Mary & Max, oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

„Einsamkeit wird von den Menschen so oft verflucht wie sie herbei ersehnt wird. Sie ist ein grundsätzlicher Umstand, der wie so vieles von seinen Faktoren bestimmt wird. Davon wie sie jeder von uns sieht oder definiert. (…) Einsamkeit ist demnach nicht nur zweischneidig (wie im Sinne des Schwertes), sondern fächert sich in die Dimensionen eines komplexen Lebens auf…“
(aus „Pour Langue“ von Myrelle Minotier)

Mary & Max - Mary

Mary

Der Mensch offenbart viele Möglichkeiten, sein Leben zu leben. Jeder sucht darin die Nische, die ihm am nächsten wie behaglichsten erscheint. Der gesellige Typus steht dem Eigenbrötler gegenüber. Das Gros der amerikanischen High School-Filme nährt sich seit Jahrzehnten vom Aufeinandertreffen beider Gegensätze. Natürlich wertet ein jeder Betrachter für sich das Gesehene und fühlt sich dem einen oder anderen Typus verbunden. Eine „Wahrheit“ gibt es auch hierbei nicht, denn Einsamkeit wie Geselligkeit haben ihre Zeit, ihre Berechtigung. Niemandem über den Weg laufen zu wollen, muss nicht zwangsläufig ausschließen, daß die Gesellschaft anderer gut für einen ist. Vermutlich liegt in der Dosierung die richtige Linie in seiner eigenen Welt nicht den Halt zu verlieren – wahnsinnig zu werden.
Einen richtigen Weg den auch Mary Daisy Dinkle aus Mount Waverley, Australien, zu beschreiten sucht.

Mary (Bethany Whitmore) hadert – wenn auch nur ein klein wenig (und dies lediglich an den Samstagnachmittagen) – mit ihrem Schicksal. Kurze Beine, ein riesiger Kopf, dicke Brille und ein Muttermal auf der Stirn in der Farbe von Kacke. Ein kurzer Blick auf die Nachbarshunde, die just „Huckepack“ spielen. Schon ist die Abwechslung wieder vorbei. Mary bleibt nicht viel mehr übrig als sich mit den Gedanken in ihrem Kopf zu beschäftigen. Spielgefährten, die ihr als einzige bleiben. Geschwister hat sie keine. Marys Mutter – Lorraine Dinkle (Renée Geyer) – sieht eine gewichtige, gesellschaftliche Aufgabe darin die Genussqualität von Sherry zu überprüfen. Ein Engagement dem sie viel Zeit zu opfern bereit ist, auch wenn dabei der Sonntagskuchen zum Backen im Geschirrspüler landet. Mary fragt sich nur manchmal – wenn Mom zu erschöpft vom Prüfen ist – warum sie jede Flasche bis zum letzten Tropfen probieren muss. Eines der vielen Rätsel um sie herum, auf deren Lösung Mary und ihre Gedanken noch nicht gekommen sind. Warum muss sich Mom immer und immer wieder Dinge beim Einkaufen borgen? Und worin liegt der Grund, dass sie das Geborgte nicht einfach zu den anderen Sachen im Wagen legt? Ob sie die Qualität prüft, indem sie sie unter die Kleider schiebt?!

Mary & Max - Lorraine

Lorraine

Fragen. Geheimnisse. Rätsel. Einfacher hat es Mary da mit ihrem Dad, Noel Norman Dinkle, der die meiste Zeit des Tages damit verbringt Etiketten (via Faden) an Teebeutel zu tackern. Auch nach Feierabend bekommt Mary ihren Vater nicht oft zu sehen, stopft er doch ausgiebig im Gartenhäuschen tote Vögel aus. Vögel, die er entlang der Schnellstraße einsammelt. Ein Umstand, der Mary eines Tages einen Freund beschert, denn Dad findet bei seiner akribischen Suche auch einmal ein lebendiges Federvieh. Mary kümmert sich sofort um den zerrupften Gockel, adoptiert ihn an Geschwister statt und verpasst ihm den Namen Ethel. Zusammen mit den Figuren ihrer Lieblingsserie „Die Noblets“ hat die kleine Mary nun eine eigene Familie.

