Zu recht ausgezeichnet – Paolo Bacigalupi, „Biokrieg“

Paolo Bacigalupi - BiokriegEin Werk, welches mit dem NEBULA, dem LOCUS, dem COMPTON CROOK und dem HUGO AWARD ausgezeichnet wurde, lässt einen sofort aufhorchen, denn nicht immer werden diese Werke noch in deutschsprachiger Übersetzung verlegt. Zudem konnte Bacigalupi gleich mit seinem Erstlingswerk die wohl wichtigsten Genre-Preise gewinnen. All dies sprach für eine Lektüre des Romans.
Bacigalupis Weltenentwurf ist gar nicht einmal so weit in die Zukunft angesiedelt. Er beschreibt eine Welt, in der das Erdöl ausgegangen und somit der Motor des freien Handels versiegt ist. Man muss sich zwangsläufig wieder auf veraltete Technologien verlassen und die Welt ist größer geworden. Die Biotechnologie hingegen hat es zu ungeahnten Innovationen gebracht. Die Herstellung künstlicher Lebewesen ist genauso verbreitet wie die von genmanipulierten Lebensmitteln. Was wir heute in Anfängen erleben, hat sich dramatisch weiterentwickelt.
Große Konzerne und hier vorne weg die US-amerikanischen, haben des Profites wegen neue Pflanzenkrankheiten in die Welt gesetzt. Resistent gegen diese Krankheiten u. ä. sind lediglich die ebenfalls von diesen Agrarkonzernen hergestellten verbesserten Getreidesorten. Um den Hunger ihrer Bevölkerungen stillen zu können, verkaufen sich ganze Länder diesen Genkonzernen. Der Klimawandel trägt mit dazu bei, dass in einer Gemengelage von Krieg, Hungersnöten, Klimakatastrophen und wirtschaftlichen Zusammenbrüchen ganze Staaten von der Landkarte getilgt werden. Millionen sterben durch neue Krankheiten, gegen die es so gut wie keine Gegenmittel gibt. Die Erde entvölkert sich und nur noch wenige Staaten sind in der Lage, sich diesen Entwicklungen erfolgreich entgegenzustemmen.
Eines dieser Länder ist Thailand. Mit einer Politik der Abschottung und dank einer Ressource nach der sich alle Agrarkonzerne dieser Erde sich die Finger lecken: einer großen Samenbank, können sie sich den Begehrlichkeiten fremder Mächte erwehren.
Ort der Romanhandlung ist Bangkok, eine Stadt, die uns Europäern in einigen Bereichen schon jetzt als völlig fremdartig vor kommt. Eine Stadt, die überflutet ist von chinesischen Flüchtlingen und Thais aus allen Landesteilen. Die sich gegen die Wassermassen des Ozeans erwehren muss und so etwas wie ein Leuchtturm in dem sie umgebenden Dunkel darstellt. Das Straßenbild ist geprägt von Radfahrern, Rikschas und genmodifizierten Elefanten, die dank ihrer enormen Körperkraft in der Lage sind als Energielieferanten zu dienen. Maschinenparks und Computer werden mit Muskelkraft angetrieben oder sie wird in speziellen Spannfedern transformiert, die dann wiederum Maschinen antreiben. Energie gewinnt man ebenfalls durch Kompostierung, sogar Leichen werden dieser zugeführt.
In diesem für einen Europäer undurchsichtigen Gewusel kämpfen verschiedene Interessengruppen um die Vorherrschaft in der Stadt und somit auch um das verbliebene Thailand als solches. Ranghohe politische und militärische Kader nutzen genauso wie kriminelle Banden und ausländische Agenten ihre Machtmittel, um für sich noch mehr Macht und Einfluss herauszuholen. Vordergründig geschieht dies für die Kindkönigin, für das Land oder für die Genkonzerne, doch alle werden getrieben von der eigenen Machtbesessenheit und einem unbändigen Überlebenswillen.

Paolo Bacigalupi

Paolo Bacigalupi

Bacigalupis Bangkok ist keine Stadt, in der man als Europäer oder Amerikaner leben möchte. Aber an welchem Ort ist es in solch einer Welt schon sicher? Einer Welt, die dem Abgrund immer näher kommt.
Das Ringen um die letzte Gendatenbank wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Das Schicksal der Handlungsträger ist mehr oder weniger mit einander verwoben. Die Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein und decken eine große Bandbreite der in Bangkok agierenden Interessengruppen ab. Alle haben sie Ecken und Kanten, sie sind machtbesessen, geldgierig, brutal, fanatisch, ein wenig lebensmüde und vieles mehr. Keine Figur kann man als den strahlenden Helden inmitten eines Sumpfes der Verderbnis ansehen. Das Schicksal einiger von ihnen erfüllt sich noch vor Romanschluss und ein Happy End im klassischen Sinne hätte man auch nicht erwartet.
Neben dem schriftstellerischen Können des Autors ist es gerade der Handlungsort, der diesem Roman zu etwas besonderem macht. SF-Romane amerikanischer Autoren, die außerhalb der westlichen Hemisphäre spielen, sind recht selten. Von diesen wenigen finden natürlich nur ganz wenige ihren Weg zu hiesigen Verlagen. Es ist deshalb erfrischend einen Near-Future-Roman zu lesen, der in einem asiatischen Land angesiedelt ist. Die dort vorherrschende Mentalität, die eine tragende Rolle in diesem Roman spielt, ist ungewohnt und faszinierend zugleich.
Der Roman ist aus meiner Sicht völlig zu recht ausgezeichnet worden und ich würde mich freuen, wenn die eine oder andere Kurzgeschichte ebenfalls ihren Weg über den Atlantik finden würde. Schließlich hat Bacigalupi als Kurzgeschichtenautor seine schriftstellerische Karriere begonnen und wurde für seine kürzeren Werke ebenfalls ausgezeichnet.

Andreas Nordiek

Paolo Bacigalupi
„Biokrieg“
Heyne TB 52757, München 2011
(orig. „The Windup Girl“, v. Hannes Riffel und Dorothea Kallfass
608 Seiten, € 9,99
ISBN 3-453-52757-7

 

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