Heitz und Hardebusch im Pferch – Leipziger Buchmesse 2011

1. Tag: 17. März 2011

Logo Buchmesse LeipzigAm Ende ist man immer klüger. Dass sich das Damoklesschwert Bahnstreik als harmloses Spukgespenst herausstellen sollte, kann ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht wissen. Deshalb habe ich meine Bahnfahrt präventiv gecancelt und einen Last Minute Flug nach Leipzig gebucht. Der Haken: Voraussichtliche Ankunft ist um 15.45 Uhr, die Podiumsdiskussion auf der Messe zum Thema eBook, zu der ich eingeladen worden bin, soll bereits um 17 Uhr beginnen. Vorsorglich habe ich ein Taxi reserviert, das mich – wenn nötig – mit 250 Sachen zur Messe fahren soll. Die Nacht davor habe ich schlecht geschlafen, zumal der gleiche Flieger am Vortag eine Stunde Verspätung gehabt hat. Dem Zittern, Bibbern und Herzklopfen zum Trotz geht alles gut. Der Taxifahrer, ein älterer Herr mit Schnurrbart begrüßt mich mit den Worten: „Guhdn Daach. Sen se ooch Audorin? Seinse mir bidde ned bös, dass ich se nich kenn.“ Ich bin ihm nicht böse und treffe entspannt und sehr glücklich bei der Messe ein. In Halle 3 ist bereits alles für die Podiumsdiskussion aufgebaut. Vier Mikrophone stehen da, ein Kameramann ist gerade dabei, sein Equipment aufzubauen. Sogar das slowenische Fernsehen ist gekommen. Teilnehmer der Diskussion sind Jennifer Schwanenberg von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Konstantin Neven DuMont, ehemals Verlag DuMont Schauberg, jetzt Medienunternehmer, Andy Artmann von MarkStein Software, Entwickler von Tango epub, und ich als Vertreterin der schreibenden Zunft. Rund 30 Zuschauer sind gekommen, darunter auch einige Vertreter meines Verlags ACABUS, um unseren Disput live zu verfolgen. Dabei kommen Themen zur Sprache wie Social Reading, Hybridgeräte, der Vergleich USA-Deutschland, die technischen Möglichkeiten, die Aufgabe der Verlage, … Welchen Weg das eBook einschlagen wird, wissen wir nicht, doch in einem Punkt sind wir uns einig: Die digitale Revolution ist nicht aufzuhalten.

Podiumsdiskussion eBook

Podiumsdiskussion eBook

Mojito und Lammkotelett

Nach der einstündigen Diskussion beschließt die Combo, in der Stadt essen zu gehen. Für mich, die in einem kleinen Hotel jwd untergebracht ist, stellt sich das Problem, dass ich eigentlich einchecken muss. Doch ein kurzer Anruf gibt Entwarnung. Mit der mir inzwischen vertrauten Leipziger Gelassenheit werde ich darüber informiert, dass der Eingang des Hotels offen bleibt, sich mein Zimmer im obersten Stockwerk befindet und dort der Schlüssel steckt. Einchecken brauche ich erst am nächsten Tag. Dann wünscht mir die Frau am Telefon noch viel Spaß. Den habe ich dann auch! Wir fahren zu einem Kubaner in der Innenstadt, wo ich mir zwei Mojitos und leckere Lammkoteletts in Thymian und Koriander gönne. Am Ende sind wir eine lustige Runde von neun Leuten inklusive Kameramann Michael Christ und den netten Jungs vom EPIDU Verlag.

2. Tag: 18. März 2011

Am anderen Morgen hält mein Glück an. Ich habe keinen Mietwagen und ein Hotelgast bietet mir an, mich in seinem Auto mitzunehmen. Der Herr stellt sich als pensionierter Buchhändler aus Köln heraus und so gestaltet sich die Fahrt zur Buchmesse sehr interessant. Die einzigen Termine an diesem Tag sind meine abendliche Lesung in der Stadt und natürlich das 3sat-Interview mit Wolfgang Hohlbein um 14 Uhr. Ansonsten habe ich den ganzen Tag für mich und nutze die Gelegenheit, meinen Verlag zu besuchen sowie andere nette Bekannte aus der Branche, darunter einige Kleinverlage, die mit sehr viel Leidenschaft betrieben werden wie der MCK-Verlag und der Wunderwaldverlag. Unbeteiligt beteiligt sitzt dagegen manch anderer in seiner Stand-Wabe, bemüht, den Blick derer nicht zu kreuzen, die sich zu Tausenden mit glänzenden Augen durch die Gänge schieben, auf der Suche nach der nächsten Sensation. Sensationen, die sich nicht unbedingt durch Unterweltgrößen des Showbiz auszeichnen wie Désirée Nick oder Toto und Harry, die was-auch-immer signieren, sondern durch goldene Schulterklappen, dicke Pompons, Strapsen, Chiffonkleider und knallbuntes Kunsthaar, die jeden Karnevalisten vor Neid erblassen lassen würden.

Hohlbeins dunkler Turm

Die Zeit geht schneller vorbei als gedacht. Am Spannendsten ist der Auftritt von Wolfgang Hohlbein, der im Anschluss an sein Interview aus seinem neuen Roman „Infinity“ vorliest – übrigens von einem eBook-Reader. Einiges, was er sagt, stellt sich für mich persönlich als äußerst nachvollziehbar heraus. Seine intuitive Art zu schreiben, das unheimliche Gefühl etwas geschrieben zu haben, was im weitesten Sinn später in der Realität eintritt, seine Schreibblockaden von gerade einmal 60 Minuten … Ok, zugegeben: Nachvollziehbar sind für mich die 60 Minuten nicht unbedingt, aber allemal erwähnenswert. Ganz gleich, was Kritiker Hohlbein vorwerfen – Qualitätsschwankungen ist da so ein Thema –, er ist der deutsche Autor, der mich am meisten inspiriert hat. Auf dem Weg zurück zu Halle 2 kommt mir ein molliges Mädchen im hautengen, pinkfarbenen Glitzerkostüm mit Flügelchen und gänsehautgeripptem Bauch entgegen. Ich seufze. Ohne sie wäre die Leipziger Messe nur halb so schön!

