Ambitioniert gescheitert: Stephen Baxter – „Die letzte Arche“

Stephen Baxter - „Die letzte Arche“Man sagt dem Briten Stephen Baxter nicht völlig grundlos einen Hang zu gigantischen Entwürfen nach, in vorliegenden Fall lässt er gleich den gesamten Planeten Erde absaufen; nun ja, streng genommen ereignete sich das grausige Geschehen weitgehend schon in „Die große Flut“ (2008, deutsch 2009 als Hardcover bei: Heyne, als Taschenbuch 53359 im Januar 2011 erschienen), welches für das Verständnis des vorliegenden Romans jedoch einigermaßen entbehrlich ist.
Streiten wir auch gar nicht erst über das dem Ganzen zugrunde liegende, für einen sonst eher den harten Fakten (und ihrer Extrapolation) verpflichteten Autoren wie Baxter buchstäblich unglaubliche Konstrukt riesiger unterirdischer Wasserkavernen, die mit einem Male aufbrechen und über einen Zeitraum von fünfzig Jahren Zug um Zug die gesamten Landmassen der Erde überfluten. Nehmen wir das einfach als Szenario eines allmählichen Weltuntergangs hin, wie wir es allerdings beispielsweise im Falle von Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ schon um einiges grausiger und beeindruckender vorgestellt bekommen haben. (Um der Wahrheit den Vorzug zu geben, war der Rezensent als dem Horror traditionell eher abgeneigter Leser allerdings nicht wirklich enttäuscht, die gesamten Abgründe einer derartigen Apokalypse nicht en detail vor die inneren Augen geführt zu bekommen.)

Als Werk einer in erster Linie als unterhaltsam gedachten Literatur, bemüht sich „Die letzte Arche“ um die Schaffung von Identifikationsfiguren, und die findet Baxter vor allem unter den Rekruten eines experimentellen Raumschiffs, das in letzter Stunde den potenten Samen der Menschheit zu einem anderen Planeten tragen soll. Während junge, vermutlich gut aussehende Wissenschaftler also in ihren Labors eben einen lichtschnellen Warp-Blasen-Antrieb konstruieren und für die Startsequenz auf die brutale Energie explodierender Atombomben zurückgreifen, werden die vor den Fluten flüchtenden Menschenmassen vom Militär in Schach gehalten und im Notfall auch schon einmal vergast.

Stephen Baxter

Stephen Baxter

Baxter ist als Autor von Science Fiction ein begabter Handwerker, der eine große Anzahl von Romanen produziert, vorzugsweise mindestens in Trilogien. Leider geht diese schriftstellerische Ökonomie des öfteren zu Lasten der Qualität, so auch im vorliegenden Fall. Verläuft die Handlung des Romans bis zum Start des Raumschiffes in letzter Sekunde noch weitgehend stringent, so verliert sich das Werk danach bald in mehreren voneinander abzweigenden Handlungssträngen. Beim Erreichen ihres Ziels – dies verrät schon der Klappentext – stellen die jungen RaumfahrerInnen nämlich fest, dass ihr Zielplanet für eine dauerhafte Besiedelung nicht wirklich geeignet ist, und es stellen sich Ihnen verschiedene Handlungsalternativen …

„Die letzte Arche“ beschreibt letztlich mehrere Handlungsbögen, die sich insgesamt über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert erstrecken. Dabei verliert der Autor gelegentlich die Entwicklung seiner Figuren ein wenig aus den Augen, als weit wesentlicheres Manko stellt sich dem Rezensenten jedoch dar, dass spätestens nach dem Start der Arche (die im Widerspruch zum hiesigen Buchtitel nicht einmal die letzte ihrer Art darstellt) wesentliche Wendungen der Handlung weniger sorgsam entwickelt als nur noch grob skizziert werden. Allein die Thematik der sich an Bord des Raumschiffes entwickelnden archaischen Kommandostruktur mit allen Abgründigkeiten hätte eine ausführlichere Darstellung verdient. So aber bleiben neu etablierte Figuren der zweiten RaumfahrerInnengeneration blass und auch die Situation, die sich inzwischen auf der überfluteten Erde entwickelt hat, kommt über das Bild einer groben Skizze kaum hinaus.

Insgesamt scheitert „Die letzte Arche“ damit als ambitioniertes Werk, das letztlich mehr Fragen offen lässt als es beantwortet und damit etliche Anknüpfungspunkte für absehbare Fortsetzungen bereitstellt.

Peter Herfurth-Jesse

Stephen Baxter
„Die letzte Arche“
Science Fiction Roman
Deutsche Erstausgabe
Heyne TB 26657, München 2011
Originaltitel „Ark“ (2009)
us dem Englischen von Peter Robert
Umschlagillustration: Shutterstock
687 Seiten
ISBN 978-3-453-26657-5

 

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