Libyen, Japan und Leipzig – eine Buchmesse im besonderen Licht

Ein Messebericht von Klaus N. Frick

Logo Buchmesse LeipzigEs ist Donnerstagmorgen, 17. März 2011. Mit dem Kollegen Marc A. Herren bin ich auf der Autobahn unterwegs, unser Ziel ist die diesjährige Leipziger Buchmesse. Von Karlsruhe nach Leipzig sind es über 500 Kilometer, und laut Routenplaner ist die Strecke in fünf Stunden locker zu schaffen. Da ich weiß, wie gut man sich auf solche Informationen verlassen kann, plane ich sechs Stunden ein.
Während der Fahrt besprechen wir die einzelnen Termine vor, neben anderen Themen. Unweigerlich schleicht sich die aktuelle Weltlage in unser Gespräch. In Japan droht nach verheerendem Erdbeben und noch verheerenderem Tsunami die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk, in Nordafrika steht eine militärische Auseinandersetzung bevor, und die deutsche Innenpolitik gerät bei alledem komplett in den Hintergrund. Aber wir sprechen tatsächlich mehr über Politik, Krieg und andere Dinge als über Buchpreise und Messe-Highlights.

Donnerstag: WerkZeugs, Edel, Bertelsmann, Weltbild, Meyer und die schlechteste Pizza

Kurz vor knapp sind wir in Leipzig. Es reicht im Prinzip dazu, den schönen Messestand in Halle 2 zu bewundern, die Kollegin zu begrüßen und die Klamotten wegzuräumen; dann kommt auch schon der erste Termin. Es sind die Leute von WerkZeugs, die PERRY RHODAN-Merchandising machen und die direkt auf der Buchmesse mit einem riesigen Verkaufsstand vertreten sind.
Danach geht es Schlag um Schlag: Ich sitze mit den Kollegen von Edel Germany zusammen, die unsere Silberbände vertreiben, und lerne den neuen Vertriebsleiter kennen. Dann kommen die zwei Damen des Bertelsmann-Clubs, über die wir mittlerweile vier Buchreihen vertrieben, und danach tauchen zwei Kolleginnen von Weltbild aus, mit denen ich gern ebenfalls eine Buchreihe machen würde.

Als die Uhr auf 18 Uhr schlägt, fühle ich mich schon gut »durchweicht«. Bis wir die Messe verlassen, ist es fast 19 Uhr. Wir fahren ins Hotel, und ich schalte den Fernseher an. Die Atomkatastrophe in Japan und der Krieg in Libyen sind Dauerthema. Beim gemeinsamen Abendessen geht das so weiter. Ich habe im voraus allen das italienische Restaurant empfohlen, das sich im Erdgeschoss des Hotels befindet. Das sei super, habe ich allen erzählt, und alle haben sich auf meine Aussage verlassen.
Um es kurz zu machen. Meine Pizza ist die schlechteste seit gut fünfzehn Monaten. Den Salat bezeichnet der mitessende Fantasy-Bestsellerautor Kai Meyer am Tisch als ungenießbar. Und der Service kommt mit den Bestellungen nicht nach. Immerhin gibt es später die Hotelbar. Bei der ist allerdings justament der Grappa ausgegangen. Nicht einmal das wird mir gegönnt … Wir schauen N-TV, das Programm flimmert ununterbrochen im Hintergrund, trinken Bier und reden über Politik, Fantasy und Bücherverkaufen. Seltsame Messe.

