John Scalzi (Hrsg.) – Metatropolis

John Scalzi (Hrsg.) - MetatropolisNur ganz selten werden heutzutage Novellen-oder Kurzgeschichtensammlungen in den großen Taschenbuchverlagen verlegt. Selbst Autoren, deren Romane hierzulande gute Verkaufszahlen aufweisen, können ihre Kurzgeschichten nicht an deutschsprachige Verlage verkaufen. Der Heyne-Verlag ist dieses Wagnis dennoch eingegangen und dies aber nur, weil zwei der fünf hier vertretenen Autoren sich im aktuellen Verlagsprogramm wiederfinden und deren Verkaufszahlen anscheinend ordentlich sind. Neben John Scalzi ist dies Karl Schroeder.
Weiterhin sind Tobias Buckell, Elizabeth Bear und Jay Lake mit jeweils einem Beitrag dabei.
Ursprünglich wurden diese Geschichten für eine Hörbuchanthologie verfasst, dann aber doch noch in schriftlicher Form unter die Leute gebracht. Wem wundert es, sind doch alle fünf Autoren in den USA und Kanada reichlich bekannt und haben zusammen schon diverse Genre-Preise gewonnen.
Allen Geschichten gleich ist ein sehr pessimistischer Handlungshintergrund. Die Zukunft, in der alle fünf Geschichten spielen, könnte man als Abgesang auf die heutige, westliche Zivilisation bezeichnen. Der grenzenlose Kapitalismus hat schon vor Jahren seine Grenzen erreicht und ein “weiter so” ist nicht mehr möglich. Eine Vielzahl von Menschen scheint dies erkannt zu haben und versucht erst im Kleinen und dann in immer größeren Dimensionen sich von dem Status Quo zu entfernen. Sie bauen in Geheimen an einer neuen Zivilisation, eine die die natürlichen Ressourcen nicht hemmungslos verschwendet, sondern sie nachhaltig nutzt.

Jay Lake eröffnet den Novellenband mit seiner Geschichte über die Metatropolis, einem Zusammenschluss der amerikanischen Großstädte zwischen Portland und Vancouver, nun Cascadia genannt. In diesem Moloch, deren Kerne von Wildnis umgeben sind, versuchen Menschen in Einklang mit der Natur eine neue Zivilisation aufzubauen. Wohl wissend, dass die auf Technik beruhende alsbald ihren letzten Atemzug tun wird. Die Idee hinter diesem Zusammenleben ist die, dass es kaum gesellschaftliche Strukturen gibt. Es gibt kein politisches oder wirtschaftliches Zentrum. Jeder bringt seine eigenen Fähigkeiten in das Projekt ein, findet seinen Platz in einem atmenden System, dass sich bei Druck in seine Bestandteile zerlegen und so verschwinden kann. In Einklang mit der Natur zu leben bedeutet natürlich auch den Annehmlichkeiten der Zivilisation zu entsagen, Privatbesitz ist nur eingeschränkt möglich, da man dauernd auf den Absprung ist. Mobilität ist unabdingbar und Unabhängigkeit von den herrschenden Strukturen unbedingt gewollt.
Lakes Welt hat einen ganz und gar „grünen“ Anstrich und für uns ist es nur schwer vorstellbar, dass solch eine Gesellschaft langfristig ihr überleben sichern kann. Sein Weltenentwurf ist zudem nicht brandneu, sondern andere vor ihm haben schon in vergleichbare Richtungen gedacht.

Tobias S. Buckell verlegt seinen Zivilisationsentwurf in die Mitte der Städte. In „Raumschiff Detroit“ wird ein Wolkenkratzer zu einer vertikalen Farm umgerüstet. Viele dieser Hochhäuser sind längst verlassen, da ihr Betrieb wirtschaftlich nicht mehr tragbar ist, und unansehnlich geworden. Innerlich aber bieten sie genau den Zuschnitt, um großflächige Farmen in ihnen zu betreiben. Auf engsten Raum und mit einem Mischmasch aus modernster Technik und viel Improvisationstalent werden diese Hochhäuser einer neuen Bestimmung zugeführt. Natürlich geschieht dies gegen den Willen der Eigentümer und der Politik. Wie man aber dennoch sein Ziel erreichen kann, schildert Buckell in seiner Geschichte, in der einmal mehr flexible Strukturen menschlichen Agierens den Ausschlag bilden. Buckells Geschichte wird in weiten Teilen als ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Aktivisten und den Kräften der Herrschenden dargestellt und hat damit viel Subversives.

Elizabeth Bears Geschichte spielt ebenfalls in Detroit, beleuchtet aber ein ganz anderes Szenario. Hier steht eine junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens, die mit einem Kind ihrem brutalen Geliebten entkommen konnte. Mit viel Geld gelang ihr eine Flucht aus der Ukraine, einem sonst sehr abgeschotteten Staat. Ihr potentielles Wissen über einen möglichen Fluchtweg ist für die Befürworter einer neuen Lebensweise ungeheuer wichtig, da sie nach einer Möglichkeit suchen, um mehrere ihrer Gesinnungsgenossen aus der Ukraine herauszuschmuggeln. Sie wollen die junge Frau, die sich und das Kind bisher erfolgreich vor den Nachforschungen ihres ehemaligen Geliebten verbergen konnte, aber nicht zur Mitarbeit zwingen. Vielmehr versuchen sie sie von ihrer Lebensweise zu überzeugen. Hierbei schildert Bear dann, wie diese neue Lebensweise mitten in einer zerfallenden Großstadt aussehen könnte.
Die beiden Geschichten haben mir gut gefallen. Sie ergänzen sich nicht nur inhaltlich, sondern erzählen jede für sich eine lesenswerte Geschichte, in der einzelne Menschen im Mittelpunkt des Geschehens stehen.

