Ende einer Männerfeindschaft

Ein Fan auf Schicksalsmission – er hütet das Vermächtnis des Terraners

Robert Hector könnte sich langsam mal zurücklehnen: der Mittfünfziger hat es immerhin zu einem Doktortitel in Medizin, einem eigenen Wikipedia-Eintrag und einem Buch – „Die Hector-Diät“ – gebracht. Der gebürtige Saarländer könnte die zweite Lebenshälfte ganz gelassen genießen: Arzt im beschaulichen Nordschwarzwald, das klingt nach Idylle. Aber der Mann hat ein Hobby und das läßt ihn nicht zur Ruhe kommen, immerhin ist er laut Wikipedia ein „ausgewiesener Experte für Science Fiction, Futurologie und Kosmologie“.
Ungefähr zu der Zeit, als es Hector in den Schwarzwald verschlägt, taucht sein Name zum ersten Mal in den Seiten der Heyne-SF-Jahrbände auf. Hector kann in den Jahren darauf einige Rezensionen und Artikel im beliebtesten Backstein der deutschen Science-Fiction-Szene plazieren – ein Grund mehr, zufrieden zu sein. Erfolg im Beruf und im Hobby, das kann sich sehen lassen.
Doch es scheint, als habe er noch einen Auftrag zu erfüllen. Mitte der 90er Jahre wird er immer häufiger als Autor sekundärliterarischer Beiträge genannt. Sein Thema: „Perry Rhodan“.

Studiert hat Klaus Norbert Frick nicht. Es gibt wichtigeres im Leben: gute Musik zum Beispiel, eine aufrechte, redliche Lebenseinstellung, Fleiß, Ordnung, schwäbische Tugenden, die man nicht unbedingt belächeln muß, wie er sagen würde, fragte man ihn danach. Das Schwäbische liegt ihm ja im Blut, immerhin ist er im Nordschwarzwald geboren.
Er ist viel unterwegs und bleibt doch treu, der Heimat und den Leidenschaften, und als er Anfang der 90er Jahre beginnt, für die Verlagsunion Pabel-Moewig mit an der „Perry Rhodan“-Serie zu arbeiten, da lächeln einige noch, die ihm so etwas spießiges gar nicht zugetraut hätten, doch eigentlich erfüllt er sich damit nur einen langgehegten Traum. 1998 löst er Florian Marzin als Chefredakteur ab und von da an ist „Perry Rhodan“ sein Schiff, er bestimmt den Kurs, zusammen mit einer bunt zusammengewürfelten Autorenmannschaft, die sicher viele Talente in sich vereint, vor allem aber froh ist, daß man als Science-Fiction-Autor in Deutschland Geld verdienen kann.
Und die Leser? Eigentlich mag Frick die Leser, unabhängig von der Tatsache, daß sie auch die Käufer sind, die über das wirtschaftliche Schicksal der Serie entscheiden. Fans sind da schon schwieriger, denn der „fanatic“ ist ihm suspekt, der deutsche Fanatiker um so mehr. Einst verzweifelte er auf einem Podium in Sinzig am Rhein fast an der Hartnäckigkeit altgedienter Rhodanisten, die wissen wollten, warum das Dimesextatriebwerk keine Rolle mehr spiele. Einfache Antwort: das Ding war zu mächtig, zu weitreichend, das unvermeidliche Galaxien-Hopping hätte das Flair der kosmischen Dimensionen zu einem U-Bahn-Trip verkommen lassen. Mit so etwas Simplem wie Dramaturgie darf man einem Rhodan-Fan jedoch nicht kommen, also rang Frick auf der Bühne sichtlich genervt um kanonisch korrekte Antworten. Fans sind anstrengend.

