Follow 408

Multikultibrikett, unverkäuflich

FOLLOW 408 – Nachrichten aus einer anderen Welt

Man kann es nicht kaufen: Ende 2010 erschien wieder einmal eines meiner liebsten Fanzines, na, nach dem Fandom Observer sicher mein zweitliebstes: FOLLOW (zur besseren Unterscheidung in Versalien), die vierteljährlichen Sammelnachrichten der Fellowship Of the Lords of the Lands Of Wonder, kurz: Follow. Kaufen kann man es nicht, abonnieren auch nicht, aber wenn man sich entschließt, eine Vollmitgliedschaft im Fantasy Club e.V. abzuschließen, bekommt man FOLLOW viermal jährlich geliefert.

Das ist im übrigen schon die wesentliche Gegenleistung für den Vereinsbeitrag, denn exakt zu diesem Zweck, FOLLOW zu veröffentlichen, wurde der Fantasy Club 1993 gegründet. Vorher war übrigens der EDFC, der Erste Deutsche Fantasy Club, dafür zuständig gewesen, doch von diesem wollten sich die Follower nach außen nicht mehr vertreten lassen, also gründeten sie kurzerhand diesen neuen Verein. Gut auch für den Rest der Welt, denn der gibt unter anderem MAGIRA heraus, das preisgekrönte Jahrbuch zur Fantasy.

Fantasy war 1966, als Follow während des Worldcon in Wien gegründet wurde, nicht mal ein Randthema im deutschsprachigen Raum, deshalb sorgten die Follow-Gründer, angeführt von Hubert Straßl aka. Hugh Walker, selbst für die nötigen Veröffentlichungen – Straßl fertigte sogar englische Übersetzungen seiner eigenen Manuskripte an, um den Eindruck zu erwecken, er vertrete einen englischsprachigen Autor … (Gelegentlich wird Follow nicht nur als hiesiger Urahn der Fantasy, sondern auch als Ursprung von Rollenspielen, Briefspielen, Liverollenspielen und anderen Vergnügungen betrachtet, doch daran erinnert heute nur noch wenig).
FOLLOW enthält Fantasy, selten marktfähiges Material und nach Meinung etlicher auch nicht mehr so viel wie früher. Dafür erweitert FOLLOW mit jeder Ausgabe das Wissen um die shared world Magira, hier in Form der Clanbeiträge, die wie eigenständige Fanzines daherkommen und lediglich zusammen gebunden und mit einer fortlaufenden Seitenzahl versehen werden, ganz im Stil einer APA (amateur press association), wie diese früher im Fandom sehr beliebten Sammelbriefe genannt wurden. Diese APA wiegt allerdings ein Pfund, hat ein umlaufendes Farbcover und liest sich nicht mal eben so an einem Nachmittag weg.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß ein unbefangener Leser dem Pfund völlig hilflos gegenübersteht: so viel freundlicher, enthusiastischer Dilettantismus auf einem Haufen – wo gibt es das heute im Fandom noch? In Schreibforen voller hoffnungsvoller Jungautoren vielleicht, aber sonst? Jedenfalls nirgendwo in dieser, in papierner Brikettform. Magira hat ja nun ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, ein kleiner Teil des Wissens darüber ist in der öffentlich nicht zugänglichen Followpedia versammelt, der größere schlummert auf Zehntausenden von Papierseiten, die heutzutage schon mit ordentlich historischem Sachverstand bearbeitet werden können, wie es Hermann Ritter vor einigen Jahren bewiesen hat, als er die Geschichte eines kleinen Kontinentes von Magira in Buchform herausbrachte.

Die Beiträge der Clans heißen „Bærenhaut“ (kürzlich wurde die Königin von Albyon ermordet – die Konsequenzen werden in vielen Einzelgeschichten beleuchtet) oder „Dämonenbote“ (MAGIRA-Macher Michael Scheuch brilliert mit einer Kurzgeschichte über ein immer wiederkehrendes nächtliches Blutbad), „Drachenbrief“ (der immer noch aktive APA-Mann Dieter Steinseifer resümiert die 40-jährige Geschichte seines Drachenordens – und damit auch Fandomgeschichte!), „Hornsignale“ (da kann ein literarisches Frühwerk von Klaus Enpunkt Frick begutachtet werden), „Traumblüten“ (ein blutrünstiges, dimensionsreisendes Monster versetzt ein ganzes Land in Aufruhr) oder „Windrose“ (Möchtegern-Korsarinnen entführen den falschen Mann und stehen am Ende dumm da) – und das war nur eine kleine Auswahl.

Häufig veröffentlichen die Clanfanzines sogenannte Enzy-Beiträge, die einzig dazu dienen, den kulturellen Hintergrund der eigenen Gruppe weiter auszubauen – es gibt bald 80 Kulturen auf Magira, vielle davon detailliert beschrieben und in ständiger Entwicklung begriffen! Conberichte beleuchten gemeinsam Erlebtes aus verschiedenen Perspektiven, Fotos und Zeichnungen – auch diese in einer Bandbreite von dilettantisch bis beeindruckend! – illustrieren das Miteinander, das im übrigen oft höher geschätzt wird als die Literatur.

Daß man da sehr einfach mittun kann, ist kaum bekannt. Kostenlos ist es obendrein, denn um Follower zu werden, bedarf es nur einiger Kontakte und einer Gruppe, der man beitreten darf – ein Vereinsbeitrag wird nicht fällig. Will man jedoch FOLLOW lesen, ist eine Mitgliedschaft im Fantasy Club unerläßlich, weil man es eben nicht kaufen kann. Allzu teuer ist das jedoch nicht mehr: 35 Euro im Jahr kostet es, Mitglied zu sein (einen Followclan sollte man da schon gefunden haben), dafür erhält man fast 2.000 Seiten Material, die – wohlwollend betrachtet – sehr vergnüglich sein können. Ganz davon abgesehen, daß es großen Spaß macht, Teil einer Vereinigung zu sein, in der man vieles darf, aber nichts muß.

Informationen erhält man auf follow.de und der Homepage des Fantasy Club. Kommt mal vorbei, ich bin auch schon da! Ich heiße nur anders …

Manfred Müller

FOLLOW 408
Fantasy Club e.V., Dezember 2010
484 Seiten
ISSN 1439-1716

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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