Ungemein packend – Paolo Bacigalupi, „Biokrieg“

Paolo Bacigalupi - BiokriegPaolo Bacigalupi hatte erst einige hoch gelobte Kurzgeschichten veröffentlicht, als er mit „Biokrieg“ ein Romandebüt vorlegte, das nicht nur bei den wichtigsten Genre-Awards abräumte (Nebula Award 2009, Hugo Award 2010, Locus Award 2010 in der Kategorie Best First Novel), das Time Magazin wählte den Roman in seine Top Ten der besten Romane des Jahres.
Dabei setzt uns der Mann harten Tobak vor. Sein Roman führt uns in eine nahe Zukunft, in der die fossilen Brennstoffe nahezu aufgebraucht sind. Neue gentechnologisch generierte Krankheiten und Schädlinge haben wichtige Tierarten und Nutzpflanzen ausgerottet, viele Nationen sind komplett zusammengebrochen, andere liegen miteinander im Krieg um die letzten Ressourcen. Einige wenige wie das Königreich Thailand haben sich zur Abwehr der Massen vor Hunger und Verfolgung fliehender Menschen einer Politik strikter Isolation verschrieben. In Thailands Hauptstadt Bangkok spielt „Biokrieg“.
Wofür unsereinem scheinbar unerschöpfliche Energiemengen aus der Steckdose zur Verfügung stehen – etwa zum Betrieb meines Computers –, muss in dieser Zukunft jemand persönlich in die Pedale treten. Recycling wird richtig ernst genommen, Pflanzen und Tiere gentechnisch gegen Schädlinge und Krankheitserreger resistent gemacht oder gleich komplett neu designt; um besonders starke tierische Helfer zu erzeugen, bessere Soldaten oder noch gefügigere, noch weichhäutigere Gespielinnen für das ewige Geschäft mit dem Sex.
Um ein derartiges menschliches Sexspielzeug handelt es sich bei dem (zumindest im Original) titelgebenden „Aufziehmädchen“ Emiko. Von ihren ursprünlichen, aus Japan stammenden Besitzern wegen zu hoher Kosten für den Rücktransport einfach sich selbst überlassen, ist sie dem thailänischen Recht ein Stück illegaler Biotechnologie, das auf schnellstem Wege kompostiert gehört. Emiko kann sich potentiell unglaublich schnell bewegen, gleichzeitig ist ihre Hautstruktur nicht für die bei tropischen Temperaturen notwendige Wärmeabfuhr konzipiert, weshalb Emiko ständig zu überhitzen droht. Dazu kommen unter Normalbedingungen recht abgehackt wirkende Bewegungen, die ihre wahre Natur der Welt schnell verraten. Emiko arbeitet in einem Bordell, begehrt und gleichzeitig verachtet von den männlichen Kunden, beneidet und gefoltert von ihren Kolleginnen.
Eine weitere handlungstragende Figur ist Anderson Lake, ein aus den USA stammender Manager, der zum Schein in Bangkok eine Spannfeder-Fabrik betreibt, in Wirklichkeit aber im Auftrag eines multinationalen biotechnologischen Konzerns hinter der versteckten Saatgutbank des Landes her ist. Der Mann wird im Verlauf der Erzählung der Erfüllung seines Auftrags näher kommen.
Lakes rechte Hand ist Hock Seng, ein geduldeter chinesischer Flüchtling, einst ein wohlhabender Händler, den die Erfahrung antichinesischer Progome in Malaysia, denen seine gesamte Familie zum Opfer fiel, verständlicherweise etwas paranoid gemacht hat.
Weitere wichtige Figuren stehen auf der Seite der thailändischen Staatsorgane: Jaidee Rojjanasukchai ist Hauptmann der Weißhemden, die im Auftrag des mächtigen Umweltministeriums ausländische Einflüsse eindämmen und biotechnologische Krankheiten bekämpfen sollen. Im Unterschied zu den meisten seiner Kampfgenossen gilt Jaidee als unbestechlich, was ihn zu einem regelrechten Volkshelden macht.
Jaidees rechte Hand ist Kanya, deren Heimatdorf zur Eindämmung einer Seuche einst von Weißhemden ohne Erbarmen zerstört wurde und die deshalb insgeheim auf Rache sinnt…

Paolo Bacigalupi

Paolo Bacigalupi

„Biokrieg“ wirft sein Publikum ohne jede Vorrede in ein kpmlexes, leider aber auch plausibles Szenario einer düsteren Zukunft, die uns durch ihren ungewohnten Handlungsort – eine asiatische Metropole – zusätzlich unvertraut erscheint. Schlichte Sympathieträger sucht man vergebens, alle Protagonisten haben ihre abgründigen Seiten, werden von persönlichen Dämonen gequält, was eine direkte Identifikation erschwert. Der europäische Leser könnte sich auch an einigen dem Handlungsort geschuldeten Besonderheiten stoßen, etwa die allgegenwärtige Korruption oder dass ein Protagonist auch nach seinem physischen Tod in der subjektiven Wahrnehmung einer anderen Figur beständig präsent bleibt.
Ich kann aber nur empfehlen, die Verwirrungen des Einstiegs durchzustehen, wird man doch mit einer ungemein packenden Geschichte belohnt, die zugleich als Warnung vor einer mehr als nur möglichen Zukunft zu verstehen ist. Bacigalupi schreibt auch über den Zusammenbruch der globalisierten Welt(wirtschafts)ordnung und darüber, dass selbst dieser die Gier der von Profitinteressen bestimmten Konzerne nicht bremsen wird. So kann eine Science Fiction aussehen, die ihre Relevanz nicht komplett für den Eskapismus unterhaltsamer Weltraumballereien aufgegeben hat.

Peter Herfurth-Jesse

Paolo Bacigalupi
„Biokrieg“
Heyne TB 52757, München 2011
(orig. „The Windup Girl“, v. Hannes Riffel und Dorothea Kallfass
608 Seiten, € 9,99
ISBN 3-453-52757-7

 

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Eine Antwort auf Ungemein packend – Paolo Bacigalupi, „Biokrieg“

  1. Ich fand den Roman doof. Sicher, das Szenario ist interessant, aber zu hälfte nur wegen der Tailändischen Kultur, die der Autor zugegebener Maßen gut beschreibt. Aber seine Figuren sind gottverdammte Klischees ohne Herz. Sie sind Autor und Leser scheißegal und wenn eine Figur stirbt, dann denkt sich der Leser: “Ach, egal.”

    Fazit: Ein Buch für Hard SF Nerds, denen ein interessanter Zukunftsentwurf reicht. Für alle anderen Leser ist dieses Buch ein wenig dürftig.