Ein überflüssiges Sachbuch

Im Februar 2011 veröffentlicht Klaus Frick in seinem privaten enpunkt-Blog eine Buchbesprechung, Titel des vorgestellten Werkes: „2500 – die fiktive Zukunft der Menschheit“, erschienen bei Michael Haitels p.machinery-Verlag als Teil der AndroSF-Reihe, Mitherausgeber und Mitautor: Dr. Robert Hector, Thema: ein Überblick über die „Perry Rhodan“-Serie. Urteil Frick: „kein gutes Buch, nein, es ist sogar ein überflüssiges Werk“. Bemerkenswert: Der Titel ist bereits seit Juli 2009 auf dem Markt. Sollte er Fricks Aufmerksamkeit anderthalb Jahre lang entgangen sein? Natürlich nicht: perry-rhodan.net stellt „2500 …“ schon im September 2009 vor, wenige Wochen nach Erscheinen, wenngleich völlig wertneutral.
Frick ist Anfang 2011 deutlicher: „Es bleibt ein Sachbuch, das keiner braucht und das auch inhaltlich schlecht ist. (Kapitel, die ich genauer gelesen habe, enthalten haufenweise Fehler; wenn’s beispielsweise um Verlagsinterna geht, von denen der Autor keine Ahnung hat.)“ Das läßt aufhorchen: Hector ist seit Jahren als akribischer Kenner der Rhodan-Serie bekannt, er veröffentlicht in der SOL, dem Magazin der verlagsnahen Perry-Rhodan-Fanzentrale, und sogar im PR-Report, der den Romanen beigeheftet wird – näher kommt man dem Heiligen Gral nur noch als Autor. So jemand macht keine Fehler, denkt man, der kennt sich aus.
Der Meinung ist Hector auch: „Wenn da haufenweise Fehler drin sind, dann soll er sie benennen. Der Beitrag ist reinste Polemik, der Informationsgehalt Null.“ Aber geht es hier wirklich um inhaltliche Fehler? Möglicherweise hat Hector in Wahrheit taktische Fehler gemacht.

Die große Vision

Ende November letzten Jahres ließ Frick Hector wissen, daß keine weiteren Beiträge von ihm mehr im PR-Report oder im PR-Journal erscheinen würden. Der Artikel, der jüngst für das PR-Journal angekauft worden sei, würde der letzte Hector-Beitrag sein, den ein offizielles „Perry Rhodan“-Medium veröffentlichte. Hector nutze seit Jahren jede Chance, um Autoren und Redaktion massiv anzugreifen, dafür müsse man ihm nicht auch noch die Plattform liefern. Kommentar Hector: „es gibt nicht nur Zensur bei WikiLeaks, sondern auch bei Perry Rhodan. In beiden Fällen heißt es: Das Imperium schlägt zurück.“
Robert Hector antwortet daraufhin mit einem „offenen Wort an die Perry Rhodan-Redaktion“: „Klaus droht das Schicksal, der dunklen Seite der Macht zu erliegen.“ In der Folge beschäftigt sich das seitenlange Traktat mit den unrühmlichen Seiten der Fandomgeschichte, mit dem Recht auf Kritik, mit Lesererwartungen, aber vor allem kritisiert Hector den Umgang mit dem „Kanon“ der Serie – „dünnbrüstige Idee“, „unausgegoren“, „Überstrapazierung“ –, ermahnt, weist auf fehlendes wissenschaftliches Flair hin, beschäftigt sich mit der Frage, was eigentlich Fantasy ist und erklärt nebenbei noch den Begriff Science Fiction. Er beschäftigt sich mit der Dramaturgie, geht auf einzelne Autoren ein – „…Kaspar: genialer Autor …“, für Heftromane eigentlich überqualifiziert – um dann endlich die Katze aus dem Sack zu lassen: „Was fehlt, ist die große Vision, Expeditionen an die Grenzen des Wissens und des Denkbaren, große spekulative Würfe, in der Art von Lem oder Dick. Die Mission des Perry Rhodan und der Terraner soll einen Sinn haben, [der von] Willi Voltz in den letzten Sätzen in Band 1000 angerissen wurde… (…) Diese Sätze mögen angesichts globaler Orientierungslosigkeit und postmoderner Beliebigkeit dem Zeitgeist widersprechen und antiquiert wirken, aber jeder ahnt, dass die Welt vor gewaltigen Veränderungen steht. Dann wird ein Fundament von Werten erforderlich sein, die den Humanismus dem Krieg und der Gewalt vorziehen.
Diese Voltzsche Vision von einer ,Harmonie des Kosmos‘ ist in den letzten Jahren angesichts einer Inflation von Raumschlachten ad absurdum geführt worden.“

