Der Plan

„Der Mensch lebt in seinem Kosmos des ihm bekannten. Er wird in eine Familie geboren, von ihr in vielfältiger Weise geformt und beginnt darüber hinaus mit all den/dem anderen im Kreis zu interagieren. Leben nimmt seinen Lauf und wir haben keinen wirklichen Schimmer worauf alles hinauslaufen soll.“
(Elodie Jardinier)

The Adjustment BureauDer „freie Wille“ beschäftigt die Philosophie dieser Welt seit den Ewigkeiten erster komplexer Vorstellungskonstrukte. Ist der individuelle Mensch grundsätzlich in der Lage seine, ihn betreffenden, eigenen Entscheidungen zu treffen? Oder sind wir in der Masse nur die willfährigen Lemminge einer biologischen Reaktionskaskade? Ausgeliefert einem Umfeld, das uns zu konditionieren und kontrollieren sucht? Oder faktisch dazu verdammt einer „höheren Instanz“ auf Gedeih und Verderben ausgeliefert zu sein?

Der rein biologischen Deutungsvariante kann man wohl die Wesensart eines jeden Menschen entgegen halten. Den Menschen auf einen biochemischen Funktions-Cocktail zu reduzieren, negiert die Existenz einer jeglichen Kreativität. Die Schönheit liegt seit Anbeginn im Auge des Betrachters und kann nicht auf eine chemische Abfolge von Reaktionen in unserem Körper eingedampft werden. Der Einfluss unserer jeweiligen Umgebung wiederum lässt sich nicht in ein Schema fassen und somit auch nicht generalisieren. Wir alle reagieren anders auf die Einflüsse, denen man ausgesetzt wird. Ein Konzept lässt sich damit aus keiner Statistik heraus arbeiten. Schließlich das „göttliche Prinzip“, das in nicht wenigen Augen als ultima ratio existiert. Ein Lenker, der alle Schicksale vorherbestimmt. Aber worin mag das göttliche Wirken einen Sinn offenbaren, wenn das dann so genannte Schicksal Eva oder Adam einen Tiefschlag versetzt?! Dabei ist nicht die Rede vom Leid das Menschen einander zufügen, sondern von dem einer dritten Instanz. Der Steinschlag, der sich aus einer Felswand löst. Eine Springflut. Tod im Kindsbett. Eine Obrigkeit dafür verantwortlich zu machen ist vielleicht nur der Versuch eine Tragödie nicht näher an sich heran zu lassen.

Schlussendlich – wir leben. Wir haben keine definitive Antwort auf den Sinn. (nur Theorien) und müssen uns an jedem Tag die Frage stellen, was uns zu dem Menschen macht, der wir sind. Gibt es den Imperativ, der eine kollektive Beeinflussung rechtfertigt? Kann sich eine Instanz das ultimative Recht vorbehalten über den Gang eines Lebens zu entscheiden?! Die Freiheit der Entscheidung gegen die Versklavung durch einen übergeordneten Plan?!? Und wo soll sich das Individuum hierbei sehen?
Frage an Frage, die sich im Kontext mit George Nolfis Regiedebüt augenscheinlich in den Raum drängt. Augenscheinlich im Sinne einer Präsenz – nicht dem einer moralisierenden Botschaft.

Demokrat David Norris (Matt Damon) ist kurz vor der Rede, in der er den eingeübten Standard eines jeden Politikers geben muss. Dem siegreichen Kontrahenten gratulieren, die eigenen Anhänger im Selbstwertgefühl aufbauen und das wichtige Bonmot vom Aufstehen nach dem Fall. Norris hat sich in die Einsamkeit eines Klosett-Saals zurückgezogen (wobei sich „Einsamkeit“ und „Foyer-Toilette eines Hotels“ eigentlich ausschließen), um seine Rede zu überdenken und auf der separaten Schiene die unerwartete Niederlage zu verdauen. Mitten in seine Rhetorik platzt die Ausdruckstänzerin Elise Sellas (Emily Blunt) und offenbart ihm ihr Dilemma. Nicht, weil sie sich in der Herren-Toilette aufhält, sondern weil sie nicht richtig zu entscheiden wusste, ob es besser wäre ihn weiter in Unkenntnis über ihre Anwesenheit zu lassen, oder den Einblick in seine Seelenlage zu beenden. Die Tänzerin und der Politiker kommen direkt miteinander ins Gespräch und Elise gibt Norris alsbald den Rat sich von der Rede in dieser Form zu verabschieden. Offen wie direkt sein und nicht die Hülsen benutzen, die ihm ein Strategiebüro auf „Glaubhaftigkeit & Wirkung“ hin abgeklopft hat. David ist beeindruckt, doch ehe er näher auf die fremde Schöne eingehen kann entschwindet sie ihm auch schon wieder leichten Fußes.

