Cherie Priest – „Boneshaker“

Cherie Priest - BoneshakerMitte der 70er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts: Seattle ist eine Geisterstadt. Nach einem mysteriösen Angriff – oder war es ein Unfall – strömt seit 16 Jahren ein verheerendes Gas aus dem Untergrund. Eine meterhohe Mauer dämmt die trägen, schweren Ausdünstungen in den Ruinen der Innenstadt ein, und schützt so die Außenbezirke vor den grässlichen Folgen des Gifts. Wer damit in Kontakt kommt, verwandelt sich in kurzer Zeit in einen „Rotter“, ein zombieähnliches kannibalistisches Wesen.

Zu den wenigen Überlebenden der Katastrophe gehört auch Briar Wilkes, die Witwe des Mannes, der mit seiner Tunnelmaschine „Boneshaker“ verantwortlich ist für die Katastrophe. Sie zieht den gemeinsamen Sohn Zeke alleine auf, arbeitet hart in der Wasserentgiftungswerken der Stadt, und muss sich der Schmähungen ihrer Kollegen und den Nachstellungen sensationslüsterner Reporter erwehren. Doch Zeke glaubt nicht an die Schuld seines Vaters, und als er sechzehn Jahre alt ist, verschwindet er eines Nachts, um in der vergifteten Stadt nach Beweisen zu suchen, die ihn entlasten. Denn Zeke weiß um die kleine Gemeinschaft von Halbweltbewohnern, die eingeschlossen in hermetisch verriegelten Kellern und Tunneln ein Schattendasein in der Unterwelt der vergifteten Stadt führt. Doch bevor sein Leichtsinn ihn ins Verderben führen kann, bricht Briar Wilkes auf, ihren Sohn zu suchen. Wie zu erwarten, müssen sie sich beide dem Erbe der Vergangenheit stellen, dass der Mann und Vater zurück gelassen hat.

Cherie Priests preisgekrönter Roman (er wurde mit dem Hugo Award 2010 für den besten Roman, den Locus Award 2010 für den besten SciFi Roman und einer Nominierung für den Nebula Award 2009 als bester Roman ausgezeichnet) ist auf Deutsch noch nicht erhältlich, die deutschen Rechte allerdings gingen im August 2010 an Heyne, und in Anbetracht des Erfolgs in den USA und der Tatsache, dass Steampunk im Ruf steht, die nächste Mode in der Fantastik zu werden, wird die Veröffentlichung hierzulande nicht lange auf sich warten lassen – der Berliner Übersetzer Frank Böhmert wird demnächst mit der Arbeit daran beginnen.

Denn Priest wollte dem eigenen Bekunden nach eine Art Großen Roman des Steampunk-Genres schreiben. Das ist ihr nur teilweise gelungen. Der Grundgedanke der verseuchten Stadt mit ihren zombiehaften Horden ist sehr eindrucksvoll und ideenreich ausgeführt, die Stimmung dicht, der Plot und das Ende nicht völlig vorhersehbar. Auch hat Priest genug Vertrauen in ihre Charaktere, die Atmosphäre, die Hintergrundgeschichte und das eigene schriftstellerische Geschick, nicht schon auf Seite Zwanzig die erste Explosion setzen zu müssen. Sie nimmt sich die Zeit, ihre Figuren einzuführen, zu erklären und in der grotesken Welt anzusiedeln. Daran tut sie gut, denn im weiteren Verlauf häufen sich die Zombieattacken dergestalt, dass man schon mal versucht ist, eine Seite zu überspringen. Ein bisschen weniger Action wäre mehr gewesen.

Doch spätestens gegen Ende hin, zum Finale und dem Showdown mit dem mysteriösen Dr. Minnericht, zeigt Priest ihre Stärken. Die verschiedenen Charaktere treffen aufeinander, Nebenfiguren finden eine Erklärung und Funktion, und die Handlung findet in einem logischen und befriedigenden Ergebnis Abschluss (wenn auch mit erheblichem Fortsetzungspotential. Nur weil Zeke und Briar ihre Geschichte erlebt haben, muss das ja nicht für das Rätsel um Seattles Schicksal gelten – oder die Zukunft einer Welt, in welcher der US-Bürgerkrieg noch immer andauert.) Unterm Strich ist Boneshaker ein erfreuliches Lesevergnügen, das zwar an seinem Anspruch scheitert, nichts desto trotz aber genug Neues bietet, um seinen Platz im Buchregal eines Steampunk-Fans zu finden.
Ein fader Nachgeschmack mag denen bleiben, die es mit der Political Correctness ernst nehmen, denn die „Chinamen“, also die Einwohner des unterirdischen Seattles chinesischer Abstammung, kommen nur wenig schlechter weg als die “Rotter”. Sie werden in einer unnahbaren und bedrohlichen Gesichtslosigkeit geschildert, die zwar ein Charakter aus den 1870er Jahren so empfinden könnte, die aber ein Menschen des 21. Jahrhunderts schlecht zu Gesicht steht. Man kann Priest dafür loben, hier mit den Augen ihrer Helden zu sehen und sich nicht dazu verleiten zu lassen, ihr Werk zu „Disneyfizieren“ – oder aber unterstellen, dass sie selber xenophobe Tendenzen hat, die sie hier nicht unterdrücken kann. Große Mauern haben ja im heutigen Amerika auch gewisse Aufgaben, nur dass sie nicht an der Grenze zu Katastrophengebieten errichtet werden, sondern an der zu Mexiko.

Michael Erle

Cherie Priest – „Boneshaker“
Tor Books
September 2009
ISBN 9780765318411
416 Seiten

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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