Deutliche Schwächen: Cord Hagen – „Aquagene“

Cord Hagen – „Aquagene“Von Cord Hagen liegt mit „Aquagene“ der zweite Thriller nach „Der Schlund“ vor. Wobei die Einordnung als Thriller oder Öko-Thriller wohl mehr vom Marketing bestimmt ist. Der Verlag hätte diesen Roman auch durchaus innerhalb seiner SF-Reihe herausgeben können, denn inhaltlich spielt die Handlung in einer zukünftigen Welt, in der der Klimawandel ziemlich weit fortgeschritten ist.
Die großen Nationen mit ihren an den Küsten liegenden Industriezentren sind von den Auswirkungen des Klimawandels stark betroffen. Sie kämpfen einen fast aussichtslosen Kampf gegen Überflutungen, Trockenperioden, Wirbelstürme und was der Klimawandel an extremen Wetterphänomenen sonst noch so mit sich bringt.

Während weite Teile der Erde mit Naturkatastrophen zu kämpfen haben und gerade die Industrienationen ganz andere Sorgen haben müssten, als sich weiterhin im Kampf um die letzten Energiereserven des Planeten zu kabbeln, bahnt sich in der Antarktis eine kriegerische Auseinandersetzung an, die durchaus zum Dritten Weltkrieg führen könnte. Die Arktis bietet nämlich noch Erdöl- und Gasvorkommen für Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte. Der Wettlauf um die letzten großen, unerschlossenen Vorkommen von fossilen Brennstoffen ist voll entbrannt.
Die zu Dänemark gehörende Insel Grönland spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn hier befinden sich Häfen und Flughäfen, also Infrastruktureinrichtungen, die nicht nur von den Ölmultis genutzt werden, sondern auch von den politischen Akteuren.

Dieser Hintergrund würde sich insgesamt hervorragend für Agentenstories jedweder Art eignen, er dient allerdings lediglich als Handlungshintergrund für eine sich schnell verändernde Welt. Die eigentliche Handlung dreht sich nämlich um die Frage, wie schnell sich die Menschheit als Spezies den Veränderungen auf der Erde wird anpassen können. Hagen beantwortet diese überlebenswichtige Frage mit einem „sehr schnell“. In seinem Roman setzt er voraus, dass der Mensch über reichlich „abgeschaltete“ Gensequenzen verfügt, die unter extremen Veränderungsbedingungen in seiner Umwelt reaktiviert werden. Mit steigendem Meeresspiegel stehen diese Veränderungen kurz bevor, denn die Menschheit ist als Spezies vom Wasser existenziell bedroht. Also reagiert die Natur und passt die am höchsten entwickelt Spezies den veränderten Rahmenbedingungen an. Der Teil der Menschheit, der sich nicht anpassen kann oder will, besteht die Gefahr des raschen Aussterbens.

Der Romanauftakt bringt den Leser gleich mitten hinein in die Geschehnisse, auch wenn er eigentlich so etwas wie ein Prolog darstellt. Die Crew eines Rettungshubschraubers, der an der Küste Ostgrönlands stationiert ist, wird bei schwerem Sturm hinausgeschickt, um Überlebende einer kleinen Cessna, die kurz vor der Küste ins Meer gestürzt ist, zu bergen. Als Leser wird man richtig hineingezogen in den Kampf zwischen Technik und Naturgewalten und kann Kälte und Nässe fast am eigenen Körper spüren.
Nach diesem Prolog geht es dann deutlich gemächlicher weiter. Im Zentrum des weiteren Geschehens steht eine junge Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin, die für das Attentat auf den deutschen Umweltminister verantwortlich gemacht wird. Bevor sie in die Fänge der Staatsorgane gerät, kann sie in die Antarktis fliegen. Dort gerät sie dann mitten hinein in einen Strudel von Gewalt, Verrat, Spionage, Sabotage und was den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen noch so an Wegen und Mitteln zur Verfügung stehen, um ihre Interessen durchzusetzen.
Nach und nach erfährt die junge Frau, auf welcher Spielwiese der Mächtigen sie sich befindet und wie gefährlich dies für sie sein kann. Weiterhin wird ihr ein exklusiver Einblick in das sich verändernde Grönland geliefert. Einem Land, dass sich frei macht von der Bevormundung anderer Nationen und dass zum Sammelbecken der neuen Menschen wird. Menschen, die im Einklang mit der Natur leben, dabei die Errungenschaften der modernen Technik für sich zu nutzen verstehen und die dank genetischer Veränderungen an das Leben im Wasser gut angepasst sind.

Leider weist der Roman deutliche Schwächen in der Charakterisierung der einzelnen Figuren auf und auch der eine oder andere Handlungsstrang ist selbst für einen nicht spezialisierten Leser, was z.B. längere Wanderungen über grönländisches Eis angeht, in Teilen unglaubwürdig.
Besonders negativ aufgefallen ist mir die verbohrte Sichtweise eines amerikanischen NSA-Agenten, der trotz aller Informationen und allem Wissen weiterhin äußerst beharrlich an seiner Sichtweise festhält. Ihm wird persönlich vor Augen geführt, wieweit sich Menschen dem Wasser anpassen können, wie weit sie bereits in der friedlichen Eroberung ihres Kontinentes und wie autark und wehrhaft sie bereits sind.
In den letzten Jahren sind ja bereits mehrere Romane mit dieser Thematik erschienen und mit diesen wird „Aquagene“ nun einmal verglichen. Mit Romanen wie Stephen Baxters „Die große Flut“ kann der Roman von Cord Hagen allein vom Erzählerischen her nicht mithalten und auch die Hintergrundidee ist ein wenig zu überspannt ausgearbeitet.

Andreas Nordiek

Cord Hagen
Aquagene
Heyne, Dezember 2010
Taschenbuch, Originalausgabe
510 Seiten

 

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