Der Autor und das Internet

Über Steelpunk-Schreibmaschinen, Halbwertszeit von eBooks und Seppuku.

Uwe Post

Uwe Post

Das Internet-Zeitalter – ein Paradies für alle, die ihre Geschichten bisher nicht erzählen konnten. Oder? Ist es wirklich leichter, in Zeiten des allgegenwärtigen Internet Schriftsteller zu sein?

Zurückgespult
Irgendwann in den Achtzigern schenkte mir mein Onkel eine riesige, mechanische Schreibmaschine. Vermutlich brauchte er Platz im Keller – das klobige Stahlgerät war lackiert wie einer von Rommels Panzern und etwa halb so schwer. Für mich persönlich war es der Anfang einer Schöpfungsgeschichte, in deren Verlauf ich bereits deutlich mehr Strom als Farbbänder verbraucht habe. Das Internet hat vieles geändert – auch das Schriftsteller-Dasein.

Eine ganze Menge Zeitgenossen glauben, dass sie Schriftsteller werden, indem sie Word starten und einfach loslegen. Was zugegebenermaßen ziemlich leicht ist, aber sicher nicht automatisch Qualität erzeugt. Manche belegen vorher wenigstens einen Schreibkurs, andere stottern sich irgendwas zurecht. Dass Schreiben ein Handwerk ist, das man lernen muss, genau wie Schlösser aufbrechen oder Trauerkränze binden, wird oft übersehen. Viele Autoren wundern sich dann, dass sich weder Verlag noch Leser finden, die ihr Werk goutieren – dieses Missverhältnis zwischen Schreibambitionen und Leseverhalten freut wiederum Druckkostenzuschussverlage und andere Dienstleister. Geld lässt sich eben aus jedem menschlichen Bedürfnis machen. Ist also BoD das youporn.com der Schreiblust?

Das Internetzeitalter macht nicht automatisch Möchtegern-Autoren zu Bestseller-Autoren. Aber es hilft. Wenn man es zulässt.

Kritik – ein sehr trockener Wein
Aus gutem Grund liegen die allermeisten auf meiner Steelpunk-Schreibmaschine getippten Texte in der Giftschublade, nachdem sie in Fanzines des SFC Thunderbolt 1979 n.e.V. (den’s unter thunderbolt.de übrigens immer noch gibt) entweder ignoriert oder von Carsten Stockter verrissen wurden. Ich selbst habe das Schreiben wie viele andere erst im Internet-Zeitalter gelernt: Durch jahrelange Hyperaktivität in der Community von kurzgeschichten.de. Was wie ein Spaziergang durch die grünen Gärten von Farmville klingen mag, bloß mit Buchstaben statt Gemüse, war in Wirklichkeit eine harte Schule. Denselben Prozess, bei dem man übrigens auch die wichtige Fähigkeit erlernt, bei harscher Kritik nicht gleich Seppuku zu begehen oder den Anwalt zu bestellen, haben auch einschlägig bekannte Kollegen wie Hebben und Peinecke durchgemacht – kann also so schlecht nicht sein.

Weiterentwicklung eines Autors geschieht heutzutage dank einer digitalen Feedback-Schleife: In Foren wie sf-netzwerk.de gibt es erfreulich konkrete Rückmeldungen. Zu meinem Roman Symbiose hieß es dort beispielweise: Echt abgefahren, diese Ideen – aber ein paar Figuren waren etwas flach, vor allem die Mädels. Das lässt mich als Autor natürlich nicht kalt. Meinem zweiten Roman wurde dann bescheinigt, dass die Protagonisten mehr Profil hatten. Okay, dann habe ich wohl was dazugelernt! Aber es ist nicht nur die Quantität des Feedbacks. Gerade der harte Kern der Community – teilweise selbst Autoren – ist zu äußerst qualifizierten Kommentaren in der Lage. Storys und Bücher sind heute eine Hälfte eines Zwiegesprächs, keine kommunikative Einbahnstraße. Und das ist gut so.

Aber nicht jeder Autor hat Zeit und Lust, sich mit seinen Fans auseinanderzusetzen. Einige können es sich ohnehin leisten, einfach zu schreiben, was sie wollen – Heitz’ Collector verkauft sich bestens, obwohl der Roman von hartgesottenen SF-Fans genüsslich verrissen wird. Und Nicht-SF-Leser fragen: Aha, und das ist jetzt SF? Die moderne SF-Literatur hat zumindest in Deutschland ein Publicity-Problem, und ich könnte mir vorstellen, dass das Fehlen eines großen, hervorragend betreuten Internet-Portals nicht unschuldig daran ist. Tipp mal www.science-fiction.de in den Browser ein, und du weißt, was ich meine …