Mary & Max - Max

Max

Einkaufstag und Mom borgt sich kettenrauchend in der Postfiliale das eine oder andere. Mary kam beim Sortieren ihrer Gedanken letztens die Frage in den Sinn, ob in Amerika die Kinder auch aus einem Bierglas kommen würden? Immerhin wird dort in erheblicher Menge Cola aus Dosen getrunken! Mary vertieft sich deswegen in das ausliegende Telefonbuch von New York. Sie will jemandem dort einen Brief mit eben dieser Frage schreiben. Ihr Auge landet beim Namen Horowitz, Max Jerry.
Max (Philip Seymour Hoffman) hätte als Übergewichtiger, vereinsamter, von Angstattacken geplagter atheistischer Jude jeden Grund über sein Schicksal zu hadern. Aber Max entschloss sich eines Tages die Welt, die er nicht mag, außen vor zu lassen. Seitdem sitzt sein imaginärer Freund Mr. Ravioli in der Zimmerecke und liest sich durch alle publizierten Selbsthilfebücher des englischen Sprachraums. Max lebt seither in seinem selbstkonstruierten Kosmos der gleichförmigen Ereignisse. Ein kontinuierlicher Ablauf von monotonen Ereignissen wie dem wöchentlichen Speiseplan, Lotto spielen oder der Beschaffung eines neuen Goldfischs. Einzig seine wechselnden Jobs, die Stunde beim Psychiater und das Treffen der Selbsthilfegruppe für gewichtsmäßig übervorteilte Menschen (Motto: „God hates fat people!“) zwingen ihn in die Konfrontation mit dem anderen Leben. Max sieht sich allgemein in einem Gleichgewicht, auch wenn er schlaflos die Nächte damit verbringt „Die Noblets“ zu sehen, während er seine Schokoriegel-Sandwiches in sich hinein stopft. Die Fährnisse des Lebens sind so gut als möglich außen vor und Max hofft als einziges noch auf drei Dinge: Einen tatsächlich existierenden Freund, die komplette Figurensammlung der Noblets und einen Lebensvorrat Schokolade.

Der Tag an dem ihn Mary Daisy Dinkles Brief aus Australien erreicht, wird beider Leben erheblich durchrütteln. Brieffreunde über eine Strecke von zwanzig Jahren und zwei Ozeane hinweg.

Regisseur und Drehbuchautor Adam Elliot, der für seinen animierten Kurzfilm ‚Harvie Krumpet‘ 2004 mit einem Oscar geehrt wurde, verbrachte nicht weniger als fünf Jahre damit seinen ersten Spielfilm auf die Beine zu stellen. Von den anfänglichen Entwürfen des Skripts bis zur schlussendlichen Fertigstellung. Eine ansehnliche Strecke Arbeit für alle daran Beteiligten, was nicht nur mit dem handwerklichen Mehraufwand eines altmodischen Animationsfilms zu tun hat. ‚Mary & Max‘ erwacht als Film zum Leben und konfrontiert den Betrachter in seinen gut anderthalb Stunden mit Figuren und einer Story, die Anteil nehmen laßen am Schicksal anderer. Adam Elliot schielt bei seiner Arbeit allerdings nicht auf die gehätschelten Gewohnheiten Hollywoods, das zwar (US-)Problemfilme schätzt, darin aber allzu oft gern die Zaunpfähle einer guten Moral (…von der Geschichte) wedeln sehen möchte. Das Erbauungskino amerikanischer Prägung eben (siehe Elaborate wie ‚The Blind Side‘). Man könnte es als das Vermächtnis Disneys bezeichnen, das sich speziell in den fulminanten Animationserfolgen (Pixar & Co.) der vergangenen Jahrzehnte niederschlägt. Sicher, nichts spricht gegen komplikationslos nette, humorvoll durchgezogene Stories – aber gelegentlich ein brüchiger Riß durch das gewohnte Bild tut der Kunstform Film keinen Schaden nicht an. Das nordamerikanische Independent-Kino tritt den Beweis seit einer filmischen Ewigkeit an. Versteckt vor einem breiteren Publikum in einschlägigen Festivals, Arthouse-Kinos und in der Nachtschicht der Gebührensender (gut, arte wie 3sat einmal ausnehmend, kann hier ein Film wie ‚Lonesome Jim‘ ,von Steve Buscemi, doch deutlich vor 0 Uhr ausgestrahlt sein). Erinnert sich diesbezüglich noch Wer an die herrlich schrägen Werke eines Bruce McDonald?! An ‚Roadkill‘ / ‚Highway 61‘ (FO #39) / ‚Dance Me Outside‘ oder ‚Hard Core Logo‘…?

