Nova 17

Die aktuelle Ausgabe des Kurzgeschichten­ma­gazins nova wartet mit einem Rekord­umfang von 231 Seiten auf. Genügend Raum also für längere Geschichten. Insge­samt finden sich acht Erzählungen aus deutschen Landen und eine Gaststory von Aleksandar Ziljak (Kroatien) wieder.
Daneben beleuchtet Helmuth W. Mommers die deutsche SF-Story-Szene 2009 und Volker Wittman macht sich einige Gedanken über die Suche nach außerirdischem Leben und fragt zu Recht, warum die meisten Forscher und Entscheidungsträger davon ausgehen, dass Aliens uns gegenüber friedlich gesonnen sein sollten.

Am wichtigsten sind aber die deutschsprachigen Kurzgeschichten und auf diese werde ich mich im Folgenden auch konzentrieren.
Uwe Post bildet mit „Bikepunks“ den Auftakt für diese Ausgabe von nova. Die Welt wie wir sie kennen existiert nicht mehr. Die Zivilisation hat sich aufgelöst und nur die stärksten können mit den noch vorhandenen Ressourcen überleben. Neue Formen von Gangs haben sich gebildet, darunter die sog. Bikepunks. Dies sind Jugendliche, die mit Hilfe von Fahrrädern ihrer Mobilität erhalten haben und aus waghalsigen Touren ihren Thrill ziehen. Eine dieser Gangs steht im Mittelpunkt der Handlung.
Ihre einzige Nachrichtenquelle zum aktuellen Geschehen rund um sie herum stellt ein solarbetriebenes Radio dar mit dessen Hilfe sie noch einen einzigen Radiosender empfangen können. Der Radiomoderator verkündet die „einzig wahre Wahrheit“ und da es keine Alternativen gibt, sind dessen Infos nicht überprüfbar.

Eines Tages begeben sich die Jugend­li­chen auf die Suche nach dem Standort des Radiosenders und finden diesen in verlassenen Räumlichkeiten einer Uni. Hier geht er seiner Bestimmung nach. Als einziger Berichterstatter weit und breit verfügt er über so etwas wie ein Meinungsmonopol. Dies erkennt auch einer der Bikepunks und beschließt nun selbst für die Verbreitung der seiner „Wahrheit“ zu sorgen.
Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, welche Macht die Medien selbst nach dem Zusammenbruch einer Zivilisation noch ha­ben können. Die Erkenntnis stellt allerdings nur den ersten Schritt dar, viel interessanter wäre es gewesen, wenn Uwe Post auch eine Antwort darauf geliefert hätte, welche Wahrheit die Bikepunks nun verkünden. Aber dies hätte den Umfang einer Kurzgeschichte gesprengt, zumal aus meiner Sicht aus der vorliegenden Handlung kaum etwas wegfallen kann. Als wirklich gelungen kann man die Ausarbeitung von Post Zukunft betrachten. Hier schimmert in Details immer mal wieder sein „humorvolles Wesen“ durch.

