Konventionell gestrickt: Karl Schroeder – „Segel der Zeit“

Karl Schroeder - „Segel der Zeit“Nach „Planet der Sonnen“ und „Säule der Welten“ ist dies nun der dritte von insgesamt vier Romanen, der in der Welt Virga spielt. Bei Virga handelt es sich um einen 8000 km durchmessenden Ballon, der mit Luft angefüllt und in dem überwiegend Schwerelosigkeit herrscht. In diesem riesigen Ballon leben Menschen auf einem sehr einfachen technischen Niveau, da die Strahlung der zentralen Sonne alle elektrischen und elektronischen Reaktionen unterbinden. Wer gerne Romane aus dem Bereich Steampunk liest, der darf hier ruhig zugreifen.

Im Mittelpunkt dieses Romans steht Admiral Chaison Fanning, der nach seinem Präventivangriff auf die Flotte der Falkenformation gefangen genommen wurde und seit einigen Wochen in einem Gefängnis schmort. Zu Romanbeginn wird er von einem Einsatzkommando auf recht spektakuläre aus diesem befreit. Man versetzt den gesamten Gebäudekomplex einfach in Rotation und die Fliehkräfte tun ihr Werk. Der Komplex bricht auseinander und der Gefangene kann mit zwei seiner Mitstreiter entkommen.
Behilflich ist ihm dabei die junge Antaea Argyre, die für eine geheime Organisation arbeitet, die versucht alles Außenstehende von Virga fernzuhalten. Denn die menschlichen Zivilisationen sind den technisch überaus hochstehenden Wesen außerhalb ihres geschlossenen Bereichs in keinster Weise gewachsen. Würde es diesen Wesen gelingen in größerer Anzahl in Virga einzudringen, so wäre dies das Ende der menschlichen Zivilisationen wie sie bisher existieren.

Dieses Damoklesschwert schwebt den gesamten Roman über als Bedrohung im Hintergrund.
Im Vordergrund steht aber Fannings Flucht vor seinen Verfolgern und die Rückkehr in seine Heimat, in der er seit seinem Verrat von den politisch Mächtigen als Verräter angesehen wird, während die Admiralität ihn als Kriegshelden betrachtet. Mit seiner Rückkehr würde er die bereits bestehenden Spannungen innerhalb der Gesellschaft Slipstreams nur noch verstärken. Ein Bürgerkrieg würde drohen und zur ernsthaften Gefahr für das Weiterbestehen dieser Nation werden.
Die Flucht durch die Weiten Virgas nimmt den größten Raum ein und stellt zugleich den faszinierenden Part des Romans dar. In anschaulichen Bildern beschreibt Schroeder wie man sich in der Schwerelosigkeit fortbewegen und welche architektonischen Wunderwerke man vollbringen kann. Der Kampf zweier Städte gegeneinander, die sich im sprichwörtlichen Sinne nähern, sich ineinander verkeilen und bei der die eine Stadt von der anderen regelrecht geschluckt wird, hat mich schon beeindruckt.
Ebenso lesenswert ist Schroeders Gedankengang über das Vorhandensein von freien Wassermengen innerhalb Virgas. Ganze Seen existieren als Wasserblasen in dieser Welt. Solange sie von den Menschen kontrolliert werden können, stellen sie keine Gefahr dar. Wenn sich aber größere Mengen Wassers zusammenballen und mit entsprechender Geschwindigkeit auf eine Stadt treffen, dann ist die Sintflut nichts dagegen gewesen.

Die Handlung an sich ist recht konventionell gestrickt und lebt halt von der Umgebung in der sie spielt. Weiterer Pluspunkt ist die Verzahnung zwischen den vier Romanen. In den vier Romanen wird eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. So ergibt sich letztlich ein längeres Werk mit einer Menge an Facetten.
Dennoch kann Karl Schroeder mit den ganz großen Weltenbauern wie Banks, Reynolds oder Hamilton nicht mithalten. Es fehlt noch an schriftstellerischer Ausdruckskraft und an den großen Zusammenhängen. Letztere werden zwar angedeutet, bleiben aber noch im Hintergrund. Vielleicht werden sie im abschließenden Roman in den Vordergrund gerückt.

Andreas Nordiek

Karl Schroeder
„Segel der Zeit“
Taschenbuch, Heyne, April 2011
Originaltitel: „Pirate Sun“
Übersetzung: Irene Holicki
USA: 2008
431 Seiten

 

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