Dieter König (Hrsg.) – Das Glaskuppelprinzip

Dieter König (Hrsg.) - Das GlaskuppelprinzipAuf den Verlag von Dieter König bin ich erst vor einigen Wochen durch diese Kurzgeschichtensammlung aufmerksam geworden. Wenn man ein wenig durch die Verlagsseiten surft, findet man aktuelle Ausschreibungen zu den unterschiedlichsten Themenbereichen der Phantastik, was sicherlich für den einen oder anderen Autor von Interesse sein dürfte. Der Leser kann in den kommenden Monaten auf die Ergebnisse der noch laufenden Ausschreibungen hoffen. In der vorliegenden Sammlung sind insgesamt 11 Kurzgeschichten vertreten, davon einige von Autoren/innen, die bereits bei anderen Kleinverlagen ihre Werke unterbringen konnten.

Ernst-Eberhard Manski lässt seine Hauptfigur in „Kalksteinträume“ nach zwei verschwundenen Reporterkollegen suchen. Diese sollten über ein mittelalterliches Fest, welches auf einer Insel stattfand, berichten. Beide kehrten von dort nicht wieder zurück und niemand rückt in der Redaktion so richtig mit dem Grund dafür heraus. Also verbindet Edgar seine eigentlich geplante Urlaubsreise mit einer Suche nach den beiden Verschollenen. Auf der Insel angekommen wird er sehr schnell in die spezielle Atmosphäre eines solch groß angelegten Treffens hineingezogen. Wie es der Zufall so will, trifft er auch auf eine der beiden Verschollenen, die ihm mehr oder weniger zu verstehen gibt, dass sie dem Charme der Insel erlegen ist und selbst gekündigt hat. Als aber sein eigener Begleiter auch nicht mehr zu finden ist, gestaltet sich für ihn das ganze zunehmend mysteriöser. Scheinbar steckt hinter der Veranstaltung doch mehr als dies von außen her zu erkennen ist.
Die Geschichte verfügt über ihre ganz eigene Atmosphäre, die in der Schilderung des mittelalterlichen Festes zu suchen ist. Eingebunden darin sind die verschwundenen Kollegen, die doch ziemlich unvermittelt und sehr lebendig einfach wieder auftauchen. Der Abschluss bietet dann eine Erklärung für die bisher geschilderten Geschehnisse, erscheint dennoch ein wenig an den „Haaren herbeigezogen“.

Stefan Barths Geschichte „Die Formel“ beginnt recht vielversprechend. Die Ressourcen der Erde sind von der Menschheit aufgebraucht worden. Immerhin konnte man in relativer galaktischer Nähe einen erdähnlichen Planeten ausfindig machen, auf dem ein Teil der Menschheit einen Neuanfang starten kann. In dieser Situation findet ein Wissenschaftler die Möglichkeit mittels Biogenetik die zerstörten Wälder der Erde wieder herzustellen. Eine Übersiedlung der Menschheit wäre nicht mehr notwendig, die mit großem Aufwand betriebenen Vorbereitungen könnten umgehend eingestellt und die finanziellen und materiellen Ressourcen in das neue Projekt hineingegeben werden. Dem Leser überrascht es nicht, dass die politisch Verantwortlichen davon wenig begeistert sind. Leider endet dieses für eine Kurzgeschichte doch ziemlich zusammengepresste Szenario sehr unglaubwürdig und zieht die gesamte Geschichte dadurch nach unten. Ein in der momentanen Unterhaltungsliteratur häufig vorkommendes Thema, was uns in der Realität ebenfalls stark beschäftigt, wird hier leider viel zu trivial abgehandelt.

„Die andere Seite“ von Silke Schulz erinnerte mich an bekannte Szenarien in denen Menschen durch Viren oder den Bissen von Vampiren oder von Zombies zu wandelnden Leichen wurden und auf alle Nichtinfizierten losgehen. In Schulz Zukunft haben alle Menschen einen Gehirnchip erhalten. Über Jahre hinweg wurde diese Technologie fast völlig komplikationslos eingesetzt. Doch mit einem Male haben sich alle Menschen in aggressive Monster verwandelt und sterben kurz darauf. Nicole zählt zu den wenigen Überlebenden und hofft, dass sie immun ist. Ein Trugschluss wie sich herausstellt. Eine knapp verfasste Geschichte, die konsequent das Szenario zu einem Abschluss führt, bei dem es keine Hoffnung für die Menschheit mehr gibt (und somit auch keine nachfolgenden Geschichten).

Mike Gundlachs Geschichte um den gescheiterten Überfall einer Söldnertruppe auf eine Militärbasis ist recht einfach gestrickt und soll einmal mehr zeigen, dass Frauen durchaus ihren „Mann stehen können“ und dass man sie nie unterschätzen darf. Viel mehr steckt in dieser simplen Verbrecherstory nicht drin. Fastfood fürs Hirn.

Wenn Frauen und Männer sich getrennt voneinander auf eine Marsmission begeben, dann können sie einfach nicht aus ihrer Haut und benehmen sich während dieser langen Reise so, als wenn sie nie einen Hochschulabschluss erworben hätten. Die Reduzierung auf typische, geschlechtsspezifische Klischees liest sich in Felix Mohrings „Die verlorenen Originaldokumente“ nicht besonders gehaltvoll. Ebenfalls eine Geschichte, die einem nicht im Gedächtnis haften bleibt.