Der Plan - StillsEinige Zeit später begegnet er ihr ein weiteres Mal durch Zufall. In einem Bus zur Arbeit erkennt David sie in der Menge und ist jetzt gewillt die Bekanntschaft zu vertiefen. Weniger erbaut davon ist Harry (Anthony Mackie), der hektisch versucht den Bus zu erreichen. Vergebens. Nur für eine Sekunde hatte er seine Augen geschlossen und David Norris konnte ungehindert just diesen einen Bus besteigen. Für den Mitarbeiter des Adjustment Bureaus in zweifacher Hinsicht eine Katastrophe. Nicht nur, dass sein Zielobjekt die Frau näher kennen lernt, die er laut „Plan“ nur einmal (!) hätte treffen sollen. Viel weitreichender dürfte sein, dass er damit früher im Büro seines Freunds und Geschäftspartners Charlie Traynor (Micheal Kelly) eintreffen wird. Harry kann nicht verhindern, dass David – mit Elises Nummer in der Hand – die Geschäftsräume betritt. Geschäftsräume, in denen jeder in der Bewegung erstarrt scheint. In sich gekehrt vor Glück Elise doch noch einmal begegnet zu sein, bemerkt der Eilende nichts. Bis er einen Besprechungsraum betritt, seinen Freund und einige Kollegen zur Salzsäule erstarrt wahrnimmt und sieht wie einige Fremde mit Hüten sich mit Hilfe von seltsamen Geräten an Charlies Kopf zu schaffen machen. Der Unerwartete ist schnell entdeckt und noch schneller in Gewahrsam genommen. Richardson (John Slattery), der sich als Teamleiter zu erkennen gibt, offenbart David Norris – notgedrungen – die Hintergründe seines Bureaus. Eine Dienststelle, die sich darum kümmert, dass jeder Mensch entlang der ihm bestimmten Zeitlinie voranschreitet. Für den Fall, dass jemand den Pfad verlassen könnte, wird korrigierend eingegriffen. Wie im Fall von Charlie Traynor, der einer wichtigen Geschäftsidee von David noch skeptisch gegenüber stand. Laut Plan hätte der Bureau-Mitarbeiter Harry Letzteren mit einem Kaffeebecher aufhalten sollen. Nun ist aber das Malheur geschehen und Richardson stellt den Entwischten vor die Alternative. Entweder er vergisst alle Ereignisse seitdem er in den Bus stieg, oder der „Vorsitzende“ würde ein Null-Reset an ihm durchführen. Defacto eine Lobotomie seines bisherigen Lebens. Als erste Maßnahme entsorgt Richardson zunächst Elises Nummer. Auch hier schreibt der Plan einen anderen Weg vor.
David ist wie vor den Kopf gestoßen. Als er aber erkennt, dass es vor Richardsons Männern kein Entkommen gibt, stimmt er dem großen Plan zu. Für den Kleinen – eine Zukunft mit Elise – ist er jedoch nicht so schnell bereit klein beizugeben.

Es sollte keinen überraschen, dass das von George Nolfi adaptierte Skript nicht mehr sonderlich viel mit Dicks Vorlage „Adjustment Team“ von 1953 zu tun hat. Eben die Idee, dass es eine Gruppe gibt, die die Einhaltung eines allumfassenden Plans gewährleistet. Es ist die allgemeine Regel im Filmgeschäft und im Falle von Philip K. Dick erst recht und grundsätzlich. So entstanden über die Jahre seit dem frühen Tod des SF-Granden nicht wenige Produktionen, die aus der Vorlage – zumeist ja Kurzgeschichten – entweder reißerische SF-Action (‚Paycheck‘ / ‚Total Recall‘, FO #16), ein grundsätzliches Missverständnis (‚Minority Report‘), solides Handwerk (‚Screamers‘ / ‚Impostor‘) oder aber den (!) Klassiker (‚Blade Runner‘, RAY #3) machten. Obwohl Nolfi, der sich mit der Fortsetzung und dem Abschluss der ‚Bourne-Trilogie‘ seine Sporen verdiente und dem man die Mitarbeit am weichgespülten Zeitreiseabenteuer ‚Timeline‘ (von 2003) nachsehen sollte, eine Liebesgeschichte in das Zentrum der Aufmerksamkeit stellt, gehört dieser Dick zu den eher gelungenen Versuchen. Abgesehen davon, dass ihm (wie den beiden Hauptdarstellern) die Beziehungsanbahnung durchweg überzeugend gelingt – wobei Miss Blunt noch nicht einmal auf meiner Wellenlänge liegt – zieht der Film seinen Drive aus der Positionierung des Zuschauers, der alsbald innerlich gegen die Totalitarität eines vorbestimmten Schicksals (mit-)aufbegehrt. Er steht somit hinter den Helden, die sich einem für sie verordneten „Glück“ zu entziehen suchen. Eine ergiebige Bühne, auf der sich die eingeflechteten Überlegungen zur Thematik bestens entfalten können. Entfalten ohne ein Moralisieren, denn obwohl Nolfi seinen Protagonisten ein Happy End spendiert – der ominöse „Vorsitzende“ schreibt den Plan kurzerhand um, weil David und Elise bereit waren ihr gemeinsames Leben in die eigene (!) Hand zu nehmen – geschieht dies ohne tranigen Beigeschmack. Dem Beigeschmack so mancher US-Streifen, die einen irgendwann denken laßen, man nähme am lokalen Staatsbürgerkundeunterricht teil (siehe das abgrundgrottige Ende von Costners ‚Postman‘).

