Original oder Synchronisation? Der Deutschen Freud und Leid!

Rüdiger Schäfer

Rüdiger Schäfer

Deutsche Film- und Serienfans haben es gut. Sie können sich an fast allen ausländischen Produktionen in einer voll synchronisierten, also komplett nachvertonten Fassung in ihrer Muttersprache erfreuen. Das ist in Europa sonst nur noch in wenigen anderen – ebenfalls bevölkerungsreichen – Ländern (Spanien, Frankreich, Italien) der Fall. So geht zwar die ein oder andere Perle, die es aus verschiedensten Gründen nicht ins deutsche Fernsehen oder Kino schafft, verloren, doch an Nachschub herrscht erfreulicherweise kein Mangel.

Auch ich habe mir bis zum Jahr 1997 so gut wie alle Filme und Serien in den jeweiligen Synchronversionen angesehen. Mein Englisch erschien mir zwar durchaus annehmbar, da ich es im Beruf täglich gebrauchen muss, doch viele Feinheiten und Wortspiele der Original-Tonspur blieben mir eben doch verborgen. Und dass Jack Lemmon und Peter Sellers oder Sean Connery und Paul Newman im Deutschen die gleichen Stimmen hatten, fiel letztlich nicht so sehr ins Gewicht.

Dann schickte mich mein Arbeitgeber für drei Jahre nach Australien. Plötzlich blieb mir keine Wahl mehr. Anfangs mit einiger Anstrengung verbunden, stellte ich schnell fest, dass die sich mir auf einmal eröffnende stimmliche Vielfalt durchaus auch Vorteile mit sich brachte. Gute Schauspieler arbeiten mit ihrer Stimme – und sie tun das zwangsläufig eindrucksvoller und direkter, als es selbst ein begabter Synchronsprecher im Studio jemals könnte. Wer einmal den späten Clint Eastwood im Original und mit seiner deutschen Stimme im direkten Vergleich erlebt hat, weiß, wovon ich hier schreibe.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland, die mit dem Beginn des Siegeszuges der DVD einher ging, blieb ich der neuen Gewohnheit treu. Bis heute sehe ich mir so gut wie jeden Film und vor allem jede Serie im Originalton an. Das bringt den zusätzlichen Nutzen, dass ich mir viele Film-DVDs respektive Blu-rays und Serienboxen im Ausland besorgen kann, wo diese trotz Globalisierung nicht nur deutlich früher, sondern auch zu wesentlich günstigeren Preisen erscheinen (und davon profitiert letztlich auch diese FO-Sparte).

Seit 1997 hat sich vieles verändert. In einer Zeit, in der der Englisch-Unterricht schon im Kindergarten beginnt und mehr und mehr junge Menschen begreifen, dass halbwegs akkurate Englischkenntnisse unabdingbare Voraussetzung für eine anspruchsvolle Berufslaufbahn sind, steigt auch die Zahl der Film- und Serienfans, die die Vorzüge von Originalfassungen zu schätzen wissen. DVDs und Blu-rays enthalten die englische Tonspur so gut wie immer; dem vielleicht noch etwas unsicheren Einsteiger helfen die englischen Untertitel. Und die Mühe lohnt sich! Abgesehen davon, dass man so ganz nebenbei neue Vokabeln und Redewendungen lernt, bewegt sich die Qualität der neueren deutschen Synchronisationen – mit wenigen Ausnahmen – kontinuierlich Richtung Kellergeschoss.

Ob nun bei »James Bond – Im Angesicht des Todes« das englische silicon mit Silikon übersetzt wird (richtig wäre Silizium), oder closet (englisch für Schrank) mit Toilette (zu hören in »American Werewolf«) macht prinzipiell keinen Unterschied, haben solche und ähnliche Patzer doch lediglich den Vorteil, dass sie viele Filmfreunde gar nicht bemerken. Unschön sind sie dennoch.

Oft ist auch schlichte Unkenntnis eine Fehlerquelle. Der jedem SF-Freund bekannte Satz »May the force be with you« aus den Star Wars-Filmen wird in »Cocoon« zu »Hoffentlich lässt die Kraft nicht nach, die das Schiff hochzieht« und verliert damit seinen Charakter als gewollte Anspielung völlig. Geradezu abstrus mutet der Lapsus in James Camerons Unterwasser-SF-Spektakel »The Abyss« an. Die Frage »What about O2?« mutiert dort zu einem sinnfreien »Was ist mit Null Zwei?« Gemeint ist natürlich Sauerstoff. Und in »Kampfstern Galactica« wird aus der Anweisung »When I hit three …« (soviel wie »Ich zähle auf drei …«) das unverständliche »Wenn ich drei treffe …«

Solche und ähnliche Beispiele sind Legion und im Internet gibt es Dutzende von Webseiten, die sich des Themas angenommen haben. Dabei sind reine Übersetzungsfehler noch das geringste Übel. Die Synchronisation zerstört unter anderem auch sprachliche Besonderheiten wie Akzente, Betonungen oder regionale Dialekte. Oder sie wird sogar gleich als Mittel zur Zensur eingesetzt. Unter Filmfreunden allgemein bekannt dürfte die erste deutsche Fassung des Klassikers »Casablanca« sein, aus der alle Nazi-Szenen konsequent entfernt und die braune Brut zur schnöden Ganoventruppe degradiert wurde. Erst ab 1975 durften deutsche Zuschauer die vollständige Version genießen.

Leidtragende schlechter Synchronisation sind auch und vor allem amerikanische Sitcoms (vom englischen situation comedy), die sich hauptsächlich durch eine schnelle Abfolge mehr oder weniger witziger Szenen und Dialoge auszeichnen. So gilt zum Beispiel »Seinfeld« (1989-98) als die anerkannt einflussreichste Sitcom der 1990er Jahre und wurde mit Preisen buchstäblich überhäuft – in Deutschland dagegen kennt die Serie so gut wie niemand, denn die hiesige Synchro gehört mit zum schlechtesten, was dieses Gewerbe jemals produziert hat.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Natürlich ist mir bewusst, dass der deutsche Durchschnittszuschauer auf die Synchronisation angewiesen ist. Außerdem beweisen Serien wie »Eine schrecklich nette Familie«, »Magnum« oder die exzellenten Eindeutschungen der »Columbo«-Filme, dass hier durchaus auch hervorragende Arbeit abgeliefert wird. Allerdings habe ich den Eindruck, dass in den letzten Jahren – sei es durch Kostendruck, Mangel an guten Übersetzern und Sprechern oder aus anderen Gründen – die Brauchbarkeit der Nachvertonungen immer weiter abnimmt. Das führt – insbesondere bei Serien – teilweise zu massivem Qualitätsverlust.

Ob sich für den nicht anglophonen Film- und Serienfan der Besuch eines Sprachkurses nun lohnt oder nicht, muss dieser selbst entscheiden. Fremdsprachenkenntnisse sind heutzutage gefragter denn je, und wenn man diese beim Anschauen von Filmen und TV-Serien verbessern kann, ist das doch ein ziemlich angenehmes Lernen, oder?

Rüdiger Schäfer

(Der Artikel erschien in Fandom Observer 264 in einer gekürzten Fassung.)

 

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Eine Antwort auf Original oder Synchronisation? Der Deutschen Freud und Leid!

  1. Gerade die immer wieder gesehenen Favoriten könnte man ja auch mal im Original schauen. Habe das den Harry-Potter-Fans daheim vorgeschlagen, mußte jedoch schon nach fünf Minuten wegen der Proteste die Sprache wechseln …