Ideologisch behämmert

oder: Drei Arten, sich selbst ins Knie zu schießen

Horst Pukallus und Ronald M. Hahn

Horst Pukallus und Ronald M. Hahn: „Wären die Verleger ideologisch so behämmert wie manche Leser, käme der Autor ohne vorherige Gesinnungsprüfung nicht mehr zum Zuge“ (Foto: Freunek)

Der Wuppertaler Ronald Hahn und der Düsseldorfer Horst Pukallus sind für verschiedene Dinge bekannt: pointierte Prosa, ambitionierte Nacherzählungen aus dem Englischen ins Deutsche, spitzzüngige Kommentare und jene Art Mutterwitz, die ständig gewogen werden will. Gelegentlich schreiben sie zusammen etwas Intelligentes, Humoriges für den Bildungsbürger und erhalten dafür artigen Applaus und Preise aus den eigenen Reihen.
Der ganz große Durchbruch ist ihnen jedoch verwehrt geblieben. Um zu überleben, haben sie alles geschrieben, sogar Heftromane (und für die Terranauten sind wir noch heute dankbar).

Das Werk
2001 veröffentlichen sie als Book-on-Demand ihren Roman „Wo keine Sonne scheint“, der – man denkt unwillkürlich an den scharfzüngigen und streitbaren Norman Spinrad und sein „Der Stählerne Traum“ – eine Alternativweltgeschichte aus der Nachkriegszeit erzählt, in der es um pornographische Filmaufnahmen geht, die Adolf Hitler der Lächerlichkeit preisgeben würden. Die Kundenkommentare bei Amazon sind katastrophal (da werden unseren Wortkünstlern sogar Grammatikfehler unterstellt …), ein paar treue SF-Fans haben das Werk wohlmeinend besprochen, doch der große Erfolg bleibt aus.

Der Verleger
Hansjoachim Bernt ist, was man hierzulande einen Kleinverleger nennt. Bekannt wird er im Fandom vor allem mit seinen Ren-Dhark-Produkten, traurige Berühmtheit erlangt er vor einigen Jahren, als sein in der Schweiz registrierter Unitall-Verlag die „Stahlfront“-Reihe herausbringt, militaristische Landser-SF ohne besonderen Anspruch, und mit „Schwarze Sonne“ noch nachlegt – offenkundig Titel, mit denen er im rechten Kundenspektrum gut Kasse machen kann, von Spiegel Online offen als „Nazi-Science-Fiction“ etikettiert.
Daß die „nationale“ Kundschaft problematisch sein kann, merkt Bernt 2009, als er den bereits angekündigten Titel „Dissidenten“ des Neonazis Thomas Brehl wieder aus der Planung nimmt, wohl, weil Kunden drohen, nicht mehr bei ihm zu kaufen. Ein Nazi-Image ist eben nichts, was man so schnell wieder los wird.
Hahn und Pukallus sind über jeden Nazi-Verdacht erhaben, allein, es mangelt besagtem Roman an Erfolg. Bernt wiederum hat Imagepolitur bitter nötig und er ist Verleger – das hilfsbedürftige, wohltuend satirische Buch erscheint im Herbst 2010 bei Unitall. Da ist die Verwunderung groß, war doch eine ganze Lesergeneration mit dem Wissen groß geworden, es handele sich bei Hahn und Pukallus um ausgewiesene Linksintellektuelle. Die würden doch niemals so dumm sein … Doch die Zeiten sind hart, deutsche Autoren schreiben Völker-Fantasy und Vampirromane oder sie gehen unter, also sind sie so dumm. So kann man sich selbst ins Knie schießen.

Wider die plebejische Kritik
Der bekennende Antifaschist Klaus Frick zieht daraufhin einen Beitrag zurück, der für Nova vorgesehen war, das SF-Magazin aus dem Hause H&P, das soeben mit Ausgabe 17 erschienen ist. Das juckt unsere beiden Helden genausowenig wie die Kritik der Leser im SF-Netzwerk- Forum. Denen schreibt Hahn ins Stammbuch: „Zum Glück aber sind (Verleger) als profitorientierte Lebewesen weniger an der politischen Gesinnung ihrer Autoren interessiert als an der Qualität ihrer Werke. Wären sie ideologisch so behämmert wie manche Leser, käme der Autor ohne vorherige Gesinnungsprüfung nicht mehr zum Zuge.“ Einfacher formuliert: „Für Geld tu’ ich alles.“ Knietreffer Nummer zwei.

