Schöne Frauen, skurriler Humor: „Adèle und das Geheimnis des Pharaos“

Ein eigenwilliges Juwel des Kinojahres 2010

Adèle und das Geheimnis des PharaosIm Herbst 2010 ist ein Film in die deutschen Kinos gekommen und gleich wieder daraus verschwunden, der mehr verdient hätte, als das minimale Presseecho, Marketingvolumen und die Beschränkung auf einige wenige Leinwände und Nachmittagsvorstellungen.
Dass „Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec“ (so der Originaltitel) dieses Schicksal beschieden war, liegt vermutlich daran, dass die Verantwortlichen kein Vertrauen in den Stoff hatten – und dass, obwohl es sich um eine Comicverfilmung handelt, und man damit ja kaum gegen den Trend fährt (siehe »Tim und Struppi«, »Thor«, »Watchmen«, »Iron Man«, et al.). Nur ist Adele eben nicht der Feder eines US-amerikanischen Zeichners entsprungen, sondern eines französischen. Das scheint ein Ausschlusskriterium zu sein, denn an der Qualität kann es nicht gelegen haben: Was Thor kann, kann Adele schon lange, egal ob es um zeitgemäße CGI, Buch oder Darsteller geht.

Mit Luc Besson hat »Adèle und das Geheimnis des Pharaos« sogar einen Regisseur von Weltruhm (»Léon – Der Profi«, »Das fünfte Element«), und mit Louise Bourgoin als Hauptdarstellerin einen Beweis dafür, dass französische Schauspielerinnen den Kolleginnen von jenseits des Atlantik oftmals überlegen sind. Es ist keine leichte Aufgabe, eine so charaktergestützte Komödie wie »Adèle« zu tragen, doch Madame Bourgoin gelingt das mit Leichtigkeit. Dabei schafft es die attraktive Ex-Wetterfee, ihren gallischen Charme zu behalten und gleichzeitig einen Eindruck der Epoche zu vermitteln, in der der Film spielt, nämlich der Belle Èpoque, den Jahren vor dem ersten Weltkrieg also.

»Adéle« hat einige Gemeinsamkeiten mit anderen Comicverfilmungen, etwa eine zwanghafte Tendenz dazu, Figuren aus dem gezeichneten Original einzubinden, die in einem straff getrimmten Drehbuch nichts verloren hätten. So gipfelt die ohnehin unordentlich inszenierte Eröffnung im Auftritt des Antagonisten Dieuleveult, der dank seines Make-Ups und der Bedeutung, die ihm seine Untergebenen und nicht zuletzt Adèle zumessen, eigentlich der Oberböse des Films sein müsste, der aber nach diesem kurzen Gastspiel verschwindet und unerklärlicherweise nicht mehr auftaucht. Sicherlich eine Verbeugung an das Quellenmaterial, aber keine, die dem Film gut tut. Denn so findet die Protagonistin erst nach rund 40 Minuten ihren Rhythmus (pikanterweise ungefähr zur gleichen Zeit, in der sich die Hauptperson völlig entkleidet – ein weiteres Zeichen, dass es sich um einen französischen, nicht um einen US-Film handelt).

Doch ab diesem Zeitpunkt fügen sich die starken Einzelteile – Haupt- und Nebendarsteller, Regisseur, fantastische Sets, gelungener Humor – zu einem witzigen, angenehm skurrilen Ganzen zusammen. Adèle, welche in den ersten 40 Minuten die Mumie eines pharaonischen Leibarztes aus ihrem sandigen Grab stiehlt, sie nach Paris bringt und dort neben ihrer eigenen, katatonen Schwester Agathe parkt, ohne dem Zuschauer mit einer Erklärung zu helfen, sucht die Hilfe des greisen Professors Espérandieu (der in einer frühen Szene dadurch auffiel, dass er a) schwebt und b) Dinosauriereier belebt). Sie hofft, dass er den Leibarzt zu neuem Leben erwecken kann, damit dieser mit seinem offenbar überlegenen Wissen Agathe heilen kann.

Wie nicht anders zu erwarten, kommt es dabei zu Problemen – Espérandieu wird verhaftet, Adèle versucht ihn aus dem Gefängnis zu befreien und gleichzeitig die tapsigen Avancen eines jungen Mannes namens Andrej Zborowski abzuwehren. Die Polizei in Form des schläfrigen, immer hungrigen Inspektor Caponi steckt ihre Nase in die Angelegenheit (und bekommt sie fast vom Großwildjäger Saint-Hubert abgeschossen), und im Finale proben die Mumien im Louvre den Aufstand und machen sich, amüsiert von der (noch) pyramidenlosen Architektur der StadtParis, auf den Heimweg. Müssen wir erwähnen, dass Agathe zwischendrin ihre Heilung erfährt?

Es ist diese, im positiven Sinn des Wortes wirre, zweite Hälfte der Komödie, die »Adèle« zu einem Geheimtipp für Videoabende macht. Wer nicht ein ausgesprochener Frankophobe ist (also mit der gallischen Art des Filmemachens und dem linksrheinischen Humor nichts anzufangen weiß), der sollte die Gelegenheit nutzen.

»Adèle und das Geheimnis des Pharaos« ist kürzlich auf DVD erschienen, und wird hier vielleicht ähnlich wie der Pharao eine zweite, lange währende Existenz nach dem ungerecht frühen Ableben in den Kinosälen erfahren.

Michael Erle

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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