Freitag: Schlück, Kutzmutz, Polzin, Lange, Pirling

Buchmesse Leipzig 2011 - TabletEs geht am Freitagmorgen entsprechend weiter. Ich verspäte mich beim Frühstück, weil ich im Hotelzimmer sitze und Nachrichten gucke. Die bundesdeutsche Politik eiert mittlerweile überall, die Katastrophe in Japan und der Krieg in Libyen beeinflusst alles. Von der Buchmesse höre ich kein Wort mehr, dieses Thema scheint niemanden zu interessieren.
Wir fahren zur Messe, und dort stürze ich mich gleich in den Trubel. Zuerst besucht mich der Literaturagent Thomas Schlück – seit den fünfziger Jahren in der Science-Fiction-Szene aktiv –, gefolgt von Dr. Olaf Kutzmutz, dem Leiter des Literaturbereichs an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel. Ein verdammt langer Titel für einen sehr gebildeten Mann, in dessen Institut ich am Wochenende nach der Messe gleich ein Seminar zu leiten habe.
Zwischendurch ein Termin, der nicht geplant war: Der Mann gehört eigentlich zu einem Musikvertrieb, der jetzt mit massivem Druck in das Geschäft mit E-Books drängt. Das Interesse an einer Serie mit 2.600 Romanen ist auch bei ihm groß; wir unterhalten uns über Strukturen und eine mögliche Vertriebskooperation.
Das Mittagessen nehme ich mit Carsten Polzin ein, der beim Piper-Verlag für die Fantasy zuständig ist und in jüngster Zeit immer mehr Science Fiction und Horror bringt. Wir tratschen über Autoren, jammern im Gleichklang über Kostenstellendiskussionen und freuen uns über erfolgreich verlaufende Themen. Solche Messegespräche sind mit die nettesten: Ich habe es mit professionellen Kollegen zu tun und erfahre viel.
In den nächsten Stunden geht es um E-Books und Hörbücher, um WeltCon-Vermarktung und alles; ein Termin jagt den anderen. Zwischendurch besucht mich die Autorin Kathrin Lange, mit der ich mich gut über das Seminar am Wochenende unterhalte; dann kommt Sebastian Pirling vom Heyne-Verlag – und so rast der Tag an mir vorüber.
Ein schöner Anblick irgendwann: Ich sehe einem Jungen zu, vielleicht zehn, zwölf Jahre alt, der mit staunenden Augen vor unseren Büchern steht. Dann schnappt er sich eines und will den Stand verlassen. Schon möchte ich ihn aufhalten, da sehe ich, dass ihm seine Mutter zuschaut. Sie lächelt mich an und winkt beruhigend ab, dann redet sie mit dem Jungen über das Buch. Er kommt zurück, stellt es an seinen Platz, stöbert weiter und geht mit einem weiteren Buch zu ihr zurück – das geht so eine ganze Weile. Das ist ein SF-Fan, und er weiß es noch nicht, denke ich und erinnere mich an meine eigenen Anfänge.

Freitagabend: L.E. Dystopia, Schimunek, Hebben, Montillon

Cyberpunk GipfelIn völliger Hektik verlasse ich die Messehalle und fahre los. Ich habe eine eigene Lesung im Stadtteil Stötteritz. Ich bin dort Teil einer Gemeinschaftslesung, die unter dem Titel »L.E. Dystopia« veranstaltet wurde. Mit dabei eine Reihe von bekannten Kollegen wie Michael K. Iwoleit.
Der Ort ist die Stötteritzer Margerite, eine Art Stadtteilzentrum, schon ein wenig in die Jahre gekommen und nach Einbruch der Dunkelheit nicht ganz so einfach zu finden; mit dem Auto fahre ich zweimal dran vorbei, bis ich einfach durch die feuchte Nacht gehe und den richtigen Ort erreiche. Innendrin herrscht behagliche Wärme, die ein echter Holz- und Kohle-Ofen verbreitet.
Es gibt einen Moderator und ein gut zwei Dutzend Köpfe umfassendes Publikum; wir lesen stehend und mit Mikrofon. Vor mir ist der Kollege Uwe Schimunek mit einer Kurzgeschichte dran, danach lese ich aus einer Kurzgeschichte, und auf mich folgt der Kollege Frank Hebben. Ich entfleuche in der Pause.
Nach meiner Lesung fahre ich in die Innenstadt, um dort ein wenig Bier zu trinken. Wie es sich gehört, steuerte ich die Moritzbastei an, in der alljährlich die famose Messeparty veranstaltet wird.
Am Eingang erwartet mich ein Häuflein Elend. Christian Montillon, einer unserer Autoren, hat sich – wie er sagt – das Bein verstaucht und ist an die frische Luft gegangen. Es tut höllisch weh, er ist kalkweiß im Gesicht und friert. Auch meine Jacke hilft ihm nicht grundsätzlich weiter.
Dank Heidrun Imo, die ihn ins Krankenhaus in die Notaufnahme begleitet und später auch zur Apotheke, bekommt er die Nacht einigermaßen gut vorüber. Wie es sich herausstellt, hat er sich tatsächlich das Bein angebrochen: einmal arglos über eine Stufe gestolpert und zwei Stufen auf einmal genommen, und zackbumm!, alles ist futsch.
Während der Kollege im Krankenhaus einen Gips verpasst bekommt, trinken wir Bier, lauschen der lauten Musik und labern Unfug. Später im Hotel gibt’s noch ungarischen Schnaps, der mir einige Gehirnteile verödet, während im Hintergrund der Fernseher die Raketenangriffe in Libyen zeigt, und sehr viel später liege ich gut bettschwer in der Falle.

