Alles kult! oder was?

Kult 2/2011Ah, die Kinder- und Jugendzeit! Da spielten wir mit Carrera-Bahnen und Big-Jim-Figuren. Wir lasen „Bessy“ und „Yps“ und „Zack“ und „Perry Rhodan“. Dietmar Schönherr kommandierte militärisch-machohaft, aber trotzdem irgendwie knorke den „schnellen Raumkreuzer Orion“, und Uschi Glas war noch süß als Winnetous Schwester „Halbblut Apanatschi“. Ins Kino kam ’ne Eisverkäuferin mit Langnese, wir tranken Sinalco und Cola, im Fernsehen gab’s nur drei Programme, und „Star Wars Episode IV“ hieß noch einfach nur „Krieg der Sterne“. Später, als wir dreißig wurden, dachten wir sehnsüchtig an all diese Produkte zurück, die irgendwie für eine schöne und unbeschwerte Zeit standen. Da begannen wir, Erinnerungen in Internet-Foren zu posten („Alles Bonanza“) und ersteigerten auf eBay die alten Sachen zurück, die damals zuerst auf den Dachboden und dann irgendwann in den Müll gewandert waren.

Jetzt, da auch die Nostalgie-Welle schon wieder ’ne Weile zurückliegt, gibt es, etwas verspätet, das Magazin dazu am Kiosk: „kult!“, produziert vom Team des ebenso „guten alten Zeiten“ nachhängenden Musikmagazins „Good Times“. Aktuell ist bereits das vierte „kult!“-Heft erschienen, und auch für SF-Fans war immer wieder was dabei. So gab es bisher Artikel über Perry Rhodan, Barbarella, Hansrudi Wäscher und die olle Raumpatrouille. In der neuesten Ausgabe findet sich auch ein vierseitiger Bericht über SF-Heftromane wie „Utopia-Großband“ und „Terra“, verfasst vom ehemaligen „Perry Rhodan„-Marketingchef und Moewig-Verlagsleiter Eckhard Schwettmann, der zu den „kult!„-Stammautoren gehört und sich da sicherlich immer wieder um SF-Themen kümmern wird.

Müssen wir jetzt also „kult!“ lesen? Trotz der happigen sechsfuffzig Coverpreis greifen wir ja immer wieder gerne zu so einem Produkt, das uns mit vielen bunten Abbildungen all die tollen Kindheitserinnerungen zurückbringt. Und lustig ist freilich der Einfall, als Mittelposter jeweils zwei komplett gegensätzliche Motive zu präsentieren, zum Beispiel aktuell Uschi Glas und die Rolling Stones.
Aber ach wie dröge sind die Textbeiträge in diesem Magazin geraten! Die meisten Artikel sind einfach brave Recherchen ohne Pepp, eher routinemäßig abgespult, etwa so wie eine Seminararbeit an der Uni. Da ist beim Schreiben offenbar keine Spur Begeisterung aufgekommen, wie soll sich die da beim Lesen einstellen? Zum Beispiel wird die Sängerin Gitte Haenning gefragt, ob sie mal mit Abba zusammengearbeitet habe. Sie sagt einfach „Nein“ und bricht dann offenbar das Interview ab. Und der Autor, der sauer ist, dass seine Wikipedia-Recherche so rüde abgekanzelt wurde, betitelt das Ganze aus Rache mit „Abba – kein Thema“. Das ist immerhin frech, aber eben auch ein Eingeständnis der fehlenden Substanz.
Wie einfallslos da immer wieder alles geraten ist, mag allein ein kleiner Überblick über die Machart der restlichen Überschriften geben: „Dirndl, Schnauzbart, blanke Busen“ (über Sexfilme der 70er), „Stollen, Shorts und die drei Streifen“ (Adidas), „Radi, bumm und 44 Beine“ (singende Fußballer), „Krippo, Berti und Luise“ (Tatort), „Puppen, Biss und Anarchie“ (Muppet Show) undsoweiter undsoweiter.

Mehr als Routine-Journalismus ist das nicht. Schnarch, kotz und würg!

Olaf Brill

kult!
Ausgabe 2/2011 (Nr. 4)

-> Leseproben gibt es hier: goodtimes-magazin.de

 

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2 Antworten auf Alles kult! oder was?

