Der Autor und das liebe Wie?

Miriam Pharo

Miriam Pharo

Morgen bleibe ich offline. Einer meiner Vorsätze für 2011 lautet: An mindestens einem Tag in der Woche bleibt der Rechner aus. Bis jetzt habe ich mich daran gehalten, worauf ich schon ein bisschen stolz bin. Auch wenn es erst Mitte Januar ist. Für mich als Autorin ist das Internet Fluch und Segen zugleich. Ein Segen, wenn es um die Recherche oder Eigenwerbung geht (wer nicht wirbt, stirbt). Ein Fluch, weil es mich fest in seiner digitalen Gewalt hat. Seit Monaten zappele ich hilflos im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten, erliege regelmäßig dem Lockruf gesichtsloser Sirenen und zerbreche mir den Kopf über folgende Frage: Wie zum Henker werde ich diese Plage wieder los? Manchmal beneide ich die Schriftsteller früherer Tage, die mit Stift oder Schreibmaschine gerüstet ihre Gedanken zu Papier brachten. Die sich durch nichts und niemanden ablenken ließen, die Finger von Tinte und nicht vom Karpaltunnelsyndrom gezeichnet. Wunderbare Google freie Welt!

ComTech? KommTec? Comtec?

Ich schreibe Romane, die in der Zukunft spielen. Das stellt mich vor eine Menge Herausforderungen. Zum Beispiel brauche ich einen Namen für einen Technologiekonzern, der Neurokommunikatoren herstellt, eine Art Minicomputer, der in die Hornhaut eingepflanzt und über die Gehirnströme gesteuert wird. ComTech wäre natürlich naheliegend. Ein kurzer Blick bei Google sagt mir: Es ist etwas zu naheliegend. 1.060.000 Ergebnisse und kein Ende abzusehen. Ich muss mir etwas Neues einfallen lassen. Also versuche ich es mit „KomTech“. Fehlanzeige. „ComTec“, „KommTec“, „Comtec“ … geht alles nicht. Mist! Langsam verliere ich die Geduld. Es gibt eine Firma für Verschraubungstechnik mit dem Namen KomTech. Soll ich es wagen? Lieber nicht. Urheberrechtsverletzungen können ganz schön teuer werden. Also versuche ich es mit „SynTech“ wegen Synergie und so. Auch da eine Pleite auf der ganzen Linie. „SinTach“ vielleicht? Sieht doof aus, außerdem wofür soll „Tach“ stehen? Nach einer Stunde Recherche habe ich endlich einen Namen. „KygTech“. Ein bisschen Kybernetik hier, ein Schuss Synergie dort. Zugegeben, „KygTech“ ist nicht meine erste Wahl, dennoch bin ich dankbar – auch wenn der Name genau einmal in meinem Roman vorkommt, und dann auch nur im Nebensatz. Ein Schriftsteller der alten Schule hätte dafür aufs Deutsche Patent- und Markenamt gehen und in mühseliger Kleinarbeit die Namenslisten durchforsten müssen. Wahrscheinlich hätte das Tage gedauert. Oder noch schlimmer: Er hätte einen Antrag stellen müssen …

