Nova 17

Mit der aktuellen Ausgabe erfüllen die „nova“-Herausgeber gerade eben noch das selbstgesteckte Ziel zweier Ausgaben pro Jahr. Der Preis der Einzelausgabe bleibt seit Jahren erstaunlich stabil, mit 231 Seiten wird der Umfang sogar um erstaunliche fünfzig Seiten erweitert! Und was das Beste ist: nach einer ganzen Reihe schwächerer Ausgaben hat „nova“ mit der aktuellen Ausgabe wieder zu alter Form zurückgefunden!

Das Editorial widmet sich in „bewährter“ Weise dem ganz speziellen Wuppertaler „Humor“-Verständnis, bevor Uwe Posts „Bikepunks“ ein in seinen Grundzügen nicht sonderlich originelles Post-Doomsday-Szenario bevölkern, das immerhin rein handwerklich ganz ordentlich verarbeitet wurde. Florian Hellers „Der Folterer“ ist dann wahrscheinlich der unangenehmste Beitrag, der jemals in „nova“ veröffentlicht wurde: Der Autor verwendet ein hohes Maß an schreiberischem Geschick darauf zu schildern, wie ein seinen Beruf überaus ernst nehmender Folterknecht einen Mann allmählich einem möglichst unangenehmen Tode näher bringt. Ian Watson warnte einst in seinem Aufsatz „Der Autor als Folterer“ (deutsch in George Zebrowski, Synergy 3, Heyne SF 4927) davor, dass Schriftsteller sich zum Komplizen derartiger Praktiken machen, ein Vorwurf mit dem sich der talentierte Heller meiner Meinung nach durchaus auseinandersetzen muss. Es dauert jedenfalls viele, viele einfallsreich mit Schmerzen gefüllte Seiten, bis der Autor mit seiner Pointe herausrückt, was genau unter einer Torsokratie zu verstehen ist.

Sven Klöppings Friedhofs-FreundInnen („Gothic Lovers“) kommen nicht weit über das Stadium einer – atmosphärisch immerhin dichten – literarischen Skizze heraus. Gero Reimanns „Was denn noch“ stammt vermutlich aus dem Nachlass des frisch verstorbenen Autoren, der einen gelangweilten Superreichen ein interessantes An-gebot ausschlagen lässt. Auf nur knapp fünf Seiten dürfte etwas besseres Fanzine-Niveau kaum zu übertreffen sein.

Ralf Wolfstätters „Schädlingsbekämpfer“ ist ein Attentäter, der sich in den (virtuellen) Realitäten verirrt. Die dieser Geschichte zugrunde liegende Idee hat man auch schon das eine oder andere mal gelesen, Originalität, Umsetzung und Umfang stehen jedoch zueinander in einem angemessenen Verhältnis. Michael K. Iwoleits Beitrag ist dann zwar zweifellos gut gemeint… Ein Journalist folgt in Guatemala den Spuren eines regelrechten Femizids, also explizit gegen Frauen gerichteter Mord- und Gewaltserien. In Teilen gerät der Autor leider ins Referieren politischer Inhalte, auch überzeugt nicht jede Wendung der vierzigseitigen Geschichte komplett; Iwoleit gelingt in weiten Zügen dennoch die Entfaltung eines spannenden Plots.

Das literarische Highlight der Ausgabe stellt zweifellos das noch umfangreichere „Ultramarine!“, die Gaststory des Kroaten Aleksandar Ziljak, dar. Die Geschichte schildert die maritim geprägte Lebensgeschichte einer jungen Frau, der die Suche nach einem legendären Tiefseeungeheuer zur Obsession wird. Ziljak schafft eine Stimmung, die stark an die des „Moby Dick“ erinnert, ohne sein fasziniertes Publikum in derart tiefe Abgründe zu ziehen wie einstmals Herman Melville.

Frank Hebbens „Das Lichtwerk“ führt uns in eine weitere dystopische Zukunft. Drei Überlebende eines gnadenlosen Zukunfts­krieges müssen sich mit aus anderen Welten (oder gar Dimensionen?) entstammenden Bedrohungen auseinandersetzen. Die herauf­­beschworene Atmosphäre wird gerade dadurch beklemmend, dass Hebben nicht jedes für die Handlung wichtige Detail erschöpfend erklärt. Es würde mich nicht wundern, diesen Text zum Jahresende auf der Nominierungsliste des einen oder anderen einschlägigen Literaturpreises wiederzufinden.
„Die Suche nach außerirdischer Dumm­heit“ beschäftigt Volker Wittmann, dessen biografische Nähe zur Bundeswehr und zum militärisch-industriellen Komplex sich anschei­nend im latent paranoiden Unterton seiner Auseinandersetzung mit Stand und Gefahren der Suche nach außerirdischem intelligenten Leben manifestiert. Helmuth W. Mommers schon aus Platzgründen notwendig unbefriedigender Überblick „Die deutsche Science Fiction Kurzgeschichte 2009“ rundet eine weit überdurchschnittliche „nova“-Ausgabe ab.

Der Renzensent möchte abschließend noch die Gelegenheit nutzen, seinem großen Befremden Ausdruck geben, dass „nova“-Herausgeber und sein langjähriger Kollege und Freund Horst Pukallus nichts dabei fanden, ihren Roman „Wo keine Sonne scheint“ unter dem selben Dach verlegen zu lassen wie ausgewiesene Nazi-Science-Fiction. Bäh.

Peter Herfurth-Jesse

RONALD M. HAHN, FRANK HEBBEN, MICHAEL K. IWOLEIT (Hg.)
nova 17
Das Magazin für Science Fiction & Spekulation
Originalausgabe. Wuppertal 2010. ISSN 1864-2829. Umschlagillustration: Thomas Franke. Innenillustrationen von Markus Bülow, Carsten Dörr, Tim Eckhorst, Christian Edler, Tim Gaedke, Christoph Jaszczuk, Jan Neidigk, Stas Rosin, Die Nummer „85“. 231 Seiten, 12,80 Euro

 

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