Insel im Sturm

Miriam Pharo am Acabus-Stand

Autorin Miriam Pharo am Stand des Acabus-Verlages

Rund um die Leseinsel Fantasy in Halle 2 ist der Teufel los! Bernard Hennen liest aus seinem neuen Roman und geschätzte hundert Elfen in Menschengestalt hängen gebannt an seinen Lippen. Überhaupt ist die Stimmung dort magisch. Fantasy- und Science Fiction-Literatur bis zum Abwinken. Wo findet man das noch? Nur eine Sache stört mich: Der dazugehörige Stand ist wie ein Würfel aufgebaut, den es über eine Art Rundgang zu ergründen gilt. So weit, so gut. Die Mitte jedoch ist Sperrgebiet, ein abgeriegelter Autorenbereich, der unwillkürlich an einen Boxring oder Pferch erinnert. Fehlen nur noch die Sprengfallen und Elektrozäune. Beim Vorbeigehen entdecke ich Christoph Hardebusch und Markus Heitz, traue mich aber nicht, meinen Blick dort länger verweilen zu lassen. Irgendwie komme ich mir wie eine Spannerin vor. Das Ganze hat etwas Surreales. Müssen die Autoren vor ihren Lesern beschützt werden? Besonders glücklich wirken sie jedenfalls nicht. Die Autoren, nicht die Leser.

Inzwischen ist es halb fünf Nachmittags und langsam kehrt in den Gängen Ruhe ein. Müdigkeit macht sich breit und eine gewisse Trägheit, die ich als sehr angenehm empfinde. Aufbruchsstimmung liegt in der Luft und ich beschließe, meine ersten Eindrücke auf dem Notebook festzuhalten. „Wir haben beschlossen, dass man mit der Gabel rühren kann“, so der lapidare Kommentar einer ermatteten Besucherin, die sich mit der Tochter im Arm und einem Kaffee in der Hand an meinen Tisch schleppt.

Absinth und Zigarre

„La Petite Absintherie“ im Zentrum von Leipzig, in der ich abends lese, stellt sich als kleines Schmuckstück heraus und die Betreiber Karen und Christian als wahre Schätze. Trotz der späten Stunde und der qualmenden Zigarren läuft die Lesung nach Plan und sogar mehr als das: Ich bekomme überraschend Besuch eines sehr netten Paares, das sich auf einer meiner früheren Lesungen kennengelernt hat. Autoren als Kuppler. Mal was Neues. Natürlich probiere ich etwas Absinth, den für Anfänger. Er schmeckt nach Anis, wie ein starker Ricard. Irgendwie hatte ich mehr erwartet. Bei rund 200 Sorten in der Absintherie ginge da sicher noch was, doch mehr als ein Glas vertrage ich an dem Abend nicht. So eine Messe schlaucht ziemlich. Als ich im Hotel ankomme, ist es weit nach Mitternacht. Morgen werde ich ausschlafen und den Tag nehmen, wie er kommt. Um 16.20 Uhr fliege ich. Doch diesmal bin ich entspannt. Sollte der Flieger Verspätung haben, so what? Von der Messe 2011 nehme ich starke Eindrücke mit nach Hause, allen voran Hohlbeins kurzen Auftritt, die Herzlichkeit der Leipziger und Heitz und Hardebusch im Pferch. Der nette Taxifahrer mit Schnurrbart hatte die Hoffnung geäußert, die Buchmesse möge Leipzig erhalten bleiben. Was das betrifft, kann ich nur sagen: Es gibt nicht den geringsten Grund, daran etwas zu ändern!

Miriam Pharo

Nachtrag: Mein Rückflug hat eine halbe Stunde Verspätung, dafür sitzt Veronica Ferres mit im Flieger. Sie hat ein Buch geschrieben.

www.miriam-pharo.com

 

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Über miriampharo

Geboren bin ich 1966 im andalusischen Córdoba, meine Kindheit habe ich auf einer Insel westlich von La Rochelle verbracht, bevor es mich im zarten Alter von 9 Jahren ins malerische Meenz - Mainz für Nicht-Meenzer - verschlug. Irgendwann reichten meine Deutschkenntnisse aus, um Slawistik, Romanistik und Politikwissenschaften zu studieren. Seit 1993 arbeite ich als Werbetexterin für diverse Agenturen und Unternehmen. 2008 startete ich ein eigenständiges eBook-Projekt und wurde vom Hamburger ACABUS Verlag entdeckt. 2009 erschien „Schlangenfutter“, der erste Band meiner SciFi-Krimireihe „SEKTION 3 / HANSEAPOLIS“ (manch einer bezeichnet sie als utopisch-technische Kriminalromane). Der Folgeband „Schattenspiele“ kam ein Jahr später in den Handel. 2010 wurde ich zu meiner großen Freude von der Berliner Senatsverwaltung in die Expertenjury des Förderwettbewerbs "Evolving Books - Digitaler Mehrwert für Bücher" berufen. Derzeit schreibe ich an meinem dritten Hanseapolis-Roman und hoffe, dass er 2011 herauskommt.
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