Fastfood oder à la carte? Wie steht es um die Fantasy?

Im Fandom Observer 259 kritisierte Petra Hartmann: »Ich habe die Nase voll von Fantasy von der Stange! (…)«. Für SF-Fan.de befragte Florian Breitsameter drei Experten nach ihrer Meinung zum Genre. Einer von ihnen ist unser Gastautor Michael Scheuch.

Alles wird – schlimmer

Michael Scheuch

Michael Scheuch

Petra Hartmanns Bestandsaufnahme spiegelt sich in vielen Vorwörtern des MAGIRA-Jahrbuchs in den vergangenen Jahren wider: es gibt zwar mehr Fantasy denn je, aber es ist alles andere als einfach, etwas Neues, Originelles, auch nur Lesenswertes zu finden. Die furchterregenden Schlagworte heißen »All Age Fantasy« für »einfach gestricktes Jugendbuch, das wir früher niemals gewagt hätten einem Erwachsenen zu verkaufen« oder »Urban Fantasy« für »Vampire, Werwölfe, sonstiges Gesocks treffen auf Jugendliche mit besonderen Fähigkeiten.«
Werfen wir einen Blick in ein paar ­Ver­lags­ankündigungen für das Frühjahr-Sommerprogramm: »Anghara ist die rechtmäßige Erbin des Throns … sie besitzt eine wunderbare Gabe, welche die Zukunft der Welt verändern wird« »Ambrose, der rechtmäßige Thronerbe irrt in der Wildnis umher, um dem Fluch des unsterblichen Magiers zu entrinnen …« »Die besonnene Kate, der kluge Michael und die tollkühne Emma wurden als Kleinkinder von Ihren Eltern getrennt« usw. usf.

Bestandsaufnahme

Grob könnte man in der augenblicklichen Publikationslandschaft identifizieren: Die klassische »High« Fantasy und Teenagerträume: Questen, Flüche, vom Thron vertriebe Erben, Waisenkinder, die eine besondere Eigenschaft besitzen, im Gut/Böse-Setting der Standardfantasy. Tatsächlich: schon vor Jahrzehnten war man da weiter. Seit Harry Potter ist es möglich, auch als Erwachsener nach Jugendbüchern zu greifen ohne schief angesehen zu werden – soweit man in den großen Filialketten überhaupt noch angesehen wird. Dabei hat der Erfolg der ersten Harry-Potter-Bände bei Erwachsenen auch damit zu tun, dass sich neben den Jugendliteratur-Charakteristika (Entwicklungsroman, Teenagerprobleme als Gegenstand) auch originelle Elemente fanden, die selbst in der so genannten Erwachsenenliteratur Mangelware sind, etwa die Übertragung kapitalistischen Wirtschaftens und der Auswüchse der Konsumgesellschaft auf eine nur vorgeblich heile Zauberer-Welt – schließlich braucht man einen Markenbesen, um bestehen zu können, und wer arm ist, der muss mit alten Eulen und zerbrochenen Zauberstäben leben. Diese Elemente verlieren sich in der Serie dann leider und machen Harry Potter dann wieder nur zu einer profanen Serie, in der sich die Helden angesichts überschaubarer Probleme den einfachsten Lösungen verweigern … (aber das war abschweifend).
Dann gibt es, Sword & Sorcery nachfolgend, all die Geschichten rund um Orks, Zauberer, Zwerge, Oger, Goblins und welche Fantasy-Gestalten es da noch geben mag. In der Konzentration auf Archetypen und deren Variationen findet ebenfalls zumindest stellenweise ein Bruch mit alten Konventionen statt – doch dieses Schema wird dann wieder bis zur Unendlichkeit ausgewalzt und wiederholt.
Tja, dann die »Romantic Fantasy meets Teenage Dreams« von sanften Vampiren, sich rasierenden Werwölfen und vorwiegend jungen Mädchen. Gab es sicher schon früher, ist aber natürlich ebenfalls wuchernd, überwuchernd. Vergessen wir übrigens nicht die Wanderhuren-Nachfolger im Bereich »Romantisches Mittelalter«. Da wanderhurt es auf tausenden von Seiten in hunderten von Büchern, und ein bisschen »Fantasy« darf da dann auch immer mal dabei sein.

Einschub und Tipp

Wer übrigens wissen will, was gerade besonders hipp bei Verlagen und Verlegern ist, der wirft einen Blick auf Wolfgang Hohlbeins aktuelle Werke: Fantasygestalten: »Die Chroniken der Elfen« (Otherworld 2009, 2010). Romantisches Mittelalter: »Die Tochter der Midgardschlange«/»Die Kriegerin der Himmelsscheibe«. Urban Fantasy: »RAVEN – Schattenreiter« usw. usf.

