Welcome on Board – Knudepunkt as a Firsttimer

Logo Knudepunkt 2011

Ich lehne in Helsinge, eine Stunde von Copenhagen entfernt, im Konferenzzentrum Bymose Hegn an der Bar; spreche abwechselnd in deutsch und englisch mit einigen internationalen Larp-Forscher-Kollegen, und es betritt eine Fee den Raum… . Eine hübsche Fee, eine Fee im weißen Kleid, eine freundlich aussehende Fee. …Bis sie plötzlich…, ja bis sie plötzlich eine große Kneif-Zange zieht und ihre blutigen Hände zeigt.

Zahnfee Knudepunkt 2011

Knudepunkt 2011: Die Zahn-Fee in Ausübung ihrer Pflicht

Während ich mit der Zahnfee auf der Fantaswing-Party (Mischung aus Swing und Fantasy) des letzten Abends der Knudepunkt Larp Konferenz einen Rum-Kola trinke und ein Foto von ihr tweete, lasse ich das Wochenende nochmal Revue passieren: Es war eine verrückte Zeit! Es war eine tolle Zeit! Mit unglaublich netten und wahnsinnig kreativen Menschen. Menschen die Unglaubliches vollbringen; Jahr für Jahr völlig innovative Live Rollenspiele veranstalten, sich diesem immensen Kraftaufwand stellen und einfach nur Großartiges vollbringen!

Aber von Anfang an: Die Knudepunkt Konferenz (oder auch Knutpunkt, Knutepunkt, Solmukohta) ist eine seit 1997 jährlich stattfindende Konferenz über Live Rollenspiel, die damals mit dem Ziel startete, das Konzept des Nordic Larp (Larp = Live Action Role Playing) als solches zu etablieren. Sie findet seitdem jedes Jahr in einem anderen skandinavischen Land statt und wird dementsprechend jedes Jahr in der entsprechenden Landessprache als Knotenpunkt benannt; was so viel wie Treffpunkt, Meeting Point meint. Heute ist die Knudepunkt Konferenz – obwohl weltweit Vorbild für Nachahmer (zum Beispiel für die in Deutschland seit 2006 jährlich stattfindende Mittelpunkt Larp Konferenz) – mit diesjährig 275 Teilnehmern die weltweit größte ihrer Art und aufgrund von Teilnehmern aus Deutschland, USA, Russland, Tschechien, Israel, Frankreich, Italien, Weißrussland, Estonien, Belgien, Niederlande, Großbritanien und Österreich durchaus als international zu bezeichnen. Dabei ist die Knudepunkt Konferenz ein bunter, zuweilen wilder Mix aus Berichten über innovative Larp-Konzepte, hilfreichen Workshops zur Verbesserung der eigenen Veranstalter-Skills, wissenschaftlichen Vorträgen über aktuelle Larp-Forschung, diversen Mini-Larps und nicht zuletzt feuchtfröhlichen, hammermäßigen Partys mit unglaublich netten Menschen aus der ganzen Welt und teilweise auch wirren Insider-Ritualen – aber dazu später mehr.

Mein eigenes „erstes Mal“ auf einer internationalen Larp-Konferenz begann trotz ausführlicher, superordentlicher Planung vor allem …planlos. Sagen wir einfach: Ich habe den Bus verpasst, auch wenn das die Situation – die unter anderem ein wirres Umherirren durch Kopenhagen und endloses „Warten“ im Dutyfree-Bereich des Flughafens umfasst – tatsächlich nicht in ihrer vollen Blüte umschreibt… Spannenderweise begann gerade dadurch bereits zu diesem Zeitpunkt meine faszinierende Reise mit dem Namen Knudepunkt:

Welcome on Board!

Welcome-Package Knudepunkt 2011

Knudepunkt 2011: Das Welcome Package

Nachdem ich im Konferenz-Zentrum angerufen hatte und gestand, dass ich zu blöd war in Copenhagen die richtige Statue zu finden, an der der Shuttlebus fuhr, ging alles blitzschnell und ich wurde Zeugin der unglaublich professionellen Organisation des diesjährigen Knudepunkts: Von einem der Organisatoren höchstpersönlich wurde ich sofort superfreundlich und in Echtzeit die meiste Zeit am Telefon durch halb Copenhagen und über zahlreiche Stationen etwa anderthalb Stunden lang bis zum Konferenz-Zentrum gelotst. Nach insgesamt etwa unglaublichen 12h Anreise und somit 3 Stunden Verspätung im Konferenz-Hotel angekommen, bekam ich dennoch etwas anständiges zu Essen und das tollste Welcome-Package ever in die Hand gedrückt – mit allem was der Mensch auf einer Konferenz braucht: Bücher (3!), ein wohlorganisiertes Programmheft, was zum Schreiben, etwas Süßes und eigens für jeden Teilnehmer angefertigte Visitenkarten – was besonders vor dem Hintergrund, dass ich natürlich meine Eigenen vergessen hatte, großartig war.

