Innocent & Bloodthirsty

Keuschheit und Killereinhörner können sehr aufregend sein – über „Rampant“ von Diana Peterfreund

Diana Peterfreund - RampantEinhörner gibt es wirklich. Sie sind böse und blutrünstig, mit einem Maul voller Reißzähne und einem messerscharfen Horn, getränkt mit tödlichem Gift. Die zuckersüßen, unschuldigen Kreaturen unserer Märchen und Sagen dagegen sind bloße Legende, Propaganda aus unbekannter Quelle. Das glaubt zumindest Lilith, die mit ihrer Tochter Astrid in einer Vorstadt lebt, die wir typisch amerikanisch nennen würden. Lilith glaubt ferner, einer langen Ahnenreihe ruhmreicher Einhornjägerinnen zu entstammen, doch da es keine Einhörner mehr gibt, sind solch archaische Fertigkeiten nicht sehr gefragt.

Astrid Llewellyn ist sechzehn Jahre alt. Sie und ihre verbitterte Mutter sind umgeben von heilen Familien, deren männliche Sprößlinge es vor allem auf die Unschuld ihrer Mitschülerinnen abgesehen haben. Eines dieser Prachtexemplare, der junge Brandt, macht Astrid seit Wochen den Hof – bisher erfolglos. Eines lauen Abends wittert er seine Chance, Astrid auf einer Decke am Waldrand näherzukommen. Zwei Dinge retten Astrids Unschuld: Ein unvermittelt auftauchendes, ziegengroßes Einhorn greift Brandt an und verletzt ihn schwer. Zum zweiten schickt Lilith ihre Tochter bald darauf nach Rom – sie hat über das Internet Kontakt geknüpft zu einer … hm, Bildungseinrichtung, die sich um die Ausbildung von Einhornjägerinnen kümmert.
Obwohl sich Astrid gegen die fanatische Überzeugung ihrer Mutter sträubt, läßt sie es über sich ergehen und landet alsbald in einem lange verlassenen, jüngst erst wieder bezogenen Kloster, begrüßt von einem Dekan, den sie eher unpassend findet, und seiner jugendlichen Nichte Cornelia, die sehr damit beschäftigt ist, heruntergekommene Zimmer für weitere Schülerinnen herzurichten. Von der jahrhundertealten Geschichte des Ortes als Hort der Einhornjägerinnen ist nicht mehr viel zu sehen. Dafür tauchen bald die ersten Einhörner auf und sie kommen nicht in Frieden …

Die 1979 geborene Amerikanerin Diana Peterfreund machte sich bisher vor allem als Autorin der für ein junges Publikum geschriebenen Reihe „Secret Society Girl“ einen Namen, in der es um eine Geheimgesellschaft unter College-Studenten geht. „Rampant“ – was soviel bedeutet wie „ungezügelt sein“ – ist ihr erster Fantasyroman, Zielgruppe sind unverkennbar Jugendliche und junge Erwachsene.

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der zutiefst verwirrten Astrid, die bildhafte Sprache hat streckenweise einen schnoddrigen, fast lapidaren Tonfall. Die Perspektive der jungen Amerikanerin der Gegenwart kontrastiert stark mit den Mysterien des alten Europa, der profane Alltag steht kopfschüttelnd der Magie der Alten Welt gegenüber, erst ungläubig, dann irritiert und schließlich fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Eine reizvolle Technik; obschon Peterfreund eher modern formuliert, ist ihre Sprache sehr variantenreich und treffsicher. Dabei liegt ihre Priorität klar auf differenzierten, emotional starken Charakterisierungen, doch auch die Schauplätze sind bildhaft und detailliert beschrieben.

