Justin Cronin – Der Übergang

Justin Cronin - Der ÜbergangVampir-Romane erfreuen sich hierzulande seit einigen Jahren steigenden Verkaufszahlen und jeder größere Publikumsverlag hat mittlerweile seine Hausautoren unter Vertrag genommen. Übersetzt wird dabei alles, was halbwegs lesbar erscheint und gerade die romantische Seite der Blutsauger erfreut sich größter Beliebtheit.

Mit „Der Übergang“ wurde nun ein voluminöses Werk in Hardcover mit der hierfür üblichen Ausstattung von einem hierzulande völlig unbekanntem Autor verlegt. Selbst in den USA ist Cronin keineswegs als Mainstream-Autor geschweige denn als Autor fiktionaler Texte in Erscheinung getreten. Vielmehr verfasste der Englisch-Dozent eher mäßig erfolgreich Kurzgeschichten und einen Roman.

Der Erfolg von „Der Übergang“ war keineswegs geplant. Bevor Cronin sein Werk überhaupt fertig stellen konnte, waren die Filmrechte schon für 1,75 Millionen US-Dollar an 20th Century Fox verkauft und die Buchrechte dürften ebenfalls eine stattliche Summe eingebracht haben. Zwei weitere Romane waren von vornherein geplant und sollen 2012 und 2014 erscheinen. Ihr Erfolg scheint vorprogrammiert, wenn die Filmpläne entsprechend umgesetzt werden und der erste Teil der Trilogie pünktlich 2012 auf die Leinwand kommt.

Worum geht es eigentlich inhaltlich in diesem so hochgelobten Vampir-Roman?
Auf den ersten ca. 300 Seiten legt Cronin die eigentlichen Grundlagen für seine Trilogie. Für ein streng geheimes militärisches Forschungsprojekt reisen die FBI-Agenten Doyle und Wolgast durch die USA, um zum Tode verurteilte Gefangene, die keinerlei Familie haben, zu „requirieren“. Wolgast, überdrüssig der stundenlagen Fahrten und Flüge quer durch die USA, die sich mehr oder weniger zu einem Überwachungsstaat entwickelt haben, kann sich mit seinem neuesten Auftrag überhaupt nicht anfreunden. Die beiden FBI-Agenten sollen ein junges Mädchen entführen und dem Projekt zuführen. Ein kleines Kind, welches sicherlich bis dato niemanden etwas zu Leide getan hat. Als es dann bei der Entführung zu Schwierigkeiten kommt und die drei per Auto durch die USA reisen müssen, kommt Wolgast diesem unscheinbarem Mädchen näher und die Zweifel an seinem Tun nehmen zu.
Als die beiden Agenten ihre Gefangene abliefern wollen, geraten sie mitten hinein in einem Ausbruch der bis dahin bereits behandelten Patienten. Diesen wurde ein Virus gespritzt, welches ihnen übermenschliche Kräfte verleiht, sie aber gleichzeitig intellektuell auf ein tierisches Niveau reduziert. Aus menschlichen Wesen werden Vampir ähnliche Monster, denen die völlig überforderte Wachmannschaft nichts entgegen zu setzen hat.
Viele finden bei diesem Ausbruch den Tod und bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sterben einige der bis dahin wichtigsten Handlungsträger, was sich durch den gesamten Roman zieht.
Die Virals, wie sie später genannt werden, entkommen und das Virus kann sich ungehemmt verbreiten. Die menschliche Zivilisation wie wir sie kennen, wird innerhalb weniger Wochen vernichtet. Millionen sterben, weitere Millionen verwandeln sich in Virals, gegen deren Aggressivität und körperliche Überlegenheit die Menschen so gut wie nichts entgegen zu setzen haben.
Wolgast und die kleine Amy können dem Inferno entkommen und verkriechen sich in der Einsamkeit der amerikanischen Wildnis. Aber auch hier können sie sich dem Wahnsinn nicht entziehen.

Es folgt ein Break von ca. 100 Jahren und die Handlung wird in einer menschlichen Befestigungsanlage, die mitten in der Wildnis liegt, wieder aufgenommen. Seit Generationen konnten sie hinter hohen Mauern ihr Überleben dank der Planung ihrer Vorfahren und des Militärs sichern.
Cronin beschreibt ausführlich den Alltag dieser Gruppe und ihre Vergangenheit. Fast schon zu ausladend geht er dabei auf das Zusammenleben mit all seinen Hindernissen ein. Fahrt nimmt die Handlung dann auf, als Amy wie aus dem Nichts vor den Toren der Kolonie auftaucht. Jeder stellt sich die Frage wie ein kleines Mädchen alleine in der Wildnis überleben konnte, zumal Amy selbst stumm bleibt.
Noch rätselhafter wird es, als man einen implantierten Sender unter ihrer Haut findet, der immer noch sendet. Durch Amys Auftauchen und den sich anschließenden Kämpfen mit zahlreich auftauchenden Virals, eskaliert die Situation zwischen den sonst sich so einigen Menschen. Eine kleine Gruppe von ihnen flieht zusammen mit Amy und macht sich auf den Weg zum Ursprung einer Funkbotschaft, die direkt auf Amy zugeschnitten zu sein scheint.

Es folgt der dritte Teil des Romans, der einem Road-Movie gleicht. Die kleine Schar durchreist ein völlig zerstörtes Amerika, in dem es aber noch menschliche Enklaven gibt. Nach und nach trennen sich ihre Wege und bei weitem nicht jeder ist am Ende des Romans noch am Leben.
Die Handlungsfäden für die kommenden zwei Romane, die uns sicherlich neue Hauptfiguren bringen werden, sind vorbereitet und reichlich vorhanden. Der Kampf gegen die Virals wird im Mittelpunkt stehen und nach der Lektüre des vorliegenden Buches wünscht man sich, dass dieser weitaus geradliniger erzählt wird. Die Handlung im vorliegenden ersten Teil fasert zu sehr aus. Als Leser muss man schon manches Mal einen langen Atem haben, um auch bei den etwas langatmigeren Passagen am Ball zu bleiben.

Als richtigen Genre-Titel würde ich „Der Übergang“ auch gar nicht bewerten. Horror-Fans dürften jedenfalls nicht voll auf ihre Kosten kommen und SF-Fans zu wenig Relevantes vorfinden. Als Phantastik-Autor wollte Cronin auch sicherlich nicht wahrgenommen werden. Sein Werk passt nämlich nicht so richtig in eine Schublade, sondern bedient sich Elementen der unterschiedlichsten Genres. Gerade dieser Mix dürfte den Erfolg – jedenfalls in den Staaten – ausgemacht haben, da er für eine Leserschicht interessant ist, die ansonsten keine Phantastik lesen.
Insgesamt hat mich der Roman gut unterhalten und ich werde zumindest den zweiten Teil der Trilogie auf jedem Fall lesen. Bis dahin vergehen ja noch knapp zwei Jahre.

Andreas Nordiek

Justin Cronin – Der Übergang
Aus d. Amerikanischen v. Rainer Schmidt
Goldmann, 2010
(orig.: „The Passage“, USA, 2010)
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 1019 Seiten

 

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