Charles Stross – Du bist tot

Charles Stross - Du bist totDer neue Stross wartet mit einem knalligen Titel und einem bunten Cover auf und wird dadurch zu einem Blickfang in den Buchläden. Daß Charles Stross zu den momentan besten SF-Autoren zählt, stellt er mit diesem Near-Future-Thriller einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis.
Gerade Fans von digitalen Spielwelten werden vieles von dem wiedererkennen, was bereits schon heute möglich ist. Stross extrapoliert die Möglichkeiten ein wenig weiter, ohne dabei zu übertreiben.

Die junge Polizistin Sue Smith wird zur Hayek Associates gerufen und soll dort einen Diebstahl zu Protokoll nehmen. Als ihr die verantwortlichen Mitarbeiter erklären, was genau gestohlen wurde, kann sie dies nicht wirklich nachvollziehen. Die Bank eines weltweit bekannten Online-Games wurde bestohlen. Entwendet wurden hochwertige Artefakte, die die Spieler dort eingelagert hatten. Ein immenser Schaden, denn für die Einlagerung haben die Spieler virtuelles Geld erhalten. Viel schlimmer als dieser immaterielle Verlust ist für die Firma der Imageschaden, denn sie garantieren dafür, dass niemand in ihre Server eindringen und das Spiel manipulieren kann. Recht schnell wird deutlich, dass es nur ein Insiderjob gewesen sein kann, da nur ein Insider an die hochwertige Verschlüsselung herankommen kann.

Zwei weitere Hauptfiguren sind die Buchprüferin Elaine Barnaby und der Gameentwickler Jack Reed. Barnabys Gesellschaft rückt der Firma auf die Pelle, um abzuklären, ob diese ggf. gegen Sicherheitsauflagen verstoßen haben oder ob sich sonst etwas findet, dass die Geldgeber der Hayek Associates vor Schadensersatzforderungen schützen könnte. Da sie die einzige Mitarbeiterin ihrer Firma ist, die über ein wenig Ahnung über Spielwelten verfügt, wird sie zusammen mit Jack auf das Unternehmen angesetzt. Jack ist der externe Berater, jemand der aufgrund seiner fundierten Programmierungskenntnisse in der Lage ist, tief in die Strukturen der Sicherheitssysteme und der Spielwelt einzudringen.

Der aus Sues Sicht eigentlich belanglose Diebstahl von immateriellen Artefakten aus einer Spielwelt, entwickelt sich nach und nach zu einem handfesten Thriller. Hinter dem Ganzen steckt weit mehr als ein erfolgreicher Hackerangriff. Der Fall nimmt Dimensionen an, denen die drei Hauptdarsteller nur schwerlich gewachsen sind. Bei ihren Recherchen geraten sie in den Fokus rivalisierender Staaten, deren Schlachtfelder in der digitalen Welt liegen.

Der Roman besticht nicht nur durch eine rasante Handlung, die allerdings erst langsam Fahrt aufnimmt, und gut ausgearbeiteten Charakteren, sondern vor allem durch eine kenntnisreiche Schilderung von Cyberkrieg und weltweit vernetzten Gamern. Als Leser merkt man rasch, dass Stross in dieser Szene zuhause ist, sich in der modernen, digitalen Welt auskennt. Zudem erkennt er mögliche Entwicklungspfade, die einem als Leser nicht unbedingt alle begeistern werden.
Die von Stross entwickelte Zukunft erscheint einem verdammt plausibel und es wird einem schon ein wenig schummerig, wenn man einmal darüber nachdenkt, wie unbedarft man als normaler User eigentlich die digitale Welt nutzt. „Halting State“ ist ein überaus aktuelles Werk (auch wenn es nun schon drei Jahre alt ist) und zeigt einmal mehr, dass SF mehr sein kann, als nur reine Unterhaltung.

Andreas Nordiek

Charles Stross – Du bist tot
Aus d. Amerikanischen v. Usch Kiausch
Heyne, München, 2010
(orig.: „Halting State“, USA, 2007)
Paperback, 544 Seiten

 

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