Sucker Punch: lobotomisiert & nichtssagend

Zack Snyder

Zack Snyder

Truffaut, einer der bedeutendsten Filmemacher, hat einmal gesagt „Filmemachen bedeutet, schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen.“ Mit Musik dazu ergibt das MTV.
Zack Snyder, Regisseur, Produzent und teilweise Autor von Filmen wie „300“ und „Watchmen“, muss sich diese Richtlinie zu Herzen genommen haben. Er hat ein schönes Musikvideo gedreht (nicht sein erstes übrigens: er stand schon für Morrissey und My Chemical Romance hinter der Kamera) und nannte es „Su­cker Punch“. Warum es zwei Stunden lang ist und als Kinofilm verkauft wird, muss allerdings ein Rätsel bleiben.

Dabei fängt „Sucker Punch“ durchaus vielversprechend an. Die erste halbe Stunde ist ein optisch begeisterndes Verwirrspiel um Realität und Illusion, zwei Themen also, die in Fantasy und SciFi oft und gerne behandelt werden. Die Story beginnt mit der jungen „Babydoll“, einem Teenager, der in ein Irrenhaus eingewiesen wird. Ihr Stiefvater hat mit dem Leiter der Anstalt einen vermutlich illegalen Handel geschlossen, um das Mädchen los zu werden. Babydoll, die wie ferngesteuert durch die Korridore geführt wird, scheint in einer surrealen Albtraumwelt gefangen – das Irrenhaus jedenfalls ist so weit weg vom Plausiblen, dass dem Zuschauer sich der Verdacht aufdrängt, dass es sich um eine Illusion handeln könnte.

Dieser Verdacht erhärtet sich, als die Szene unvermittelt wechselt. Babydoll ist nun in einem Zwangsbordell (und scheint sich darüber nicht sonderlich zu wundern), zusammen mit mehreren anderen gutaussehenden jungen Damen (hier kommt der „Schöne Mädchen“-Part ins Spiel). Nach ein paar Szenen, die hauptsächlich dazu dienen, die attraktiven Hauptdarstellerinnen und den Bösewicht Blue einzuführen, dreht sich das Karussell der Fantasiewelten weiter: in einem asiatischen Tempel erhält Babydoll von einem 08/15-Sensei Waffen und Auftrag: sie muss vier Gegenstände beschaffen, um ihre Freiheit wieder zu erlangen. Freiheit wovon? Das bleibt rätselhaft, genau wie die Frage, warum sich auf einmal drei monströse Gegner auf das kleine Mädchen stürzen.

Sucker Punch: PosterSnyder ist bekannt dafür, eindrucksvolle Kampf- und Actionszenen zu inszenieren, und er wird seinem Ruf auch hier gerecht. Den Blut- und Ekelfaktor hält er allerdings diesmal niedriger als etwa bei „Watchmen“ oder „300“, vermutlich weil der Film eine jüngere Zielgruppe anzusprechen scheint. Die starken Parallelen zur typischen Videospiel-Handlung mit seiner Aneinanderreihung von Missionen, unterbrochen von Cutscenes, legen nahe, dass es die Masse der 14-jährigen Kiddies ist, die Sucker Punch den Großteil seiner Ticketeinnahmen bescheren. Für andere hat der Film auch nicht viel zu bieten: nach dem Kampf im asiatischen Tempel folgt noch ein optischer Höhepunkt in einer weiteren Phantasie, in der Babydoll und vier ihrer Freundinnen sich in einem Schützengraben-Setting ein wildes Gemetzel mit Steampunk-Zombies liefern, während über ihnen der Himmel so vollgepackt mit Zeppelinen und Fokker-Dreideckern ist, dass man kaum noch Wolken sehen kann. Rockmusik unterlegt diese Episode (hier zeigt Snyder wieder, dass er eigentlich ein Musikvideo drehen wollte) doch dann geht es mit dem Film schnell bergab. Eine Mission folgt der nächsten, jede mit einer neuen Sorte von gesichtslosen Monstren, derer sich die Heldinnen erwehren müssen, jede mit einem neuen Song im Hintergrund (merkwürdig passend: Björks „Army of Me“), doch so schnell Snyder auch choreographiert und schneidet, er kann nicht verhindern dass der Zuschauer sich vorkommt als blickte er einem Gamer über die Schulter, der sich durch Level um Level eines Egoshooters ballert.

Es hilft auch nicht, dass die Auflösung des Rätsels und damit das Finale des Films vollkommen belanglos ist. „Babydoll“, (Emily Browning, bekannt als Violet in „Lemony Snicket – rätselhafte Ereignisse“), die 120 Minuten lang fast keine Rührung gezeigt hat, endet so lobotomisiert, wie sie dargestellt wurde, und eine der nichtssagenden Freundinnen entpuppt sich als sogenannte Hauptperson der Handlung. Snyder macht sich nicht die Mühe, seinen Zuschauern zu erklären, was die ganze Ballerei zu bedeuten hatte und warum das Setting, das am Ende als „Realität“ herhalten muss, genau so wenig realistisch ist wie die Schützengräben, Ritterburgen und Utopias der vorangegangenen Phantasien. Wozu auch? In der Definition für Musik­videos kommt das Wort „Sinn“ ja auch nicht vor.

Michael Erle

„Sucker Punch“
USA 2011
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: Zack Snyder & Steve Shibuya
Musik: Tyler Bates & Marius De Vries
Kostüme: Michael Wilkinson
Produktionsdesign: Rick Carter
Kamera: Larry Fong
Schnitt: William Hoy
Darsteller/innen: Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Carla Gugino, Oscar Isaac, Scott Glenn, Jamie Chung, Jon Hamm, Vanessa Hudgens, Frederique De Raucourt, Gerard Plunkett u. a.
110 Minuten

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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