Brutal, rauh, kraftvoll: Joe R. Lansdale – „Kahlschlag“

Joe R. Lansdale - „Kahlschlag“Die Romane und Novellen von Joe R. Lansdale werden hierzulande seit Jahren in deutschsprachiger Übersetzung verlegt. Nur leider ist es dem Autor bisher nicht gelungen dauerhaft bei einem Verlag unter Vertrag zu kommen. Vielleicht sind viele seiner Werke einfach zu „amerikanisch“ und damit zu speziell, um für den Massenmarkt interessant zu sein. Immerhin wird man beim Heyne-Verlag fündig, wenn man nach Werken von Lansdale sucht. Ein Großteil der neueren Veröffentlichungen findet sich allerdings beim Shayol-Verlag und neuerdings beim GOLKONDA-Verlag von Hannes Riffel.
„Kahlschlag“ spielt in Ost-Texas der 1930er Jahren. Die große Depression ist an diesem Landstrich, der als tiefste amerikanische Provinz anzusehen ist, nicht spurlos vorübergegangen. Die Zeiten sind hart und die Menschen haben nicht viel zum Leben. Es ist ein entbehrungs- und arbeitsreiches Leben das sie führen.
Joe R. Lansdale kehrt in seinem Romanen, Novellen und Kurzgeschichten immer wieder in diesen Landstrich der 1930er Jahre zurück. Novellen wie „Sturmwarnung“ und „Der Teufelskeiler“ und der Roman „Die Wälder am Fluss“ spielen zur selben Zeit wie „Kahlschlag“ und sind allesamt ebenfalls sehr lesenswert.

Der Flecken Camp Rapture besteht mehr oder weniger aus einer Sägemühle und einigen Farms, die verstreut in den umliegenden Wäldern liegen. Sunset Jones lebt in einem heruntergekommenen Haus zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann, der als Constable fungiert. Regelmäßig wird er ihr gegenüber gewalttätig und vergewaltigt sie. Eines Tages, als es besonders schlimm ist, nimmt Sunset den Revolver ihres Ehemannes, hält ihm diesen an den Kopf und drückt ab!
Die völlig verstörte Sunset begibt sich zu den einzigen Verwandten, die sie überhaupt noch hat, zu ihren Schwiegereltern. Ihnen erzählt sie, dass sie zur Mörderin an ihrem Sohne geworden ist. Während ihr Schwiegervater ihr massive Vorwürfe macht, kann ihre Schwiegermutter ihr Tun nachvollziehen. Schließlich erlebt sie seit Jahrzehnten die gleiche Tortur und hat schon seit längerem gewusst, dass ihr Sohn die schlechten Eigenschaftens eines Vaters übernommen hat. Durch die Tat ihrer Schwiegertochter findet sie den Mut ihren Ehemann erst einmal zu verprügeln und ihn dann aus dem Haus zu werfen. Als Mehrheitseignerin der Sägemühle ist sie eine der wichtigsten Personen in Camp Rapture. In einem Anflug von weiblichen Gerechtigkeitssinn und weil Sunset unbedingt einen Job benötigt, sorgt sie dafür, dass Sunset zum neuen Constable gewählt wird.
Ein mutiger Entschluss, denn eigentlich gehören Frauen ins Haus hinter dem Herd, hüten die Kinder und sind ansonsten für ihrem Mann da. Nicht einer glaubt daran, dass Sunset in der Lage ist betrunkene Raufbolde auseinanderzubringen und kleinere Diebstähle aufzuklären.
Sunset bekommt es aber schon recht bald mit einem Verbrechen ganz anderen Kalibers zu tun: einem Doppelmord. Auf dem Feld eines schwarzen Farmers verbuddelt wird die Leiche eines ungeborenen Kindes und die seiner Mutter gefunden. Als sich herausstellt, dass die tote Frau die Geliebte ihres Ehemannes war und das Kind wahrscheinlich von ihm stammte, gerät Sunset selbst unter Verdacht. Um nicht selbst im Gefängnis zu landen muss sie nun unbedingt den wahren Mörder finden. Bei ihren Recherchen tritt sie dabei mächtigen Männern auf die Füße. Männer, die ihre Geheimnisse gewahrt wissen wollen und nicht vor einem weiteren Mord zurückschrecken.

Betrachtet man alleine die Krimihandlung, so hat Lansdale einen soliden Kriminalroman verfasst. Habgier und Eifersucht waren die Gründe für die beiden Morde. Also durchaus bekannte Mordmotive.
Lansdale ist aber mehr als nur ein Krimiautor, er zählt zu den jenen Erzählern, die eine längst vergangene Zeit wieder auferstehen lassen können. Seine Figuren wirken so, als wenn man sie selbst kennengelernt hätte. Die Handlung ist so plastisch verfasst, als hätte man sie selbst durchlebt.
Die Welt der 1930er Jahre erscheint uns heute in ihrer Brutalität und Rauheit völlig fremd. Lansdale lässt diesen Teil der amerikanischen Vergangenheit in seinen Romanen, Novellen und Kurzgeschichten wieder auferstehen und dies mit einer erzählerischen Kraft, die man wirklich erlebt haben muss.
Immer wieder arbeitet er phantastische Elemente in seine Krimis mit ein. So dürften gerade Freunde der dunkleren Phantastik ihre Freude an der Lektüre dieses Romans haben.

„Kahlschlag“ zählt unzweifelhaft zu den besten Romanen, die in deutscher Übersetzung von Joe R. Lansdale vorliegen. Zum Glück für den deutschsprachigen Leser sind weitere Werke von Lansdale noch käuflich zu erwerben und bei GOLKONDA mit Leather Maiden und einem weiteren Titel zwei weitere Werke in Vorbereitung.

Andreas Nordiek

Joe R. Lansdale
„Kahlschlag“
GOLKONDA-Verlag, BRD 2010
Originaltitel: Sunset and Sawdust; USA 2004
Übersetzung: Katrin Mrugalla

362 Seiten

 

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