Manfred Müller – Vom Phantasten zum Beobachter

Manfred MüllerJa, ich habe „Perry Rhodan“ gelesen, damals, Anfang der 80er Jahre, als auf riesigen Plakatwänden für den Start der 5. Auflage geworben wurde. Ja, ich habe bald darauf alle fünf Auflagen parallel gelesen. Ja, ich habe auch „Atlan“ gelesen. Nein, ich lese nichts mehr davon. Ohne Thomas Ziegler taugt das nichts. Die phantastischen Genres habe ich jedoch schon früher entdeckt: ich bin Jim Knopf in die Drachenstadt gefolgt, mein erster „richtiger“ Science-Fiction-Roman war ein Jugendbuch von Ben Bova, und irgendwo habe ich sogar mal ein Perry-Heft gefunden, Band 31, „Der Kaiser von New York“, halb zerfallen. Am aufregendsten fand ich die Zusammenfassung am Anfang und den Ausblick am Ende – da hing ein ganzes Universum an Geschichten dran …

Perry hat mich auch aufs SF-Fandom aufmerksam gemacht, mit einer Anzeige für den ColoniaCon 1983. Da bin ich nichtsahnend hingegangen, ließ mir Fanzines (Fanzines? Ah, Schülerzeitungen …) in die Hand zwingen (SHAZAM von Hermann Ritter), wurde bequatscht, in den Science Fiction Club Die Terraner einzutreten, hörte mir donnernde Warnungen (von Hermann Ritter) an, ja nicht in den Science Fiction Club Die Terraner einzutreten, nahm mit mäßigem Erfolg am „Asteroids“-Turnier teil, rätselte, warum man sich freiwillig einen Preis abholt, dessen Abstimmungsergebnis auf bezahlten Punkten basiert (der HOGU: 1 Punkt = 50 Pfennig), beargwöhnte das Catering (Kartoffelsalat mit Wurst), drückte mich darum, Monster beim Dungeons&Dragons-Spiel (beim was?) zu werden, kaufte nichts, nahm das Kostenlose mit und kam sogar am nächsten Tag wieder, weil es da noch eine seltsame Aufführung und eine Versteigerung nutzloser Artikel geben sollte. Wow … wow … Was für ein Haufen Spinner!

Der Phantast 1Im Frühjahr 1984 veröffentlichte ich mein erstes Fanzine, DER PHANTAST (nicht verwandt mit dem wunderbaren E-Zine von Eglseer, Schwarz & Co.), für das ich Anzeigen lokaler Geschäftsleute aquirierte und das ich mühsam Stück für Stück verkaufte. Das mußte doch auch einfacher gehen … Ob wohl wieder ein ColoniaCon stattfinden würde? In der Tat. Mit der Anmeldung zu diesem Con habe ich wohl meinen Eintritt ins Fandom unterschrieben. Beim ColoniaCon habe ich seitdem kräftig mitangepackt, sogar mal welche federführend veranstaltet (den letzten 1996) – mit dem heutigen Con dieses Namens habe ich aber nichts zu tun.

Terraner Intim 164DER PHANTAST hat 17 Ausgaben erlebt, 1991 erschien die letzte. Bis heute habe ich vielleicht 150, 160 Fanzines zusammengestellt, vom 8-Seiter voll Klamauk bis hin zum aufwendig gedruckten und gebundenen Erzählungsband. Darunter war sogar mal eine Ausgabe von ANDROMEDA (hört, hört!) zum FreuCon ’92 (dem von Klaus N. Frick und – richtig! – Hermann Ritter; da habe ich mich im Team um Drucksachen gekümmert, was irgendwie auch mit meiner beruflichen Laufbahn … aber lassen wir das), neben zahlreichen Heftchen, die innerhalb von Follow erschienen sind: HORNSIGNALE (das von Hermann Ritter, ihr wißt schon …), STEINKREIS, sowas.

Manfred Müller 1991FreuCon ist jedoch ein gutes Stichwort, denn dort lernte ich 1985 Martin Kempf kennen. Vier Jahre später überraschten er und Säm das FreuCon-Publikum mit der Ankündigung, daß sie ein neues Infozine auf den Markt werfen würden, den FANDOM OBSERVER. Ja, ich habe auch erst gelacht, weil die beiden eigentlich niemals ernst waren und Infozines waren ja bekanntermaßen etwas Seriöses. Aber ich lachte über den Mann, der den Fanzine-Konsumenten-Kreis aufgezogen hatte: der FKK vertickte Anteilsscheine an Fanzines und handelte damit. Ohne Scheiß! Und es lohnte sich sogar. Behaupten jedenfalls alle, die damals mitgemacht haben.