Amüsant ist die Interpretation einiger Kritiker, dass es sich bei den Mannen mit den Hüten um eine göttliche Truppe handelt, weswegen der Chairman nur einer (!) sein könne. Dagegen spricht, dass sie bei ihrer Beeinflussung von Gedanken (Charlie Traynor) technische Gimmicks benutzen. Vom Transfer via Dimensionstüren ganz zu schweigen. Davon abgesehen wird David von einer Art Revisor (Terence Stamp), der sich seines hartnäckigen Falls annimmt, erzählt, dass sie (wer immer sie auch sind) die Menschheit beobachtet haben. Bis sie sie eines Tages ihrem freien Willen überließen und das finstere Mittelalter, Inquisition und zwei Weltkriege die Folgen waren (sehr viel Europa hier!). Seitdem wirkt das Bureau wieder aus dem Hintergrund auf eine bessere Zukunft hin (David Norris soll hierin ein wegweisender US-Präsident werden). Ein Verhalten also, das eher an eine (zumindest technisch!) höher entwickelte Zivilisation als denn an göttliches Wirken denken lässt. Gut, abgesehen davon säumten den Weg der Menschheit bis zum Mittelalter auch die Menge an Gewalt und Unterjochung, weswegen das Adjustment Bureau einen eher erfolglosen Job vollbracht hätte. Eine Diskrepanz, die ein David Norris hier ruhig hätte zur Sprache bringen können.
Aber die Macher wollten wohl der intellektuellen Seite kein größeres Übergewicht geben – schließlich sollte (bei einem Budget von 65 Mio) das breite Publikum auch mit einschlägiger Action bedient werden. Die verzichtet dankenswerterweise auf das eingespielte Getöse und pyrotechnische Blendwerk. Wenn nicht geredet wird, wird eben nur gerannt. So einfach läßt sich Spannung auch aus Action ziehen.

Als bezeichnend kann man wohl erachten, dass im Kino-Trailer zu ‚The Adjustment Bureau‘ kein einziger Hinweis auf den SF-Gehalt der Films gegeben wird. So besehen hätten die Jungs um Richardson auch von einer der üblicherweise verdächtigen Organisationen sein können. Klar, dass der Hinweis auf Dick ebenso fehlen durfte. Wäre mir das Projekt von George Nolfi nicht bereits seit einem viertel Jahr bekannt, ich hätte auf den üblichen Action-Käse tippen müssen. Ganz andere Töne waren dagegen im TV der Schweiz zu hören. Hier wurde der „Science-Fiction-Fantasy-Zukunfts-Thriller“ (was für ein Begriff), nicht nur vorgestellt und ausführlicher Besprochen; es folgte auch ein kurzer Blick auf Dick wie seine Werke selber.

Darstellerisch bietet Matt Damon sein gewohntes Engagement, womit man nichts gegen sagen könnte. Emily Blunt hatte dagegen ihr persönliches Debüt bei mir. So besehen ein durchaus gelungenes, denn man konnte nachvollziehen warum David nun just an dieser Frau über die Jahre hinweg interessiert ist (und bleibt). Kompliment, zumal ihre Tanzeinlage („Wenn David sie erst tanzen sieht, entsteht eine neue Zeitlinie!“) unterstreicht wie sich David endgültig in sie verliebt. Anmerkenswert fand ich allerdings die Arbeit von Anthony Mackie. Sein Harry spielt sich ohne viel Aufsehen immer weiter in das Zentrum der Handlung und gibt ihr schlussendlich die nötige Wendung. Dass man die Bedeutung seiner Figur bereits mit der ersten Szene erahnt, liegt an seinem subtilen Stil. Womit er mich eher beeindrucken konnte als die eher im Kühlfach (figurenbedingt) angesiedelten Stamp und Slattery.

Nicht unerwähnt sollte die Musik von Thomas Newman bleiben. Ein Komponist derart bemerkenswerter Musik, die ich bereits nach wenigen Takten erkennen kann, weil sie mir grundsätzlich die Schauer über den Rücken jagt. Einen Film damit zu beginnen und enden zu lassen ist nicht das schlechteste Erlebnis.

So fügen sich einzelne Teile zu einem anregend unterhaltsamen Abend im Kinosessel.
Nicht die schlechteste Art das Geld unter die Leute zu bringen.

Robert Musa

„The Adjustment Bureau“, USA 2011
Buch & Regie: George Nolfi (frei nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick)
Musik: Thomas Newman
Darsteller: Anthony Mackie, Matt Damon, Emily Blunt, John Slattery, Terence Stamp, Michael Kelly u.a.
Laufzeit: 94 Minuten

Der Plan - Poster

 

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