Salman Rushdie – Der Zauberer von Oz

Lesen bildet!
 
Wenn man Salman Rushdie nur auf „Die satanischen Verse“ reduziert, macht man einen Fehler. In diesem Band zeigt er sich als probater Kenner der Phantastik, gerade „Der Zauberer von Oz“ hat es ihm offensichtlich angetan.
Der erste Teil des Buches (mit knapp 80 Seiten) heißt „Eine kurze Abhandlung über Magie“. Es geht um „Der Zauberer von Oz“ und di Wirkung des Films, es geht um eine überraschend tiefgründige Analyse des Films und seiner Wirkung und zeigt Tiefen auf, die man beim einfachen Schauen des Films nicht erwarten würde. Sätze wie „»Over the Rainbow« ist die Hymne aller Migranten der Welt – oder sollte es sein (…)“ (S. 41) machen hellhörig, bringen eine Saite zum Klingen, die man normalerweise nicht beim Schauen dieses Filmes erwarten würde.
Rushdie schürft noch tiefer: „Aber Dorothy hat mehr getan, als aus dem Grau ins Technicolor hinauszutreten. Ihre Heimatlosigkeit, ihre Enthausung, wird von der Tatsache unterstrichen, dass sie nach der Türenspielerei der Übergangssequenz und nachdem sie nunmehr ins Freie hinausgetreten ist, keine einzige Räumlichkeit mehr betreten darf, bis sie in der Smaragdstadt ankommt. Vom Tornado bis zur Ankunft beim Zauberer hat Dorothy kein Dach mehr über dem Kopf.“ (S. 56, Hervorhebung im Original). Ein Hinweis, über den ich eine Weile nachdenken musste – um dann zu erkennen, dass er richtig ist. Dorothy ist „draußen“ in einer fremden Welt, die alles auf den Kopf stellt, was sie kennt. Entrückung im positivsten Sinn.
Danach kommt als zweiter Teil des Buches „Auf der Versteigerung der roten Schuhe“, eine Erzählung über die Versteigerung der „ruby slippers“, mit denen man sich in eine andere Welt bewegen kann. Schnuckelig zu lesen, irreal, phantastisch, eine kleine Gemme.

Salman Rushdie - Der Zauberer von OzDie kurze Anmerkung zur Übersetzung von Joachim Körber und die „Credits“ zum Film „The Wizard of Oz“ aus dem Jahre 1939 runden ein Buch ab, das außer einem Tippfehler (S. 131, für die, die es wissen wollen) fehlerfrei ist (auch eine seltene Leistung in der heutigen Verlagslandschaft), das unterhält und einem Einblicke in einen Klassiker verschafft, die man so nicht erwartet hätte.
Das Buch ist hervorragend illustriert, die Buntfotos sind hervorragend reproduziert. Diese wunderschöne Vorzugsausgabe (auf 200 Exemplare limitiert) dürfte nicht einfach zu erwerben sein, aber sie lohnt sich.

Hermann Ritter

Edition Phantasia
Bellheim, 1999
130 Seiten, € 45,–
ISBN 978-3-924959-53-1

 

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