Der FANDOM OBSERVER erschien im April 1989 und ich habe schon in der Anfangszeit Beiträge geschrieben, gern bissige Kommentare gegen den zweifelhaften Charakter des Kurd-Laßwitz-Preises oder Aufrufe, doch endlich den SFCD (ich war sogar mal Mitglied …) aufzulösen, weil er überflüssig geworden sei und außer mediokren Banalitäten nichts mehr zu sagen habe. Solch böse Dinge sage ich schon lange nicht mehr, aber im SFCD ist die Erinnerung daran gut konserviert worden.

Logo FreuCon ’92

FreuCon ’92: Ich freute mich, mit John Brunner endlich den Autor von „Die Plätze der Stadt“, „Morgenwelt“ und „Schafe blicken auf“ kennenzulernen, und den von „Reisender in Schwarz“, einem Fantasyroman in Episoden, den ich immer noch hoch schätze. Halb spekulierte ich darauf, beim Abendessen in seine Nähe gesetzt zu werden, doch der Plan mißlang: ich landete mit Günther Freunek am Tisch von Norman Spinrad und seiner Lebensgefährtin N. Lee Wood. Nicht, daß ich Spinrad nicht schätze – im Gegenteil! – aber während ich die (ganz hervorragenden!) Maultaschen goutierte, fabulierte Norman von technisch fortschrittlichen Sextoys, die man ständig am und im Körper tragen könne, referierte über Bauweisen, Wirkungen und Pflege der Geräte, und prophezeite, daß wir im 21. Jahrhundert alle mit sowas rumrennen würden. Wo genau ich das jetzt tragen würde, fragte ich. Zum Beispiel im Rektum (sagte er „Rektum“?), antwortete Spinrad mampfend, völlig unauffällig. Hochinteressant …

Am selben Abend nahm mich Martin beiseite und fragte, ob ich mir vorstellen könne, Redaktion und Layout des FANDOM OBSERVER zu übernehmen. Bis dahin war das Heft pünktlich jeden Monat erschienen und hatte sich allen Unkenrufen zum Trotz nicht nur behauptet, sondern die Konkurrenten auch überflügelt, ohne seine Unbeschwertheit und seinen Biß zu verlieren. Ich habe nicht lange überlegt. Darauf war ich einige Jahre lang der alleinige Chefredakteur; das war auch die Zeit, da das Heft seine einzigen nennenswerten Verspätungen erlebte. Drei Jahre später warf ich das Handtuch, für ein halbes Jahr, ein Jahr drauf dann endgültig (dachte ich) – da hatten wir mit Günther Freunek und Doris Dreßler bereits adäquate Verstärkung gewonnen. Gelegentlich wurde ich bis Herbst 2000 doch noch tätig, machte dann Nägel mit Köpfen und erklärte, ab sofort sei ich „gafia“ – für die Neofans unter euch: das bedeutet „getting away from it all“. Im SF-Fan-Forum steht „gafia“ sogar in meinem Profil. Seit Jahren.
Nun, 2008 war ich dann wieder dran: Nr. 234 war mein erstes Heft nach über acht Jahren, dieses Jahr dann die 259 und jetzt lest ihr im Fandom-Observer-Blog. Und Hermann Ritter schreibt wieder für den FO …

Müller und Ritter

Müller und Ritter

Observer-Machen soll Spaß machen. Deshalb regiert hier auch das Lustprinzip. Weitgehend. Solange am Monatsanfang eine Ausgabe fertig ist. Und solange sie nicht mehr als 28 Seiten hat – sonst schimpft der Herausgeber, daß es sich nicht rentiert (tut es eh nicht). Deshalb berichten wir nicht über alles und nicht immer dann, wenn es passiert. Deshalb berichten wir über manches doppelt, kommentieren frei Schnauze und würdigen nicht unbedingt jede Tatsache so lange, bis sie reinpaßt. Jeder darf, keiner muß und wer den Redaktionsschluß verpaßt, hat Pech gehabt. Ach so: Es gibt kein Geld und Belegexemplare auch nicht. Dafür Haue von altvorderen SFCD-Archonten. Verlockend!

Ja, der FO ist älter geworden und seine Leser auch, deshalb bemühen wir uns gelegentlich um mehr Milde und fragen lieber mal nach, aber wenn man den empfindsameren Seelen den kleinen Finger gibt, wollen sie gleich gefällige Berichterstattung. Dazu kann ich nur sagen: Vergeßt es!

Und sonst so? Ich habe tolle Kinder, eine wunderschöne Frau, bin von Beruf Grafiker, kümmere mich um ein paar tausend Magazinseiten jährlich und fahre ein Salsa Las Cruces, Baujahr 2007, geschätzte Jahreskilometer: derzeit etwa 6.000 km (hoffentlich bald mehr). Musik darf gern laut sein, Berge gern hoch, Essen gern sehr lecker. Mehr Infos unter: www.muellermanfred.de

Manfred Müller

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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