Florian Hellers Geschichte besticht durch ihren durchweg zynischen Unterton und der leicht skurrilen Situation, in welcher die beiden Hauptakteure agieren. Der eigentliche Handlungshintergrund ist dabei eher unwichtig und wird lediglich als Rahmen benötigt.
In „Der Folterknecht“ stehen ein amtlich bestellter Folterer und einer seiner Kunden im Mittelpunkt. Der Folterer muss man sich als klischeehaft dargestellten Beamten vorstellen, der mehr oder weniger engagiert seiner Tätigkeit nachgeht. Der Kunde ist zu Beginn eine persönlichkeitslose Nummer, an der der Folterer ein bestimmtes Programm abarbeiten muss. Im Verlaufe der Fol­terung baut sich aber so etwas wie eine persönliche Beziehung auf. Von Beginn an zeigt der Gefolterte Verständnis für das Tun seines Peinigers. Der führt ja nur eine ihm übertragene Auf­gabe aus, ohne dabei sein Tun überhaupt hinterfragen zu müssen. Der Gefolterte fleht nicht noch bettelt er um Gnade. Im Bewusstsein eine gesetzwidrige Handlung durchgeführt zu haben, nimmt er die Folterung und den nachfolgenden Tod als gegeben hin, ja bewundert sogar ein wenig das professionelle Tun seines Peinigers.
Als dritte Person kommt dann ein hochrangiger Vorgesetzter des Folterknechtes ins Spiel, der sich mit einem Termin versehen hat und nun – wo er schon einmal da ist – eine „Höhnung“ an dem Gefolterten vornimmt. Nach­dem er dafür gesorgt hat, dass er diese rückwirkend genehmigt bekommt, nimmt er sich des Gefolterten an, wird aber nach kurzer Zeit bei seinem Tun für einige Stunden unterbrochen. Den Folterer weist er an, dem Kunden unversehrt für einige Stunden am Leben zu erhalten, damit er dann weitermachen kann.
In dieser Sequenz steht eher das Verhältnis zwischen den beiden im Mittelpunkt, denn die Folterung und der zu Fol­ternde. Es geht darum, was sich Vor­ge­setzte ab einer gewissen Hierarchiestufe leisten können und wie schnell ein unbedachtes Wort eines Untergebenen diesen an den Rand der persönlichen Vernichtung führen kann. Während der eine scheinbar über den Dingen steht und bei seinen Äußerungen kaum ein Blatt gegenüber seinem Unter­ge­benen vor dem Mund nehmen muss, muss dieser umso mehr aufpassen, dass er die Situation nicht falsch einschätzt und sich versucht auf einer Stufe mit seinem Vor­gesetzten zu stellen.
Die Geschichte könnte man sich auch als Theaterstück vorstellen, da die Anzahl der handelnden Personen überschaubar ist und die Handlung in einem einzigen Raum stattfindet. Die Dialoge sind zudem so gestrickt, dass sie mühelos an solch einem Rahmen angepasst werden könnten.
Die Geschichte ist im Reigen der hier veröffentlichten Beiträge schon ungewöhnlich und verfügt über ihren ganz eigenen, bitteren Reiz. Wirklich lesenswert.

Medienschelte betreibt Arno Behrend in „Im Blitzlichtgewitter“. König William, der ja durch die Umstände, die zum Tod seiner Mutter geführt haben, ein wenig „vorbelastet“ ist, erwehrt sich mit durchschlagendem Erfolg der ständigen Medienpräsenz, indem er den Spieß einfach umdreht. Er stellt eine ihm untergebene Einheit auf, die dafür sorgt, dass jedes Fehlverhalten einzelner Medien­vertreter geahndet wird. So werden diese z.B. bei Versuchen ihn und seine Familie zu fotografieren einfach abgedrängt oder mit einem Blitzlichtgewitter gestört. Der Höhe­punkt ist sicherlich der Auftritt seiner neuen Beschützer bei einer Medienpreisverleihung, an der alle wichtigen Vertreter der britischen Medien teilnehmen. Diese lässt er von seinen Beschützern über Minuten hinweg auf ihren Sitzen ablichten. Die Verwunderung der Anwesenden schlägt schnell in Unver­ständnis und sogar in Wut um. Ihnen wird, natürlich sehr übertrieben, verdeutlicht, was es bedeutet, wenn man ständig und immer im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht und selbst innerhalb seiner vier Wände nicht mehr vor Bildreportern sicher sein kann.
Eine Geschichte, die durch ihre Über­spitzung an Aussagekraft gewinnt.