Schwächen zeigt Peterfreund vor allem bei der Entfaltung des Hintergrundes: ihre Einhörner sind zwar leidlich gut recherchierte, mythologische Kreaturen (Wikipedia sei Dank …), doch ihre Beschreibung und Klassifizierung wirkt ein wenig wie ein Auszug aus dem Bestiarium eines Fantasy-Rollenspiels. Die Enthüllung der Vorgeschichte und der handlungstragenden Geheimnisse geschieht in trockenen Erklärungen, nicht erzählerisch, der Orden der Einhornjägerinnen wird mithilfe einer Farbbroschüre erklärt, die Lilith Llewellyn zugeschickt bekommt – abgesehen von dem unverständlichen Mangel an Geheimhaltung erscheint dieses dramaturgische Mittel als Abkürzung der Vorstellung wichtiger Informationen eher reizlos.
Die Handlung plätschert über lange Strecken vor sich hin, gewinnt nach der Hälfte jedoch an Fahrt. Glaubwürdig ist sie nicht immer, manche Motivation bleibt zweifelhaft – wieso die Eltern der Mädchen, die zum Teil noch sehr jung sind, ihre Kinder ohne weiteres dem Orden überlassen, bleibt größtenteils unklar. Eine verpaßte Großchance ist, den möglicherweise wichtigsten Gegenspieler – die immer heftiger attackierenden Einhörner kann man eher als Naturgewalt denn als Kontrahenten betrachten – so gut wie gar nicht einzusetzen. Da hat Peterfreund viel dramaturgisches Potential verschenkt.

Ohnehin ist das Leitthema ein anderes: Astrid, mitten in der Pubertät befindlich, ist dabei, sich selbst zu definieren. Läßt sie sich anfangs noch von der Mutter lenken, begehrt sie im Laufe der Geschichte mehr und mehr auf. Den möglicherweise lohnenden Konflikt läßt die Autorin jedoch zugunsten des Showdowns fallen – Astrid fällt Entscheidungen für ihr vorbestimmtes Schicksal und gegen Freiheit und Selbstbestimmung.
Einhörner können nur von Jungfrauen getötet werden, Um so dramatischer ist das, wenn man liest, daß Astrid sich heftig verliebt. Ja, sie hat von römischen Straßencafés, Shoppingtouren und harmlosen Flirts geträumt, aber daß es sie gleich so sehr erwischen würde, hätte sie nicht gedacht. Einhornjägerinnen aber müssen keusch leben, sonst sind sie des Todes …
Das Thema bleibt den Lesern bis zum zweiten Band, „Descendant“, erhalten, möglicherweise sogar bis zum abschließenden dritten, der noch keinen Titel hat, aber schon angekündigt wurde. Astrids Urahnin hat das Problem irgendwie gelöst, da muß Astrid nicht ewige Keuschheit befürchten.

Empfehlen kann man „Rampant“ jungen Lesern, die den häufigen Griff zum Wörterbuch nicht scheuen und keine Berührungsängste gegenüber romantischen und gewalttätigen Szenen haben. Einhornfreunde alter Prägung sollten unbedingt die Finger davon lassen! Diana Peterfreund zeigt beim Umgang mit ihren Lieblings-Fabelwesen keine Gnade.

Manfred Müller

P.S.: In einem kurzen Dialog bei Twitter sagte Peterfreund dem Fandom Observer, daß es ihrer Agentin noch nicht gelungen sei, die Killer-Einhörner einem deutschsprachigen Verlag schmackhaft zu machen. Europäische Verlage befürchteten, ihre Einhörner könnten die Leser verschrecken. Auf den Hinweis, daß Kinderzauberer, sarkastische Djinns, Skelettdetektive und Ganoven wie Artemis Fowl ja auch ihre Chance bekommen hätten, zitiert sie aus einem Ablehnungsschreiben: „Wir hängen so an unseren Glitzereinhörnern …“
Wer das nicht hinnehmen möchte, schreibe doch bitte eine E-Mail an seinen bevorzugten Fantasy-Verlag – die Autorin wird’s freuen!

Diana Peterfreund – „Rampant“
HarperCollins 2009
Paperback, 402 Seiten
ISBN 978-0-06-149004-0

www.dianapeterfreund.com
twitter.com/dpeterfreund

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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