Gedankengift via DSL
Das Internet kann eine große Hilfe für uns Autoren sein – oder ein Fluch. Bei einfachen Rechercheaufgaben ist Wikipedia eine große Hilfe (und kriegt daher einen Teil meines Honorars als Spende – der Brockhaus war deutlich teurer!). Dass Kommunikation heute viel schneller geworden ist, brauche ich niemandem zu erzählen, der per Tweet von diesem Artikel erfahren hat. Das geht übrigens zu Lasten von Brief und Telefon. Zu einigen Menschen, die sich E-Mail, Facebook und Chat verweigern, habe ich deutlich weniger Kontakt als früher. Ich empfinde das als Verlust, aber der schmerzt offensichtlich nicht so stark, dass ich mich hinsetze und einen Brief schreibe. Womöglich noch von Hand …

Kommunikationskanäle kann man nicht genug haben – aber ohne Deckel kocht das Hirn über. Facebook-Spiele, die 2010er Art der Zeitverschwendung, muss man natürlich alle sperren, wohingegen intelligente Genre-Games wie Mass Effect oder Dragon Age erlaubt sind und sogar inspirieren können. Manchmal darf man sich nicht scheuen, besonders mitteilungsbedürftige Personen auf Facebook zu entfreunden, weil sie nur über ihr Mittagessen, ihre Katzen, oder das Wetter schreiben. Ablenkung ist Gift für die Kreativität, und Ablenkung ist ein Stoff, den das Internet ohne Ende bietet.

Die besten Ideen liefert immer noch das wirkliche Leben. Das Internet verleitet stark zum Kopieren erfolgreicher Konzepte, weil die am sichtbarsten sind. Auch Hollywood macht’s nicht anders. Schreib über Nazis und Zeitmaschinen, und Amazon belohnt dich mit einem Top-Verkaufsrang. Wer sich davon abheben möchte, schaut etwas genauer hin – und findet originelles, das leicht zum Stoff eines neuen Textes wird.

Trotz inspirierender Diskussionen in Online-Foren oder per Email ist der persönliche Kontakt in unserer Generation nicht zu ersetzen. Mit einem Kerl, der dich schonmal unter den Tisch gesoffen hat, redest du halt über ganz andere Dinge als mit einem Facebook-Freund, der eigentlich nur will, dass dir sein Produkt gefällt, damit du (und deine Freundesfreunde) es kaufen. Womit wir schon bei einer der modernen Internet-basierenden Verkaufsmaschen wären. Manchmal funktioniert’s, manchmal nicht. Ist ein bisschen Glückssache. Mein erster SF-Roman wurde in jeder Rezension im Internet gelobt, verkauft sich aber deutlich schlechter als die bereits erwähnten Zeitmaschinen-Nazis.

Schont den Regenwald!
Ein Abenteuer ungewissen Ausgangs sind eBooks. Die Produktionskosten sind nahe Null, der Vertriebsweg kostet ebenfalls nichts, keine Bäume müssen sterben und zur Entsorgung bedarf es nicht einmal eines Recyclingcontainers – die Delete-Taste genügt. An geeigneter Stelle kann jedermann seine Pamphlete als eBook publizieren – auf feedbooks.com zum Beispiel. Spaßeshalber habe ich meine Novellen da reingestellt. Hauptsächlich, weil ich ausprobieren wollte, ob man sie mit der Aldiko-Reader App auf meinem Android-Handy runterladen und lesen kann (man kann). Auf eine vierstellige Anzahl an Downloads hat es meine Crossover-Story Licht der Nacht gebracht – aber ob’s auch jemand komplett gelesen hat …? Was man ohne Mühe oder Kosten bekommen kann, kann man ebenso mühelos ignorieren oder entsorgen. Es ist denkbar, dass die Halbwertszeit kommender eBook-Autoren unter jene von Casting-Show-Sternchen sinkt – nicht zuletzt aufgrund digitaler Unbill wie mangelnder Abwärtskompatibilität.

Ein spezieller eBook-Reader ist übrigens ein so teures wie überflüssiges Vergnügen. Wenn in ein, zwei Jahren auf nahezu jedem Wohnzimmertisch ein Pad mit brauchbarem Display liegt, das mühelos eBooks anzeigen kann, werden Bücher als muffige Staubfänger wie Relikte einer primitiven Vergangenheit wirken, und Kindles ziemlich grau aussehen, weil die neueste Fortsetzung des Spiels Angry Birds nicht drauf läuft.
Wie sich Lesen und Bücherschreiben in den nächsten Jahren ändern wird, wird spannend zu beobachten sein.
Eines aber bleibt: Der Autor muss eine originelle Geschichte erzählen.
Unabhängig vom Medium.

Kurzbio

Uwe Post, Diplom-Physiker und Autor unzähliger Geschichten der Genres Science Fiction und Fantasy, wohnhaft in Faustkeilwurfweite zum Neandertal. Sein erster SF-Roman »Symbiose« wurde 2010 für den Deutschen Science Fiction Preis und den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert, wie schon zuvor einige seiner Kurzgeschichten. Im Sommer erschien im Atlantis-Verlag seine Weltraumdetektivsatire »Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes«.

-> uwepost.de

 

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