engel, Werwölfe und was da sonst noch rumläuft und -flattert, das ist einfach zu viel.

Ich habe es satt, mich dafür entschuldigen zu müssen, dass mein Intelligenzquotient über der Zimmertemperatur liegt. Genau so wenig tut es mir leid, dass ich mit Goethe, Heine und Homer auf vertrautem Fuß stehe. Ich will mir kein schlechtes Gewissen mehr einreden lassen, nur weil ich ein gutes Gedächtnis habe und mich beim Lesen eines Buches daran erinnere, dass ich schon sieben Romane mit dem gleichen Strickmuster kenne. Ja, ich bin Demokrat. Ich respektiere den Mainstream. Aber die Monokultur, die ihr in euren Buchdiscountern verbreitet, widert mich an.

Ich will keine Plastik-Bücher mehr lesen. Keine netten „All-Ager“ mit Arztroman-Bauplan. Keine Klone von Klonen von Bestsellern. Keine vegetarischen Vampire und erotischen Engel mehr. Kein „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ mit Elfen. Ich will keine aalglatten Marktcharaktere mehr im Buchregal haben, die im Assessment-Center der Großverlage am wenigsten Anstoß erregten. Ich mag keine vielbeachteten Debüts von gehypten Jungautoren mehr lesen, die die Schreibratgeber von James N. Frey und Sol Stein 1:1 umsetzten – und die im nächsten Jahr wieder vergessen sind.

Ich möchte einfach mal wieder Bücher sehen, die zaubern können. Individuen. Überraschungen. Bücher, von denen nach dem Lesen etwas zurückbleibt. Keine von professionellen Autoren professionell in Absprache mit Lektoraten und Agenturen erstellten Businesspläne.

Für dieses Jahr nehme ich nur noch Klassiker, Indianerbücher und Phantastik aus Kleinverlagen in die Hand. Die können nämlich manchmal noch zaubern. Vielleicht, weil der Mut eines Verlegers sich immer reziprok proportional zur Auflagenhöhe verhält.

Ich wünsche mir für 2011 ein paar Bücher, die Ecken und Kanten haben. Und mutige Verleger, die nicht nur auf die große Auflage schielen müssen oder wollen. Und jetzt gehe ich los und kaufe mir einen mausetoten Klassiker aus dem 19. Jahrhundert, der entweder verhungert oder in der Irrenanstalt gestorben ist.

Petra Hartmann

Petra Hartmann, Jahrgang 1970, in Hildesheim geboren, wohnt in Sillium.

Sie studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Hannover. Auf den Magisterabschluss folgten die Promotion mit einer Doktorarbeit über den jungdeutschen Schriftsteller Theodor Mundt und ein zweijähriges Volontariat bei einer Tageszeitung. Anschließend war sie fünf Jahre Redakteurin.

Als Schriftstellerin hat sie sich dem fantastischen Genre verschrieben und verfasst hauptsächlich Fantasy und Märchen. Bekannt wurde sie mit ihren Fantasy-Romanen aus der Welt Movenna. Sie errang dreimal den dritten Platz bei der Storyolympiade und wurde 2008 mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet. 2010 erschienen „Der Fels der schwarzen Götter“ (Wurdack), „Darthula“ und „Die letzte Falkin“ (beide Arcanum).

petrahartmann.de

 

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