Wäre es nicht schön, wenn man seine bessere Hälfte, die sich im Verlaufe der Ehejahre zu einem nörgelnden, unzufriedenen Etwas entwickelt hat, nicht einfach gegen eine künstliche Kopie austauschen könnte? Eine Kopie, die einem jeden Wunsch von den Lippen ablesen und einem regelrecht anhimmeln würde. In Karl-Heinz Mitzschkes Geschichte „Die Andere“ hat sich ein Wissenschaftler diesen Wunsch erfüllt. Wie es sich für solch ein Szenario gehört, entspricht das Ergebnis all seiner Bemühungen rein gar nicht seinem Wunschbild. Inhaltlich habe ich diese Geschichte so oder in leicht abgewandelter Form schon anderweitig gelesen. Der Verlauf ist daher für mich vorhersehbar gewesen.

Nina Horvath erzählt in ihrer Geschichte „Das Glaskuppelprinzip“ eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die nicht zueinander finden können bzw. dürfen, da der weibliche Part in ein Computernetzwerk eingebunden ist. Die Geschichte wird wechselseitig aus der Perspektive der beiden geschildert und es braucht ein wenig, um in die Lektüre hineinzukommen. Dann entspinnt sich aber eine sehr schön geschriebene Handlung, die letztlich nicht mit einem Happy End endet.

Die Fremden sind längst unter uns und beobachten die menschliche Selbstvernichtung. Dieter König schildert in „Terraformed“ ein Szenario, welches einem durchaus nachdenklich zurücklässt. Dies bezieht sich nicht auf die Handlung an sich, diese ist stringent und actiongeladen erzählt, sonder vielmehr auf die darin enthaltene Botschaft. Fremde Lebewesen müssen gar nicht erst die Vernichtung der Menschheit und die Umgestaltung unserer Welt betreiben. Dies erledigt der Mensch mit dem Raubbau an seinen natürlichen Ressourcen schon selbst.

Die Welt nach einem weltweiten Zusammenbruch unserer heutigen Gesellschaftsform beschreibt Wiktor Guzinski in „Dementia“. Im Mittelpunkt steht ein Priester, der sich zu sehr für die Vergangenheit interessiert. Durch die Lektüre von Büchern und Zeitungsschnipseln, was in seinem Kloster streng untersagt ist, begibt er sich selbst in große Gefahr. Bevor sein Treiben entdeckt wird, flieht er. Außerhalb der schützenden Klostermauern trifft er auf die Überreste der menschlichen Zivilisation. Nach langem Umherirren auch auf Menschen, die es sich in einer militärischen Einrichtung bequem gemacht haben. Ab dann gleitet die Geschichte in ein überaus unglaubwürdiges Szenario ab und der bis dahin gute Eindruck wird dadurch zunichte gemacht. Das nicht zutrittsberechtigte Menschen einfach so in das Herz einer militärischen Einrichtung der obersten Sicherheitsstufe eindringen und ohne Kenntnis von Codes usw. am Zentralcomputer rumhantieren können, wirkt an den Haaren herbeigezogen.

Dass in militärischen Auseinandersetzungen auch mit List und Tücke gearbeitet wird, beschreibt Silvia Pfeffer in ihrer Geschichte „Feuer und Rauch“. Ihre Hauptfigur wird „umgedreht“ und kämpft auf der Seite der eigentlichen Feinde. Bis man ihm eines Tages wieder zurückholen und von dem Einfluss seiner eigentlichen Gegner befreien kann. Ebenfalls eine actiongeladene Geschichte, die zu unterhalten weiß.

In „Der Kristall“ von Karl-Heinz Mitzschke gipfeln die Auseinandersetzungen zwischen Regierung und selbständigen Wassersuchern um die letzten noch nicht aufgefundenen Eisklumpen eines Asteroidenrings fast in einem bewaffneten Konflikt. Erst das Auftauchen einer außerirdischen Macht beendet diesen Konflikt. Nachdem diese das Militärschiff vernichtet und selbst von Dannen gezogen sind, hinterlassen sie an Stelle eines unscheinbaren, aber doch so wertvollen Eisklumpens, einen riesigen Kristall.

Die von Dieter König zusammengestellte und herausgegebene Anthologie wartet mit einigen recht unterhaltsamen Kurzgeschichten auf. Richtig negative Ausreißer finden sich unter den 11 Geschichten nicht. Wahre Highlights sucht man hingegen ebenfalls vergebens, so dass diese Kurzgeschichtensammlung nicht unbedingt in den Regalen der Leser deutschsprachiger SF-Literatur stehen muss. Ein Blick auf die Homepage von König könnte sich für interessierte Leser dennoch lohnen, da es dort weitere SF-Romane und –Kurzgeschichtensammlungen zu entdecken gibt.

Andreas Nordiek

Dieter König (Hrsg.) – „Das Glaskuppelprinzip“
Originalausgabe
Sarturia, D 2008
Taschenbuch, 240 Seiten
ISBN 978-3940830029

 

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