  1. Eckhard Schwettmann sagt:

    Hallo Olaf,
    finde ich gut, dass Du die Zeitschrift Kult! in FO besprichst und vorstellst. Aber ich finde die Zeitschrift bei weitem nicht so schlecht, wie Du sie darstellst. Alleine das Durchblättern macht Laune, viele Bilder, die man sonst nirgendwo sieht, in meinem Bekanntenkreis gibt es immer wieder viele Aaahs und Ooohs der Begeisterung. Denn da sind Themen im Heft, die sonst kaum irgendwo vorkommen. Überhaupt: Wer wagt sich überhaupt mit solchen Fan-Themen an den Kiosk? Andere Magazine kenne ich nicht, da muss man dem Verleger Fabian Leibfried auch mal Lob aussprechen für diesen Mut zum Risiko. Übrigens ist er immer dankbar für Themenvorschläge etc. Ernsthaft: Vielleicht kontaktierst Du ihn mal mit einem Vorschlag für einen Beitrag? Gute Autoren und schöne Ideen werden immer gesucht.
    Deine Beispiele der einfallslosen Überschriften überzeugen mich auch nicht. Es ist immerhin ein durchgängiger Stil. Okay, stimmt, Fans nehmen ihre Vorlieben mitunter sehr ernst, oft fehlt der Abstand und der Sinn für Humor (für den ich den FO übrigens liebe, zumindest Seite 1 ist immer ein witziger Aufmacher). Das nimmt FO gerne aufs Korn, finde ich auch Ok.
    Wobei in anderen Kulturen (USA z.B.) es auch erlaubt ist, sich einfach nur mal als Fan zu freuen, ohne gleich nach dem Negativen zu suchen. Das gefällt mir besser als der Political Correctness-Geist mit seiner krankhaften Suche nach Negativem bei STERN, SPIEGEL & Co (Geradezu grausam: Der Artikel über Perry Rhodan in STERN vor ein paar Jahren).
    Aber, wie gesagt, mach doch mal Fabian Vorschläge, wie man nach Deiner Meinung mehr Pepp und Begeisterung statt dröger Recherche in die Texte bringt. Es interessiert ihn bestimmt.
    Beste Grüße
    Eckhard

  2. Olaf Brill sagt:

    Lieber Eckhard,

    schön, dass du auf den kleinen Text hier geantwortet hast. Ich stimme dir zu, dass die Themen und viele der Bilder in “kult!” ganz toll sind. Die bestimmen ja auch den Kaufimpuls: Ein Magazin, in dem was über Bessy, Zack und Big Jim steht, kann wahrlich nicht ganz schlecht sein! Ich habe dann aber nicht gewollt nach dem Negativen gesucht, ganz im Gegenteil: Normalerweise versuche ich immer herauszufinden, wie man ein Produkt “lesen” muss, um maximalen Spaß damit zu haben (so habe ich z.B. im FO positive Besprechungen zu “SOS aus dem Weltall” und “Adele und der Pharao” geschrieben). Nur ist mir dies bei “kult!” einfach nicht gelungen. Von den Texten war ich wirklich und ehrlich ganz enttäuscht.

    Dabei liegt der Dreh, den man finden müsste, genau in dem, was du hier geschrieben hast: Die Autoren müssten zeigen, dass sie “sich einfach nur mal als Fan freuen” können. Wie war denn das, als die “Raumpatrouille” lief, und man sie als Unter-10-Jähriger frisch gebadet und im Bademantel im Wohnzimmer sehen durfte? Wie roch das, als man zu Weihnachten ‘nen nagelneuen Big Jim aus der Packung nahm? Hast du Comics und Perry Rhodan vom Nachbarjungen ausgeliehen oder auf dem Flohmarkt gekauft? Worüber wurde auf’m Schulhof gequatscht, wenn am Tag zuvor “Die Profis” lief? Das Tolle an solchen Beschreibungen wäre, dass es zwar einerseits ganz persönliche Erinnerungen wären, sie andererseits aber die Erinnerungen einer ganzen Generation widerspiegeln. Sowas würden wir lesen wollen!

    Übrigens schreibe ich zum 50-jährigen wahrscheinlich was in genau dieser Art über Perry Rhodan. Zur Anregung liegt auf meinem Nachttisch seit Wochen schon dein Perry-Prachtband, in dem ich immer wieder gerne schmökere. Ich denke, man sieht sich Ende September in Mannheim. Wir können dann ja mal einen trinken und über “gute alte Zeiten” plaudern.

    Herzlich,
    dein Olaf