Der Samstag: Fuchs, Plötzer, Imo, Heitz, Schulz

Buchmesse Leipzig 2011 - BücherregalVöllig übermüdet geht es am nächsten Tag wieder weiter. Mit geröteten Augen und schwerem Kopf schaue ich die Nachrichten und lese während des kärglichen Frühstücks, das ich mir zumute, ein wenig in der »Leipziger Volkszeitung«.
Im Messetrubel regieren jetzt die Manga-Kids und Cosplayer. Zwar sind in diesem Jahr die Gänge breiter, dafür sind es mehr Besucher. Immerhin kann man sich noch durch die Gänge quetschen, was kein reiner Spaß mehr ist. Und nacheinander absolviere ich die ersten kurzen Termine mit Journalisten und besuche die Lesung des ehemaligen ZAP-Kollegen Hilmar Bender.
Zwar haben die beiden nächsten Gäste keinen Termin, aber auf einer Messe muss man spontan sein. Mit Werner Fuchs von Fantasy Productions (FanPro) und seinem Vertriebspartner Markus Plötz von Ulisses Spiele geht es um die ATLAN-Bücher, die wir in Lizenz bei FanPro publizieren. Das sind im Verlauf der letzten Jahre immer mehr geworden, und eine Reihe von Autoren konnte auf diese Weise »getestet« werden; jetzt geht es darum, die Reihe weiter zu entwickeln und vor allem mehr Bücher zu verkaufen.
Die beiden sind kaum aufgestanden, als ich auch schon fluchtartig den Stand verlasse. Mit meiner Kollegin Heidrun Imo kämpfe ich mich zur Halle 5 durch. Durchkämpfen stimmt hier komplett; die Gänge sind mittlerweile mit normalen Messebesuchern und vor allem den vielen Manga-Kids völlig verstopft. Schweißgebadet kommen wir bei einem E-Book-Vertrieb an, wo wir uns deren Programm und ihre Möglichkeiten präsentieren lassen. Mit haufenweise Ideen und Notizen geht es danach durch das Gewühl zurück zur Halle 2.
Wir staunen immer mehr über die vorbeischlendernden Jugendlichen. Manche sind ganz begeistert von unserem Messestand, vor allem von der schicken Raumfahrerin, die wir auf einem Bild präsentieren. Sie rätseln darüber, welche coole Schauspielerin das sei, und sind enttäuscht, wenn sie erfahren, dass es »nur« ein Titelbild ist.
Am frühen Nachmittag besucht ein junger Kollege unseren Stand, der noch bei einem angesehenen Buchverlag arbeitet, diesen aber verlassen wird; in zwei Wochen wird er seinen Urlaub antreten, bevor er zur nächsten Arbeitsstelle wechselt. Gemeinsam lästern wir über Konzernstrukturen und andere Dinge, dann tauschen wir Listen mit Büchern aus, die wir uns vor seinem »Abgang« noch gegenseitig schicken wollen. Wenn man schon zusammenarbeitet, soll sich das auch lohnen, und biblioman sind in dieser Branche alle.
An diesem Abend wird es glatt noch eng. Zuerst eile ich mit Heidrun Imo zum Stand des Oktober-Verlages. Bei diesem Verlag erschien vor Jahren ein Buch über Bier, seither gibt es bei denen immer originelle Biere – und an diesem Tag erhalten wir ein kühles Getränk in die Hand gedrückt. Wir stehen mit Kollegen von der »tageszeitung« und anderen Menschen um eine Theke, trinken und reden Unfug.
Danach eilen wir weiter zum Stand von bookwire, wo es noch Sekt gibt. Die Ordnungskräfte der Messegesellschaft scharren irgendwann ungeduldig mit den Füßen, und wir verlassen fluchtartig die Messe. Rings um uns ist es dunkel, alle Stände sind dicht, und die Putzkolonnen scheinen aus uns die einzigen zu sein, die noch die Gänge im Messegelände bevölkern.
Der Abend gehört einem gemütlichen und sehr leckeren Beisammensein in einem italienischen Restaurant. Mit uns dabei sind der Autor Markus Heitz und der Comic-Verleger und -Zeichner Dirk Schulz; wir reden übers »Geschäft« und über Politik, über das Saarland und Bielefeld, und wir verspeisen dabei gigantische Pizzen, die auch noch gut schmecken.