Markt

In seiner Marktanalyse für MAGIRA konstatiert Hermann Urbanek für das Jahr 2009 die Zahl von 479 erscheinende Titel im Bereich Fantasy, und dabei sind Urban Fantasy, Grusel und Mystery-Thriller, Fantastik im weiteren Sinne, gar nicht mitgezählt. 2001, in der ersten Ausgabe des Jahrbuchs, kam der Chronist auf gerade einmal 308 Titel.
In der Zwischenzeit hat sich auch die Verlags- und Buchhandelsstruktur gewandelt: Random House und seine Imprints geben in einem großen Teil des Marktes den Ton an, Kleinverlage und Books On Demand produzieren immer größere Zahlen an Titeln – sie ergänzen das Gesamtbild, spiegeln aber häufig auch nur die »großen« Trends wider.
Im Buchhandel haben Thalia und Co. großen Einfluss auf die Gestaltung der Verlagsprogramme, und der rein optische Eindruck des Einerlei kommt auch von den Bücher­tischen und der Stapelware in den großen Läden.

Kritik und Auswege

Die Kritik am angeblich mangelnden Niveau der Veröffentlichungen ist übrigens kein neues Phänomen, schon in den 80ern rollten Fantasy-Fans die Augen angesichts der Bücher von Terry Brooks (Shannara ohne Ende), Robert Jordans immer ausschweifender werdenden RAD DER ZEIT Serie, der Eddings‘ neuer Zyklen. Vielleicht also doch nur der verklärte Blick in eine so gar nicht existierende Vergangenheit, das »Früher war alles besser« das es immer schon gab?
Auch. Angesichts der Zahlen muss man sagen: es kann gar keine 479 neue, originelle, lesenswerte Veröffentlichungen geben.
Das Phänomen ist dabei ja kein auf die Fantasy beschränktes: in der SF hat sich nach dem Boom des Cyberpunks eine ähnliche Entwicklung eingestellt, und das Wehklagen über immer gleiche »Space Operas« und »Military SF« dringt aus dem Nachbar-Fandom in ähnlicher Weise herüber.
Dabei finden sich heute noch wie zu allen Zeiten Meisterwerke, lesenswerte und originelle Bücher, neue Autoren mit guten Ideen und einer überzeugenden Schreibe. China Mieville und seine Werke geben der Fantasy neuen Schwung, aus der Steampunk-Ecke kommen spannende Geschichten. Jonathan Barnes schreibt ganz andere Urban Fantasy in einer Parallel-Welt. Jeff Vandermeer verwirrt und Neal Stephenson lässt sich in keine Schublade packen. Jonathan Stroud und Eoin Colfer haben gezeigt, dass Harry Potter hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist. Matt Ruff wirft mit kleinen Edelsteinen um sich. Neil Gaiman ist erschreckend produktiv und Panini hat den SANDMAN in lobenswerter Weise auf Deutsch komplett vorgelegt und ergänzt – übrigens kommerziell ebenfalls sehr erfolgreich. Sergej Lukianenko bereichert auch das Fantasy-Genre. Deutsche Autorinnen und Autoren finden sich nicht nur im Mainstream, sondern auch knapp daneben, Ju Honisch etwa.
Es gibt jede Menge Neues, das sich zu entdecken lohnt, nur wird man es auf den Stapeltischen nicht finden. Schneisen durchs Dickicht schlagen inzwischen viele Webseiten und die Zahl der verfügbaren Rezensionen ist immens – allerdings sind viele Rezensenten zu sehr bemüht, den Verlagen nette Besprechungen zu servieren um weiterhin mit kostenlosen Exemplaren versorgt zu werden, das macht die Auswahl der Quellen für Buchinformationen wichtig.
Und Hand aufs Herz: eine Reihe der »Klassiker« aus den 60er und 70ern lesen sich heute nur noch mühsam.
Die modernen Zeiten haben auch ihr Gutes: kaum ein Werk, das nicht antiquarisch aufzutreiben wäre, dem Internet sei Dank. Auch um an die Bücher aus kleinen Verlagen zu kommen, muss man nicht mehr mühsam die ISBN in Erfahrung bringen und den Buchhändler in dicken Folianten wühlen lassen, die Zeiten sind vorbei. Ein bisschen ist dabei vielleicht das elitäre Gefühl, etwas gefunden zu haben das kein anderer kennt, verloren gegangen. Doch die Chancen sind heute mindestens genau so gut wie in der Vergangenheit, Interessantes zu finden. Suchen muss man allerdings immer noch.

Michael Scheuch

-> Diskussion zum Thema bei SF-Fan.de

Michael Scheuch, Jahrgang 1966, wohnt in Bickenbach an der Bergstraße und ist seit 2001 Mitherausgeber von MAGIRA – Jahrbuch zur Fantasy und 1. Vorsitzender des Fantasy Club e.V., dem Serviceverein für Follow.
Hauptberuflich ist er Wirtschaftsjournalist beim Fernsehen.
 

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Eine Antwort auf Fastfood oder à la carte? Wie steht es um die Fantasy?

  1. Gibt es denn noch Texte, mit denen man „ringen“ kann, die einen auch beschäftigen und – im besten Fall – weiterbringen? Mein Lieblingsbeispiel ist Eddison:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Eric_Rücker_Eddison, ausführlicher hier:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Eric_Rücker_Eddison

    Sprachlich herausfordernd finde ich auch noch vielmaligem Lesen das hier (und werde nicht müde, dafür zu trommeln):
    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kinder_der_Finsternis – wirklich, wirklich schade, daß Niebelschütz mit 47 Jahren so früh gestorben ist. Davon hätte ich gern mehr …