Frank Hebbens Geschichte spielt in einer menschenleeren Welt. Lediglich drei Men­schen scheinen den Angriff mittels einer neuen „Wunderwaffe“ in einer Kuppelstadt überlebt zu haben. Die Handlung wird aus der Sicht eines Jungen geschildert, der bereits unter der Kuppel geboren wurde und der sich an eine Zeit vor dem Angriff gar nicht mehr erinnern kann. Er durchstreift die immer mehr verfallende Stadt auf der Suche nach noch brauchbaren technischen Hinter­lassenschaften und Lebensmitteln. Für ihn ist die Welt zu einer Spielwiese geworden. Hingegen bleibt der gealterte Soldat zumeist in ihrer Behausung und bastelt mit Hilfe der eingesammelten technischen Hinterlas­sen­schaften an einer geheimnisvoll erscheinenden Apparatur. Wozu diese dient, wird deutlich, als es zu einem großen Realitätseinbruch kommt, der weite Teile der Stadt zu verschlingen droht. Mit Hilfe dieser Apparatur gelingt es diesen Einbruch zurückzudrängen. Gleichzeitig erfährt der Leser die mögliche Ursache für das plötzliche Verschwinden aller Menschen.
Die Geschichte weist einige Elemente des Steampunks auf, einer Phantastik-Richtung, die hierzulande gerade stark im Aufwind ist. Hebbens Welt ist – auch in ihrer Veränderung – sehr detailgenau beschrieben, was ebenfalls auf die handelnden Figuren zutrifft. Eine besondere Aussage kommt ihr hierbei nicht zu, was auch gar nicht weiter dramatisch ist, denn Hebben bietet solide Unterhaltung.

Gero Reimanns Figur in „Was denn noch?“ steht vor einem Luxusproblem. Er ist der reichste Mann der Erde, kann und konnte sich alles und jeden leisten und hat alle erdenklichen Freuden des Lebens genossen. Am Ende seiner Tage fragt er sich, was ihm eigentlich noch bleibt, was für Ziele er noch haben könnte. Da erscheint ihm ein Abge­sandter einer außerirdischen Macht, die ihm die Erfahrung eines nicht enden wollenden Todes anbietet. Als unsterbliche Wesen würden auch sie von seiner Erfahrung profitieren und ihm zudem noch jeden Wunsch erfüllen, den er sich selbst mit Geld und Macht nicht kaufen könnte. Wie z.B. die Vernichtung der gesamten menschlichen Rasse. Ein Angebot, welches für einen total übersättigten Menschen durchaus verlockend wäre.
Gero Reimanns Geschichte bringt es kurz und prägnant auf den Punkt. Am umfangreichsten ist noch die Beschreibung ausgefallen, wie übersättigt der Mann eigentlich ist. Das unwiderstehlich erscheinende Angebot hingegen nimmt nur einen kleinen Raum ein. Komplett verdorben ist der Mann jedenfalls noch nicht. Es besteht also noch Hoffnung für die Menschheit.

Virtuelle Welten dienen ja bereits heute als Fluchtorte vor der eigentlichen Realität, die für viele zu deprimierend und anstrengend erscheint. In Sven Klöppings Geschichte „Gothic Lovers“ hat sich die Welt zu einer technisierten Überwelt entwickelt. Das gesam­te Leben kann von zu Hause aus geführt werden. Lästige Interaktionen mit realen Personen sind nicht mehr notwendig. Solch einer Welt, die keinen „Kick“ bzw. keine Abwechslung mehr bietet, entzieht man sich indem man in virtuelle Welten abtaucht. In Klöppings Geschichte tauchen zwei Gothic-Fans in eine für sie gestaltete Welt ein und besuchen einen Friedhof. Vielleicht von der Idee her ein wenig zu klischeehaft, was man aufgrund der schriftstellerischen Ausführung aber gar nicht so bemerkt. Auffallend sind die ungewöhnlichen Wortschöpfungen, die sich einem zumeist erst im Kontext des Textes erschließen. Solch ein ungewöhnliches Vokabular findet man als Phantastikleser eher selten.