John Scalzi selbst wählt in seiner Novelle einen etwas kleineren Blickwinkel, indem er lediglich eine Person in den Mittelpunkt stellt und weniger das große Ganze. Benjamin ist ein jungendlicher Herumtreiber, der sich so gar nicht damit anfreunden kann sich einen Job suchen zu müssen. Dank der hohen Stellung seiner Mutter litt er keinen Mangel und musste sich nie großartig anstrengen. Seine Mutter regelte vieles für ihn und dies macht halt bequem. Damit ist es allerdings aus, als er unmissverständlich von der Stadtführung aufgefordert wird sich einen Job zu suchen. Da seine Qualifikationen nicht besonders berauschend sind, erhält er einen Job in einen der städtischen Schweinefarmen, Diese sind in Hochhäuser angesiedelt und versorgen die Menschen nicht nur mit Fleisch, sondern dank ihres Methanausstoßes auch mit Strom. Keine Arbeit nach Benjamins Geschmack, aber er freundet sich so nach und nach mit seinem neuen Job an.
Seine Gewitztheit kann er unter Beweis stellen, als Menschen von außerhalb der Stadt in den Schweineturm vordringen und versuchen DNA zu stehlen. Die Stadtoberen haben immer zugesehen, dass keine ihrer neuen Erfindungen oder Verbesserungen nach außerhalb weitergegeben wurde. Man wähnte sich hinter hohen Mauern immer sicher vor dem Chaos der Wildnis. Ein Trugschluss wie sich herausstellt.
Der Hintergrund verliert in der vierten Novelle den Reiz des Neuen und somit kann Scalzi damit nicht mehr punkten. Seine Geschichte bietet darüber hinaus nicht viel Neues. Den jugendlichen Nichtsnutz, der sich dann doch berappelt und zum Helden wird, hat man anderweitig schon gelesen. Die Handlung ist zudem nicht besonders spannend und bietet einen vorhersehbaren Verlauf. Kein Highlight, des ansonsten so gefeierten Autoren.

Karl Schroeder geht mit seiner Geschichte noch einen Schritt weiter. Seine Geschichte „Ins ferne Cilenia“ spielt ebenfalls vor dem gemeinschaftlich ausgearbeiteten Hintergrund, geht aber darüber hinaus. Er geht davon aus, dass es dank der technischen Weiterentwicklung möglich sein wird, eine ganze Zivilisation innerhalb des Internets aufzubauen. Natürlich existieren die realen Körper weiterhin in der realen Welt. Hingegen bewegt sich der Geist in einer Welt, die völlig abgeschottet ist von den bekannten Welten innerhalb des Netzes. Man muss sich diese Welt vorstellen als ein Spiel innerhalb eines Spieles. Zugang erhält man nur, wenn man sich für die Aufnahme bewährt hat. Wer einmal drin ist, dem eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten und Perspektiven. Er ist Mitglied eines Systems, welches völlig abgeschottet von der normalen Zivilisation existiert. Mittels modernster Technik kann man sich weltweit bewegen und sogar real agieren, wenn man jemanden anheuert seinen Geist für kurze Zeit aufzunehmen. Das Ganze wirkt ein wenig wie menschliche Fernsteuerung und bietet ungeahnte Möglichkeiten.
Ein durchaus faszinierendes Gedankenspiel, welches Schroeder noch um die Frage anreichert wie unabhängig solch ein menschlicher Zusammenschluss tatsächlich von der Realität agieren kann. Da die Menschen physisch noch im Hier und Jetzt leben, wenn auch oftmals versteckt vor den Menschen außerhalb ihres Kreises, ist eine Interaktion letztlich unvermeidlich. Weiterhin stellt sich die Frage wie real tatsächlich solch ein Zusammenschluss ist, dessen Existenz rein im virtuellen zu finden ist.

Insgesamt gesehen stellen die fünf Novellen keine Highlights der SF-Literatur dar. Sie sind nicht eigenständig genug, um ein zukünftiges Metatropolis in alle seinen Facetten ausloten zu können. Dafür bauen sie zu sehr aufeinander auf. Spannender wäre es sicherlich gewesen, wenn man den Autoren deutlich mehr Freiraum gegeben hätte, indem man sie nicht einen gemeinschaftlich zu nutzenden Zukunftsentwurf hätte ausarbeiten lassen.

Andreas Nordiek

John Scalzi (Hrsg.)
Metatropolis
Heyne 2010
Originaltitel: METATROPOLIS; USA 2009
412 Seiten

Weiterführende Links

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Abgelegt unter Bücher und getaggt mit , , , , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf John Scalzi (Hrsg.) – Metatropolis

  1. Pingback: Kurd-Laßwitz-Preis 2011: Nominierungen | Fandom Observer