Wikipedia ist schön und gut, aber …

Endlich kann ich in Ruhe weiterschreiben. Eine Weile geht das gut, Outlook macht gerade ein Schläfchen, da durchstößt plötzlich vor den Augen meines männlichen Protagonisten eine schwarze Kugel den Boden aus Dura-Liquid und schon ereilt mich die nächste Frage: Ist Dura-Liquid – ein von mir ersonnener semipermeabler Verbund aus Aluminium und Nano-Kunststoffen – in der Größe überhaupt realisierbar? Der Begriff Dura-Liquid ist übrigens noch nicht besetzt (zumindest nicht mit Bindestrich, habe ich bei Google schon vor Wochen gecheckt!), aber was ist, wenn das Ganze physikalischer Nonsens ist? Schließlich bin ich kein Einstein. Als ich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts Geisteswissenschaften studiert habe, war Nanotechnologie definitiv kein Prüfungsthema. Ein Blick bei Wikipedia weckt Hoffnungen, andererseits kann dort jeder Depp einen Beitrag veröffentlichen (habe ich übrigens auch schon gemacht). Also stöbere ich in der Online-Fachliteratur. Ich ertappe mich dabei, wie meine Nasenspitze den Bildschirm berührt. Packungsdichte? Frank-Kasper-Phase? Hä? Ok, zurück zu den populärwissenschaftlichen Schriften. Bingo, ich werde fündig! Was würde ich nur ohne Internet machen? Trotzdem wird es langsam Zeit, nach zehn Stunden den Rechner herunterzufahren. Doch halt! Was ist das? In der unteren rechten Ecke meines Bildschirms drängt ein fremdes Bewusstsein in Form eines verführerischen, weißen Briefumschlags in mein Blickfeld. Gerade sind zwei Mails hereingekommen. Ich schaue nur schnell nach. Poweranzug088 folgt mir auf Twitter. Wieder so ein Business Start Up Spezialist und Personal Coach, der mir nach 18 Stunden garantiert wieder „entfolgt“. Geschenkt. Dafür informiert mich Google Alert in digital nüchternem Ton, dass eine neue Rezension zu meinen Büchern erschienen ist. Cool! Die muss ich mir natürlich sofort anschauen.

Google Alert macht Stimmung

Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als ich die Seite aufrufe. Ich überfliege die Rezi erst einmal, während sich meine Nervosität etwas legt. Sie klingt gut, das Fazit ist ok, aber was ist das?! Meine Pumpe schaltet wieder in den fünften Gang. Da steht etwas von „ärgerlich“ und das gleich zweimal! Ganz ehrlich: „Ärgerlich“ gehört nicht unbedingt zu den Ausdrücken, die ich in einer Rezension lesen möchte. Ich schaue mir das Ganze etwas genauer an und vergesse beinahe zu atmen. Da steht etwas von Klischees und Konventionen. Erleichterung macht sich breit. Damit kann ich leben. Ich vertrete nämlich die Meinung, dass gelegentliche Klischees in einer rasanten Handlung wie gute Freunde sind: Sie strahlen Vertrautheit aus und bieten dem Leser eine Verschnaufpause. Trotzdem hätte der Autor diesen Abschnitt nicht unbedingt ans Ende setzen müssen, kurz vor dem Fazit. Irgendwo in der Mitte, wo es nicht so auffällt, das hätte mir gefallen. Aber hey, Hauptsache kein Verriss! Inzwischen ist es bereits 18.30 Uhr. Ich muss mit dem Hund raus. Andererseits würde ich den Link zur Rezi gern noch schnell durch die Netzwerke jagen. Aus Erfahrung weiß ich: Bei Xing ist um die Uhrzeit kein Mensch mehr online; die meisten haben bereits Feierabend gemacht. Auch bei Twitter ist gerade Sendepause. Die Leute bereiten Abendbrot vor und mit dem iPhone in der Hand schmiert es sich bekanntermaßen schlecht. Bei Facebook hingegen geht der Spaß um die Uhrzeit erst richtig los!

