Rein A. Zondergeld – Lexikon der phantastischen Literatur

Lesen bildet!
 
Das Buch aus dem Jahre 1982 liest sich heute ein wenig … eigenartig. Die drei Seiten über „Was ist phantastische Literatur?“ überspringt man am besten, aber dann beginnt schon der wundervolle „Personenteil“ mit ca. 240 Seiten. Damals war das Buch wichtig für mich, weil es Autoren der Phantastik in eine Reihe mit Autoren der (gefühlten) Hochliteratur stellte, welche auch in annehmbaren Zusammenhängen gelesen wurden. Da gab es „Schulliteratur“ (William Golding, Franz Kafka, Theodor Storm), Kinder- und Jugendbücher, die man selbst im Regal hatte (Daniel Defoe, Charles Dickens, Alexandre Dumas, Michael Ende, Wilhelm Hauff, Rudyard Kipling, Edgar Allan Poe, Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson, Herbert George Wells, Oscar Wilde) und „Eltern-Literatur“ (Achim von Arnim, Honore de Balzac, Emily Bronte, Agatha Christie, Dorothy Leigh Sayers, Friedrich von Schiller). Endlich eine Argumentationshilfe gegen die endlosen Schmutz- und Schund-Tiraden, die über einen hinwegbrausten, wenn man „Science Fiction“ oder „Fantasy“ las.

Zondergeld - Lexikon der phantastischen LiteraturIm Sachteil (etwas über 30 Seiten) werden dann Begriffe von „Alraune“ bis „Zombie“ erklärt. Als echter Fan kannte man das und konnte mit seinen Eltern mithalten … aber diese Begriffe halfen einem bei einem „bullshit bingo“ mit Alt-Fans, die heraushängen lassen wollten, dass sie viel mehr über Literatur wissen als man selbst. Das Buch machte einen sicher, denn hier gibt es so wichtige Stichwörter wie „Arkham House“, „Cthulhu Mythos“, „Fantasy“, „Orchideengarten“, „Pulps“ und „Weird Tales“. Das war so ein wenig wie „Ten easy steps to Big Name Fan“ oder so.

Eine Auswahlliteraturlist und ein Personenregister runden das Buch ab. Alleine die alphabetische Sortierung von Tolkien zwischen Timperley und Tolstoi macht das Buch zu einem Schatz der Argumentation – selbst wenn man Tolkien nicht mag (so wie ich), seine Einsortierung vor Tolstoi ist … ein netter Gag der Geschichte.

Zwei Anmerkungen: Das Buch ist (leider) eine der Quellen für die angebliche jüdische Herkunft von Gustav Meyrink (S. 169). Nicht, dass das seinem Ruhm schaden würde oder dass ich etwas gegen jüdische Schriftsteller habe, nein. Es ist einfach nur falsch. Und Zondergelds Einschätzung von Fantasy („Die Grundhaltung der meisten F.-Texte ist reaktionär, häufig sogar eindeutig faschistisch.“ [S. 275]) gehört vielleicht ein wenig überdacht.

Ansonsten: Ein Knaller meiner Jugend, heute noch lesenswert.

Hermann Ritter

Rein A. Zondergeld
„Lexikon der phantastischen Literatur“
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1983
314 Seiten

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