Um virtuelle Realitäten geht es ebenfalls in der Geschichte von Ralf Wolfstädter, die den Titel „Schädlingsbekämpfer“ trägt. Ein in einer virtuellen Realität ausgebildeter Attentäter führt seinen ersten Auftrag in der realen Welt aus. Der Abgang nach erfolgreich durchgeführter Tat erweist sich dann als nicht mehr so glatt verlaufend. Das Fluchtfahrzeug erscheint nicht und so muss der Attentäter sich zu Fuß durch eine für ihn fremde Stadt durchschlagen. Immer enger zieht sich das Netz aus Sicherheitskräften um ihn herum. Befindet er sich aber überhaupt in der Realität oder in einem Trainingsprogramm? Dank der technischen Entwicklung ist solch eine Frage nicht so einfach zu beantworten. Eine Unterscheidung für den Menschen gar nicht mehr möglich.
Die Geschichte hat man so oder leicht abgewandelt schon des häufigeren gelesen.

Michael K. Iwoleit steuert mit „Die Schwelle“ eine neue Novelle bei, die sich mit einem aktuellen, gesellschaftlichen Thema beschäftigt. Michael greift hier den Femizid auf. Zum Begriffsverständnis ein Auszug aus wikipedia: „Femizid ist ein Begriff des Feminismus für die Tötung von Frauen, vor allem durch Männer. Als Femizid wird auch die staatliche Duldung und Förderung dieses Verbrechens bezeichnet, wie es etwa in China, Indien und Guatemala geschieht.“
Seine Geschichte siedelt er in Mit­tel­ame­rika an. Dort werden Frauen ganz gezielt brutal gefoltert und anschließend ermordet. Der bzw. die Täter zeichnen dabei ihre Gefühle und Gehirnbilder auf, die dann auf dem „freien Markt“ angeboten werden. Die Käufer können sich diese Aufzeichnungen direkt in ihr Gehirn einspielen lassen und tauchen so völlig in die Gefühlswelt des Folterers ein. Das ganze läuft mehr oder weniger vor den Augen der Öffentlichkeit ab. Offizielle Stellen sind hierin mit verwickelt und schauen weg bzw. bleiben untätig, wenn Frauen verschwinden oder ihre Leichen nach Tagen, Wochen oder Monaten irgendwo wieder auftauchen. Die Verbrechenskartelle können frei schalten und walten.
Der SF-Anteil ist als eher gering zu betrachten, auch reicht die Geschichte vom sprachlichen her nicht an Iwoleits zuletzt von mir gelesenen Werke heran. Dafür wird schon sehr deutlich, dass er hier eine auf eine Sache gestoßen ist, die ihm sehr bewegt hat und die er dann schriftstellerisch in dieser Geschichte verarbeitet/aufgearbeitet hat. Insofern ist „Die Schwelle“ die Darstellung eines durch und durch perversen, gesellschaftlichen Missstand, der von uns nicht wahrgenommen wird.

Mein Highlight dieser Ausgabe ist die von Florian Heller verfasste Geschichte „Der Folterknecht“. Die von Michael K. Iwoleit verfasste Novelle (als Story kann man „Die Schwelle“ wirklich nicht mehr bezeichnen) war die Geschichte, die mich von der Thematik am stärksten beeindruckt hat. Ebenfalls sehr unterhaltsam sind die „Bikepunks“ von Uwe Post.

Andreas Nordiek

RONALD M. HAHN, FRANK HEBBEN, MICHAEL K. IWOLEIT (Hg.)
nova 17
Das Magazin für Science Fiction & Spekulation
Originalausgabe. Wuppertal 2010. ISSN 1864-2829. Umschlagillustration: Thomas Franke. Innenillustrationen von Markus Bülow, Carsten Dörr, Tim Eckhorst, Christian Edler, Tim Gaedke, Christoph Jaszczuk, Jan Neidigk, Stas Rosin, Die Nummer „85“. 231 Seiten, 12,80 Euro

 

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