Der Geist ist willig

Natürlich hätte es bis morgen Zeit, den Link zu verbreiten, aber wer weiß: Vielleicht regt die Rezi jemanden an, heute Abend bei einem gemütlichen Bierchen vor dem Rechner, eine Reise ins Jahr 2066 zu buchen – trotz des „ärgerlich“-Passus. Außerdem habe ich mir ja vorgenommen, morgen nicht ins Internet zu gehen. Also logge ich mich noch einmal überall rein, einschließlich einiger Leseforen, und verbreite die gute Nachricht. Natürlich schaue ich noch, was sonst so abgeht und schon ist wieder eine Stunde vorbei. Inzwischen hat unser Hund im Hausflur gepinkelt. Verdammtes Internet! Teufelswerkzeug! Morgen bleibt der Rechner in jedem Fall aus! Moment mal … Ist morgen nicht Deadline für diesen kleinen Text hier? Ich könnte ihn natürlich noch heute Abend rausschicken, aber ich will eine Nacht drüber schlafen. Kurz fechte ich einen inneren Kampf aus, doch die Niederlage ist schon vorprogrammiert. Morgen werde ich eine Ausnahme machen, aber nur eine ganz kleine. Ich mache Outlook auf – blöd nur, dass die neu empfangenen E-Mails automatisch aufgerufen werden – und schicke ratzfatz meinen Text an den Fandom Observer. Am besten mit zusammengekniffenen Augen! Danach schalte ich schnell den Rechner wieder aus und setze mich ins Wohnzimmer, Block und Bleistift auf den Knien, den Brockhaus in Reichweite. Vorher schiebe ich noch den neuen Eric Clapton in den CD-Player … Guter Plan.

MIRIAM PHARO

Miriam Pharo, 1966 im andalusischen Córdoba geboren, verbringt ihre Kindheit auf der Ile d’Oléron, westlich von La Rochelle. Mit 9 Jahren kommt sie nach Deutschland, wo sie ihre Liebe zu Literatur und Kino entdeckt. Sie studiert in Mainz und Heidelberg Slawistik, Romanistik und Politikwissenschaften.  Seit 1993 arbeitet sie als Werbetexterin für diverse Agenturen und Unternehmen.

Im März 2008 bringt sie die ersten beiden Teile ihres Zukunftsthrillers Sektion 3 in Eigenregie als eBooks heraus. Um diese für den Leser attraktiver zu machen, integriert die Autorin interaktive Mouse-Over-Funktionen. Fährt man mit dem Cursor über besonders gekennzeichnete Stellen, werden die Gedanken der Protagonisten, Zusatzinformationen und Illus sichtbar. Diese Technik entsteht aus der Überlegung heraus, dass man im realen Leben die Gedanken der Menschen nicht sieht und diese durch gutes Zureden erst entlockt werden müssen.

2010 wird sie von der Berliner Senatsverwaltung in die Expertenjury des Förderwettbewerbs „Evolving Books – Digitaler Mehrwert für Bücher“ berufen.

Veröffentlichungen:

  • Sektion 3/Hanseapolis: Schlangenfutter (Roman, Juli 2009, ACABUS Verlag)
  • Sektion 3/Hanseapolis: Schattenspiele (Roman, Mai 2010, ACABUS Verlag)
  • Schlafende Hunde (erotische SF-Kurzgeschichte aus der Anthologie “Smaragd Saturn”, März 2010, Wunderwaldverlag

-> www.miriam-pharo.com

 

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Über miriampharo

Geboren bin ich 1966 im andalusischen Córdoba, meine Kindheit habe ich auf einer Insel westlich von La Rochelle verbracht, bevor es mich im zarten Alter von 9 Jahren ins malerische Meenz - Mainz für Nicht-Meenzer - verschlug. Irgendwann reichten meine Deutschkenntnisse aus, um Slawistik, Romanistik und Politikwissenschaften zu studieren. Seit 1993 arbeite ich als Werbetexterin für diverse Agenturen und Unternehmen. 2008 startete ich ein eigenständiges eBook-Projekt und wurde vom Hamburger ACABUS Verlag entdeckt. 2009 erschien „Schlangenfutter“, der erste Band meiner SciFi-Krimireihe „SEKTION 3 / HANSEAPOLIS“ (manch einer bezeichnet sie als utopisch-technische Kriminalromane). Der Folgeband „Schattenspiele“ kam ein Jahr später in den Handel. 2010 wurde ich zu meiner großen Freude von der Berliner Senatsverwaltung in die Expertenjury des Förderwettbewerbs "Evolving Books - Digitaler Mehrwert für Bücher" berufen. Derzeit schreibe ich an meinem dritten Hanseapolis-Roman und hoffe, dass er 2011 herauskommt.
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