Sonntag: Unfug, E-Books, Hörspiele, Film, Packen, Mist, noch ’ne Pizza

Buchmesse Leipzig 2011Am Sonntag fühle ich mich noch zermatschter als am Vortag, und das, obwohl ich nicht viel getrunken und ordentlich geschlafen habe. Der Messematsch im Kopf macht sich langsam breit; ich rede in Gesprächen mit Messebesuchern und »normalen« Menschen recht viel Unfug – aber gegen meinen Willen.
Recht früh haben wir ein Gespräch zum Vertrieb von E-Books; diesmal komplexer als die anderen. Der mögliche Partner baut an einem neuartigen Geschäftsmodell, bei dem – ganz wichtig – mehr Geld im Verlag ankommt. Wir vereinbaren, dass wir uns gegenseitig Konzepte sowie Informationsmaterial zusenden.
Ohne Pause kommt der nächste Termin – es geht um neue PERRY RHODAN-Hörspiele – und der übernächste Termin; ein Autor stellt sich vor, mit dem ich über einen möglichen Gastroman spreche. Das ist nicht so einfach, da Autoren dieses Bekanntheitsgrades, deren Bücher auf den Bestseller-Stapeln der Buchhandlungen liegen, durchaus Terminschwierigkeiten haben; ich bin sehr optimistisch, dass wir etwas erreichen werden.
Damit die Messe nicht völlig lahm zu Ende geht, führe ich noch ein Gespräch zum Thema Film. Ich bin’s eigentlich leid, aber wenn mein Termin schon den weiten Weg auf sich nimmt, erzähle ich ihm auch alles, was mir zum Thema einfällt.
Und dann ist 17 Uhr; wir beginnen recht flott damit, unser Zeugs zu packen. Während ich hektisch einige Mails schreibe, verkaufen die Kollegen die Messeexemplare, die schon ziemlich »angegrabscht« sind, und stopfen alles andere in Kisten.
Um 17.30 Uhr kommt eine junge Frau von der Messeleitung und ermahnt uns; es ist verboten, so früh zusammenzupacken, man muss bis 18 Uhr alles lassen. Wir weisen auf die anderen Stände – überall sind alle schon am Packen. Sie nickt mit dem Kopf und zeigt ihre Liste: Praktisch jeder Verlag in der Halle 2 wird eine offizielle Ermahnung der Messegesellschaft erhalten.
Punkt 18 Uhr kommen die Packer, die den Stand abbauen, und Punkt 18.20 Uhr rollen wir im Auto vom Hof. Die Rückfahrt verläuft gut, mit einigen Zwischenstopps. Eine halbe Stunde nach Mitternacht erreichen wir Karlsruhe. Da wir alle den ganzen Tag über nichts außer Keksen, Chips und anderem Mist gegessen haben, gehen wir noch in die »Nacht-Pizzeria«, wo wir uns den Bauch vollschlagen und einige der Messetermine ein weiteres Mal durchsprechen.
Leipzig 2011 war schon ziemlich klasse, ich bin trotzdem völlig erledigt.

Klaus N. Frick

 

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