Die Morddrohung
Der 69jährige Adalbert B. aus Friedewald (den gibt es da wohl wirklich) indes ist über „Wo keine Sonne scheint“ überhaupt nicht glücklich. Hitler so verunglimpft zu sehen, das schmeckt ihm nicht. Also bedroht er unsere Helden mit dem Tode und ihren Verleger, den Nestbeschmutzer, gleich mit. Der wiederum versteht da gar keinen Spaß und zeigt den alten Mann an. Ronald macht den Vorgang im Internet öffentlich, doch statt Betroffenheit erntet er Argwohn, weil die mißtrauischen Leser einen morbiden PR-Trick wittern.
Aber es kommt anders: Die Diskussion im SF-Netzwerk versandet, anders als 2009 steht diesmal nicht Spiegel Online auf der Matte. Eigentlich nimmt kaum jemand Notiz von dem Skandälchen. Rentner Adalbert hat eine Anzeige am Hals und unsere Helden haben immer noch keinen Hit gelandet.

Die »Pressemitteilung«
Und der dritte Knieschuß? Vier Wochen später, es ist Ende November, verschickt Verleger Bernt eine „Pressemitteilung“, die den absurden Hinweis „Vertraulich +++ Nicht zur Veröffentlichung bestimmt!!!“ trägt. Zwei Drittel sind nichts anderes als ein simpler Bücher- Waschzettel, im Mittelteil wird die Drohung erwähnt, abschließend Preis und Bezugsquelle, fertig ist die virale Kampagne Marke Eigenbau. Bei Drucklegung dieser Ausgabe, wieder sind vier Wochen vergangen, hat die interessierte Öffentlichkeit immer noch keine Notiz genommen.
Virale Kampagnen funktionieren natürlich anders. Sie sind nicht so plump. Man kann zum Beispiel mit einem Twitter-Account anfangen und kryptische Meldungen in die Welt setzen. Ronald M. Hahn ist bei Twitter, aber auf die Idee, damit zu arbeiten, ist er noch nicht gekommen. Auf die Frage dort, ob er diese Geschichte kommentieren wolle, antwortet er nur „Kann mit meiner Zeit Besseres anfangen.“ Pukallus ist kaum weniger wortkarg, möchte aber auch nichts sagen, weil Freund Ronald ihm erklärt habe, „dass Du (ungeachtet Deiner freundlichen Worte) in Wahrheit gegen uns Hass empfindest. Daher sehe ich, so wie er, keinen Grund, warum ich mit Dir meine Zeit vergeuden sollte.“
Stimmt, in den 90ern war ich bezüglich der Qualität von Pukallus’ Donaldson-Nacherzählungen anderer Meinung – nein, hier zeigt sich in Reinform die Verachtung jeglicher Kritik. Wer jedoch die Ablehnung braunen Gedankengutes „ideologisch behämmert“ findet, hat wohl selbst ein paar Probleme, die mit guten Ratschlägen nicht mehr zu beheben sind. So hat Horst Mahler auch einmal angefangen. Hansjoachim Bernt hat bisher keine Frage beantwortet.

Alle paar Jahre blättere ich ganz gerne im verblassenden Methylviolett von „Imperium Rhodanum“ Band 1 und 2. Damals, 1968, waren unsere beiden Kämpfer wider die Schundliteratur auf dem rechten Auge noch nicht blind. Da zogen sie gegen Bernd Gutzeit und Konsorten beherzt und vor allem lachend zu Felde. Und heute? Kommentare wie die im SF-Netzwerk zeugen jedenfalls nicht von Einsicht und Humor, sondern von Überheblichkeit und Verbitterung. Banal, aber es sollte mal gesagt werden: die Entscheidung für einen bestimmten Verlag ist niemals ausschließlich wirtschaftlicher Natur. „Wo keine Sonne scheint“ in der „Verbotenen Zone“ des Unitall-Programms einzureihen ist aktive Unterstützung rechter Ideologie. Das ist ganz sicher behämmert.

Adalbert B. ist zu wünschen, daß er den Rest seiner Tage in einer ordentlich betreuten Einrichtung verbringen kann. Wenn er es schlau anstellt, trägt das Betreuungspersonal nicht einmal Uniformen.

Manfred Müller

P.S.: (April 2011) Die Diskussionen zum Thema bei scifinet.org wurden mittlerweile fast vollständig gelöscht.

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
Abgelegt unter Autoren und getaggt mit , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hier hast Du nichts zu melden …