Max - Aspies for Freedom

Max - Aspies for Freedom

Obwohl der Brief einer völlig Fremden für Max ein unerwartetes (!) Ereignis von hoher Tragweite ist, nimmt er nach nur kurzer Bedenkzeit (eine durchwachte Nachtschicht) seinen Mut zusammen, um ihr zu schreiben. Unter anderem, dass die Kinder in den Staaten entweder von Repräsentanten der jeweiligen Religion, oder bei Atheisten von Prostituierten ausgebrütet werden. Aus Eiern versteht sich. Obwohl Mom den brieflichen Verkehr ihrer Tochter mit einem „alten Perversling“ zu torpedieren versucht, gelingt es der trickreichen Mary in Kontakt mit Max zu bleiben. Über die Jahre und die bizarrsten Vorkommnisse hinweg. Mary (jetzt von Toni Colette gesprochen) wird älter, verliert ihre Eltern, ihren neuen Glauben an sich selbst, ihre Abstinenz, ihren Ehemann Damien (Eric Bana) an einen neuseeländischen Schäfer und schlussendlich fast ihr Leben als sie sich erhängen will. Max legt mächtig an Leibesumfang zu, gewinnt im Lotto, an spöttischen Gehäßigkeiten aus der schlechten Welt und schlussendlich die wissenschaftlich neue Erkenntnis, dass er am Asberger-Syndrom leidet.

Als Mary eines Tages mit ihrem Kind vor dem Apartment in New York steht, an das sie seit ihrem achten Lebensjahr Briefe schickt, weiß sie noch nicht, dass Max in eben der Nacht zuvor gestorben ist. Im Schlaf, mit dem letzten wachen Blick auf die an die Decke gehefteten Briefe Mary Daisy Dinkles. Einer Freundin.
Seiner Freundin.

Adam Elliots Film ist ein Gesamtkunstwerk voller skurriler Ideen (so ein Obdachloser mit einer Geschäftsidee des Tages), liebenswerter Nebenfiguren (ein rauchender, furzender Fisch), seltsamer Beobachtungen aus dem jeweiligen Alltag (Schweineigeln hinter dem Fahrradschuppen) und der kleinen Grausamkeiten, die Menschen einander zufügen (vom bepinkelten Schulbrot bis hin zu einem zugeschickten Schreibmaschinen-M). Zwei Welten in Braun (Mary) und Grau (Max) gehalten, die zum Ende hin fast einander begegnet wären. Eine Tragikomödie voller Glanz und Betroffenheit zusammengefügt durch einen satten, ehrlichen Humor.

Mary und die Post

Mary und die Post

Der Film endet mit Max’ Erkenntnis, dass wir uns zwar nicht unsere Familie aussuchen können – unsere Freunde aber schon. Als übrigens der imaginäre Mr. Ravioli sein letztes Selbsthilfebuch gelesen hat, macht er sich aus dem Fenster davon. Und in Australien überwindet, nach 45 Jahren, Nachbar Ernie seine heftige Agoraphobie genau am richtigen Tag, um Mary von ihrem Freitod abzuhalten.
Auch wenn ihm der goldfarbene Westküsten-Knabe diesmal die kalte Schulter zeigte, für eine Lobende Erwähnung bei der Berlinale 2009, den deutschen Kinostart und einige Festivalpreise reichte es dann doch. Eine kleine, geschliffene Perle, die sich zu entdecken lohnt.
Apropos!

In einer kurzen Szene ist auch Harvie Krumpet im Hintergrund zu entdecken. Ein treffliches Cameo, denn dem Oscar für „seinen“ Kurzfilm ist definitiv auch ‚Mary & Max‘ zu verdanken – keine Frage nicht. Somit lassen sich auch die Fehlentscheidungen der Academy (Jahrgang 2010) wiederum besser ertragen. Körner kann dieses kurzsichtige Huhn nach wie vor finden.
Lobenswert bleibt im Zusammenhang mit der Oscar-Nacht die Arbeit, die sich der ORF hier macht. Nicht nur, dass in einer fast einstündigen Schiene die nominierten Filme bzw. einzelne Anwärter vorgestellt werden. Nein, in den zahlreichen Werbeblocks klinken sich die Moderatorin wie ihr Gast im Studio wieder ein und reflektieren über die Ergebnisse. Gelegentliches Reden um erhitzte Breispeisen nicht ausgeschlossen, hält einen dies näher bei der Stange, als die Endlosclips des hiesigen Privaten.

Die DVD wartet neben dem Detail reichen Audiokommentar von Adam Elliot, dem Making-Of, alternativen bzw. zusätzlichen Szenen dankenswerterweise auch mit dem prämierten Kurzfilm ‚Harvie Krumpet‘ auf.

Zuletzt: Die sentimental, hoffnungsfrohe Titelmusik ist bereits allein den Kaufpreis wert.

Robert Musa

Mary & Max - FilmplakatMary & Max
Australien 2009
Regie, Drehbuch & Szenario: Adam Elliot
Musik: Dale Cornelius, Penguin Cafe Orchestra u.a.
Kamera: Gerald Thompson
Sprecher in der Originalfassung: Bethany Whitmore, Philip Seymour Hoffman, Toni Colette, Barry Humphries, Renée Geyer, Eric Bana u.a.
92 Minuten

 

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