Mein Abend war aber bereits perfekt, als ich direkt 5 Minuten nach Ankunft den Code des hausinternen W-Lans und ein Bier in die Hand gedrückt bekam und es wurde immer noch stetig besser! Mit meinem Bier in der Hand wurde ich dann anschließend zum ersten Mal Zeuge der alljährlichen Tradition der „hour of rant“, wo sich allerhand gestandene Larper jeweils 5 Minuten anhand einer anschaulichen und professionellen Präsentation mal so richtig intensiv und nicht immer ganz ernsthaft darüber auslassen, was sie am Larp, an den Larpern, an den Larp-Veranstaltungen oder einfach so generell total ankotzt. Diese Veranstaltung ist auf jeden Fall wärmstens zu empfehlen und war definitiv eine der unterhaltsamsten und auflockerndsten von allen! Der erste Abend klang dann reichlich spät und höchst vielversprechend mit der Entscheidung zwischen Poolparty oder Longdrinks in der hauseigenen Bar schlürfen und vielen tollen Unterhaltungen aus.

Knudepunkt as a First-Timer…

Ohne Worte Knudepunkt 2011

Knudepunkt 2011: Ohne Worte

Besucht man zum ersten Mal eine der Knudepunkt Konferenzen wird man liebevoll als „First-Timer“ bezeichnet, was einem zunächst etwas seltsam vorkommen mag, aber nach und nach Sinn ergibt. Denn schnell erkennt man: Diese Wahnsinnigen die zuweilen nur im Bademantel auftauchen oder in der Ritter-Rüstung zum Abendessen anstehen, sind kein lose zusammengewürfelter Haufen von Live Rollenspielern aus verschiedenen Ländern. Nein, die Besucher der jährlich stattfindenden Knudepunkt-Konferenz sind eigentlich eine große Familie; zusammengeführt und geeint durch ihre Liebe zum Rollenspiel und ihre dementsprechenden, spezifischen Charakteristika (zum Beispiel der Freude am Spielen in beinahe jeder Form oder einer durchaus sehr sympathisch ausgelebten Freude an der Selbstdarstellung). Damit ist die Knudepunkt Konferenz nicht irgendeine Konferenz, sondern sie ist ihre alljährlich stattfindende, vollkommen durchgeknallte Familienzusammenführung, bei der der obligatorische Opa Erwin in die Torte fällt und Tante Frida Geschichten aus ihrer Jugend erzählt. Ergänzt wird diese „Feier“ allerdings von einem sehr umfassenden und anspruchsvollen Programm, welches ununterbrochen von morgens bis abends zu jeder Zeit gleich mehrere höchst informative sogenannte „Lectures“, diverse Mini-Larps und zahlreiche Workshops umfasst.

Um auch die First-Timer dabei zunächst auf den aktuellen fachlichen Stand der Diskussion über Larp in den nordischen Ländern zu bringen, gibt es hierfür eine komplett eigene Veranstaltung: Der „First-Timers Guide to Knudepunkt Theory“, der den geneigten First-Timer auf höchst anschauliche und unterhaltsame Weise in die theoretischen Dimensionen der letzten Jahre Larp-Theorie einführt und somit auf liebevolle Weise willkommen heißt. Spannenderweise wurde gerade diese spezielle Veranstaltung für First-Timer auch von etwa 50% Nicht-First-Timern besucht.

Zudem umfasst das Programm aber auch teilweise etwas bizarr anmutende Veranstaltungen wie etwa „Larping like a Rockstar“, bei der sowohl Referent als auch beide Assistenten nicht nur bei einem viertelstündigen Vortrag eine Viertelstunde zu spät kamen, sondern auch direkt aus der Hoteleigenen Sauna und nur mit einem Handtuch und einem Gürtel (!) bekleidet.

„Nothing will happen at 12 o’clock“

Planters Punch Knudepunkt 2011

Knudepunkt 2011: The unholy Planters Punch Ritual

Nicht im Programm aufgeführt und dennoch bizarr war dagegen ein Event, dass sich per Mund-zu-Mund-Propaganda mit folgendem Text ankündigte: „Nothing will happens at 12 o´clock in Plenum A, really nothing!“ und sich bei anschließend dennoch eintretender Anwesenheit von doch recht vielen Personen als das alljährlich rituell stattfindende „Unholy Planters Punch Ritual“ herausstellte, bei dem First-Timer wie ich zeremoniell in die unheiligen, familiären Reihen der Knudepunkt Jünger eingeführt werden. Ich gelobe ich habe niemals Alkohol getrunken und schon garnicht in großen Mengen!

Die Konferenz war für mich aber auch aufgrund solcher Veranstaltungen wie beispielsweise „All the things I´ve learned, from all the mistakes I´ve made“ eine absolute Bereicherung, wo eine ganze Reihe gestandener Larp-Veranstalter ganz offen über ihre bisher gemachten Fehler bei dem Organisieren von Larps sprachen. Auf eine unglaublich offene und sympathische Art veranschaulichten sie dabei konkret, wie sie selber gerade durch ihre gemachten Fehler zu immer besseren Veranstaltern wurden und auch letztlich menschlich immer nur dazugewannen und motivierten so mit ihrem Vortrag sicher den ein oder anderen Teilnehmer in Zukunft ähnlich offen und ehrlich mit den eigenen Fehlern und Patzern umzugehen.