Verrücktes Koordinatensystem

Neben Idylle gibt es noch etwas im Nordschwarzwald reichlich: obskure Religionsgemeinschaften, manchmal in jedem Tal eine andere. Da fällt jemand, der die Umsetzung der „Harmonie des Kosmos“ nach Voltz fordert, überhaupt nicht auf. Im Fan-Kreisen ist man Hectors Elogen schon gewöhnt. So schrieb Dirk van den Boom, damals Fanzinerezensent, in FO 141 über Dr. Robert Hector: „Er, der größte aller PR-Fans (…) scheut auch nicht davor zurück, furchtbar theatralisch zu werden, was er ja immer gut kann. Tenor: ,… hier wird die großartige Kosmologie von Willi Voltz verraten‘. Vielleicht muß da jemand mal sein Koordinatensystem zurechtrücken – wir reden doch immer noch über eine Serie aus dem Bereich der Trivialliteratur, oder? (…) Kosmologie hin oder her, wen interessiert es?“ Das war 2001.
Zwei Jahre zuvor, 1999, fragt „Donovan“ bei wer-weiss-was: „Ich bin beim Surfen auf eine phantastische Seite gestoßen. Dieser Dr. Robert Hector scheint den totalen SF-Überblick zu haben. Ich hab alle seine Artikel mit Rieseninteresse gelesen, obwohl ich viele der besprochenen Werke nicht kannte. Wer weiß was über diesen Mann? (…) Ist das ein Futurologe oder irgendein eher unbekannter Experte?“ Ist das eine Frühform des viralen Selbstmarketings oder echte Verehrung? Ein anderer Fan, der Perrypedia-User „Lupus“, hat jedenfalls dafür gesorgt, daß Hectors Perrypedia-Eintrag, der auch die SF-Expertenschaft und eine sehr lange Liste an Fanzinebeiträgen enthält, Einzug in das „echte“ Wikipedia hielt – die Veröffentlichungsliste wurde „Lupus666“, der sich heute „Sternweh“ nennt, jedoch mangels Relevanz alsbald zusammengestrichen, so daß lediglich das Diät-Buch von 1997 dort für Hectors Ruhm arbeitet – ein zweites würde bei Pabel-Moewig wohl auch nicht mehr erscheinen können.
Ein paar offzielle Zeilen aus Rastatt sollen das Bild im Rahmen zurechtrücken. Klaus Frick: „Dr. Robert Hector ist ein Fan, der seine Meinung zur Serie hat. Diese deckt sich meist nicht mit der Meinung der Autoren und der Redaktion, was nicht weiter schlimm ist: Geschmäcker und Meinungen sind von Natur aus verschieden. Das hält ihn nicht davon, allerlei Fanzines mit Artikeln vollzuschreiben, in denen er uns – verkürzt – vorwirft, die wahre Lehre zu verraten und irgendwelche Exposé-Vorschläge aus dem Jahr 1986 bis heute zu ignorieren, in denen er uns vor allem vorhält, sein geniales Konzept der Mind Children nicht zu übernehmen. Das wiederum hält uns nicht davon ab, diese Fanzines in den ,Perry Rhodan‘-Clubnachrichten und auf der ,Perry Rhodan‘-Homepage wohlwollend zu besprechen.
Darüber hinaus sehe ich es aber nicht ein, ihm auch noch eine bezahlte Plattform zu geben. Über diese wiederum erlangt er dann seine Reputation in Fan-Kreisen, die seine Meinung über die Meinung anderer Fans hinaushebt – was im übrigen nicht korrekt ist, weil schließlich die Aussagen und Meinungen eines jeden Fans gleichermaßen wichtig und berechtigt sind.“
Robert Hector ficht das alles nicht an. Gelassen kommentiert er: „Im Grunde vertritt Klaus Frick den Standpunkt der reinen Unterhaltung.“ Wie wohl die meisten anderen Menschen angesichts einer Heftromanserie – welchen auch sonst?
Hectors Buch von 2009 ergeht es jedenfalls nicht besonders gut. Wie heißt es bei Amazon? „Was kaufen Kunden, nachdem sie diesen Artikel angesehen haben? 43% kaufen ,Fast alles über Perry Rhodan. Das Buch für Fans. Anekdoten und Wissenswertes zum Jubiläum der größten SF-Serie des Universums‘ von Eckhard Schwettmann. 19% kaufen den auf dieser Seite vorgestellten Artikel.“ Aber was kann ein Eckhard Schwettmann schon über „Perry Rhodan“ wissen? Der kann doch bloß Marketing …

Manfred Müller

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
Abgelegt unter Fans und getaggt mit , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Ende einer Männerfeindschaft

  1. Ralf Grosser sagt:

    Meinungsfreiheit?
    Diese steht im Perryversum nur Menschen zu,mit dem Kosmischen Bewustsein eines Klaus Frick.