Fantaswing Knudepunkt 2011

Knudepunkt 2011: Die Fantaswing Party am letzten Abend

Aber auch andere Veranstaltungen inspirierten mich wirklich und waren für mich auch beruflich ein echter Gewinn, wie beispielsweise die enorm professionelle aber auch unterhaltsame Lecture „Avoid and Control Damage in Urbane Pervasive Larping“ von Itamar Parann, in der er über seine beruflichen Erfahrungen mit Constraints Management sprach und diese auf die Organisation und Durchführung von pervasiven Larps übertrug.

Für mich, als Larp-Forscherin natürlich auch besonders interessant, war zudem die Lecture des Vollzeit-Larpforschers J. Tuomas Harviainen „This Year in Larp Academia“, in der er einen sehr kompetenten Überblick über die akademischen Neuerscheinungen des Jahres mit dem Thema Live Rollenspiel im Speziellen und Rollenspiel im Allgemeinen gab.
Aber auch die Bekanntschaft der überaus netten und ambitionierten Mitarbeiter und Gründer der Østerskov Efterskole – der weltweit ersten „Larp-Schule“ – machen zu dürfen, war für mich eine große Freude und Ehre. Denn die dänische Schule ist zwar staatlich anerkannt und vermittelt den ganz normalen Lehrplan wie ihn das dänische Curriculum vorsieht, tut dies allerdings ausschließlich (!) anhand von Spielen und vor allem und überwiegend anhand von Live-Rollenspiel! Für mich als Kind, sowie für wahrscheinlich jeden Larper und jeden Menschen der gerne spielt und die reguläre Schule hasste, wäre das wahrscheinlich das mit Abstand Aller-Aller-Größte gewesen!

After the trip…

Chocolate Exchange Knudepunkt 2011

Knudepunkt 2011: Das internationale Chocolate Exchange Programm zum Schluss, ...damit der Abschied nicht so schwer fiel.

Als ich Sonntag nachmittag wieder im kalten Hamburg landete und feststellte, dass mein warmer Wintermantel noch in Helsinge an der Garderobe hing und ich beinahe vor Erschöpfung auseinander fiel, war ich dennoch oder vielleicht gerade deswegen nach langer Zeit mal wieder so richtig tiefen-entspannt und zufrieden. Jetzt da ich meine Taufe als First-Timer auf einer Knudepunkt-Konferenz hinter mir habe, kann ich nur sagen: Ja, auch ich werde wieder kommen! Und nächstes Jahr auf dem Solmukohta, wie es in Finnland heißt, werde ich zudem die legendäre „Week In“ mitnehmen, bei der sich jedes Jahr bereits in der Woche vor dem Knudepunkt die Teilnehmer in der jeweiligen Konferenz-Stadt treffen, die Stadt kennenlernen und gemeinsam mit den Teilnehmern aus aller Welt Party machen. Und generell kann ich nach diesem höchst turbulenten Wochenende nur sagen, dass die Knudepunkt Larp-Konferenz für mich tatsächlich ein höchst eindrucksvolles, enorm informatives und extrem unterhaltsames Ereignis war – stetig oszillierend zwischen totaler Reizüberflutung und dem perfekten Flow-Gefühl!

Abschließend bleibt nur zu sagen: Zur Knudepunkt Konferenz zu fahren lohnt sich definitiv für alle Rollenspieler, die Lust haben mehr über Live Rollenspiel zu erfahren und mehr über Live Rollenspiel zu lernen. Es lohnt sich für alle, die sich für Larp-Theorie interessieren oder Lust haben an kreativen und teilweise extravaganten und innovativen Mini Larps und Workshops teilzunehmen. Und es lohnt sich vor allem für alle, die Lust haben über ihren nationalen Tellerrand hinaus zu blicken, gerne internationale Larper und Larp-Veranstalter kennen lernen möchten und Lust haben mit eben jenen höchst kreativen und durchgeknallten Menschen sagenhafte Partys zu bestreiten!

Text und Fotos: Myriel Balzer

Myriel BalzerMyriel Balzer (b.1981) arbeitet als selbstständige Game Designerin und Game Researcherin. Im Jahr 2008 schloss sie ihr Studium der Soziologie, Psychologie und Friedens- und Konfliktforschung als Diplom-Soziologin ab und veröffentlichte 2009 ihre Diplomarbeit unter dem Titel „Live Action Role Playing – Die Entwicklung realer Kompetenzen in virtuellen Welten“ beim Tectum Verlag. Nach einer Anstellung als Lead Game Designerin machte sie die Arbeit unter ihrem Label Phoenix Game Design zu ihrem Hauptberuf und entwickelt nun vor allem digitale Spiele. Sie veranstaltete ihr erstes eigenes Live Rollenspiel im Jahr 2001 und hat seit frühen Kindesbeinen Kontakt mit Rollenspiel und Fantasy.

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