Flavius Princeps – wie Gary Stu in die Zukunft reiste

„I love do read and do so voraciously and if there’s one thing in life I cannot forgive, it’s bad writing.“
(C. Parker)

Alexander Merow - Das Aureanische ZeitalterNie war dieses Zitat zutreffender als jetzt. Ich habe lange Zeit überlegt, wie ich etwas über ein Buch schreiben kann, das ich noch nicht einmal zu Ende gelesen habe. Darf ich etwas bewerten, das ich in nicht in seiner Gänze kenne? Oder sollte ich ehrlich sagen, warum ich Alexander Merows Auftakt für sein Science Fiction-Epos nach etwas mehr als einem Drittel zugegeben ziemlich entnervt in die Ecke gepfeffert habe?

Ich bin noch neu, wenn es um den Lesegenuss von Science Fiction geht. Einige mögen jetzt entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, warum ich dann gerade meine Nase in „Das aureanische Zeitalter“ von Alexander Merow gesteckt habe. Ich gebe zu, auch Bewertungen bei einem großen Internetkaufhaus können mich beeinflussen. Das Werk hat durchweg positive Bewertungen bekommen, es ist von einer geschickten Verknüpfung von Science Fiction und der Antike die Rede. Es wäre eine Lüge, wenn ich behaupte, dass jahrelanger Lateinunterricht eine reine Folter gewesen wäre, immerhin hat der Unterricht es geschafft, mir das Leben der Römer auf relativ unterhaltsame Art und Weise näher zu bringen. Deswegen war ich auch neugierig, wie Merow etwas so vermeintlich Angestaubtes wie die Antike in ein neues Gewand packt.

Aber allein die Einleitung des Romans hatte eine abschreckende Wirkung auf mich. Über mehrere Seiten ergeht sich Merow im Aufbau seiner Welt, die ca. 13.000 Jahre in der Zukunft spielt. Die Menschheit ist mittlerweile vermeintlich hoch entwickelt, bereist das Weltall und hat andere Planeten erschlossen. So weit so gut. Nichts großartig Neues. Die Beschreibungen lesen sich teils etwas holperig, jedoch sind Beschreibungen von Romanwelten immer etwas schwierig in der Umsetzung. Also habe ich tapfer weiter gelesen und bin nach einigen Seiten auf den Romanhelden gestoßen. Flavius Princeps. Das erste Antike, das ich in diesem Roman antreffe. Flavius heißt übersetzt „blond“. Beim weiteren Lesen beschlich mich die dumpfe Ahnung, dass ich hier in eine Gary Stu-Falle getappt bin. Flavius kehrt gerade von einer Mission im Weltraum zurück. Mehrere Jahre seit seiner Abreise von Terra, wie die Erde in Merows Roman genannt wird, sind vergangen, einige davon hat Flavius im Kälteschlaf verbracht. In diesen werden die tapferen Männer während einer Reise nämlich versetzt. Sagte ich tapfer? Nun, Flavius hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, in den Kälteschlaf versetzt zu werden. Das ließ meine Gary Stu-Intuition das zweite Mal aufhorchen. Denn Gary braucht immer ein Trauma. Dazu später mehr.

Bei seiner Rückkehr trifft Flavius auf seine Familie, die im Gegensatz zu ihm – Kälteschlaf, immer schön im Hinterkopf behalten – gealtert sind. Die Wiedersehensfreude ist groß und so unbeholfen beschrieben, dass es fast schon wieder cheesy ist und mich teilweise versöhnte. Schließlich muss sich ein Autor ja erst warmschreiben…
Im weiteren Verlauf jedoch fragte ich mich unwillkürlich, was genau die Handlung von „Das aureanische Zeitalter“ ist. Einerseits ist das Flavius, der nach seiner Rückkehr nicht ganz so weiß, wer er ist, was er macht und wie es weitergehen soll. Vollkommen unmotiviert ergeht er sich in den krudesten Handlungssträngen, die anscheinend alle mit dem Kälteschlaf erklärbar sind. Er hat Agoraphobie – Kälteschlaf. Er wird drogenabhängig – Kälteschlaf. Er führt ein ausschweifendes Partyleben – Kälteschlaf. Ich glaube zumindest, dass dieser Kälteschlaf Merows Version von „42“ ist, die Charakterisierung des Flavius bleibt aus. Wenn Flavius handelt, ist es immer mit seiner traumatischen Erfahrung des Kälteschlafs begründet. Dies, die Beschreibung seines anscheinend sehr attraktiven Äußeren und seine herausragenden Fähigkeiten im Sport ließen mich immer wieder an Gary Stu denken. Ich bin sogar so weit gegangen, diese Gary Stu-Eigenschaften mit den im Netz zuhauf zu finden Mary Sue-Tests abzugleichen. In drei Tests gab es die volle Punktzahl. Und ich stellte mir die Frage, warum nur Fanfiction immer als Paradebespiele für Mary und Gary herhalten muss.

Allerdings möchte Merow mit seinem Werk auch andere Ansprüche stellen. Gesellschaftskritik. So soll es den Anschein haben. Die Menschen leben in einem Kastenwesen, es gibt die Reichen (sei es nun reich an Kapital oder reich an Einfluss), die ihres Lebens so überdrüssig sind, dass sie dem Hedonismus verfallen und sich gelangweilt von Gebäuden in den Tod stürzen. Im Gegensatz dazu gibt es die Armen, die am Rande der Gesellschaft leben und von den Reichen gerne mal für niedere Dienste in Anspruch genommen werden. Damit hat Merow die Gesellschaft der Antike, des Mittelalters und unserer Zeit ziemlich plump auf seine Welt übertragen. Die Kritik an diesem Dasein ist unglücklich verpackt, vieles ist zu offensichtlich und ich finde es schade, dass Merow sich nicht getraut hat, diese Kritik zynischer zu verpacken. So ist es ziemlich brav geraten und wirkt damit leider mehr als platt.
Schwung in die Handlung soll wohl der Wechsel des Imperators bringen. Ein jüngerer Imperator ist an die Macht gekommen und möchte mit dem Kopf durch die Wand. Veränderungen müssen her, alles soll schöner und gerechter werden. Natürlich gibt es hier eine Gruppe Politiker, die das nicht ganz so prall finden und die Stricknadeln für eine Intrige auspacken.

Das war der Punkt, an dem ich mit der Lektüre von „Das aureanische Zeitalter“ aufgehört habe. Sämtliche Charaktere bewegen sich in „Subjekt-Prädikat-Objekt“-Manier durch die nicht existente Handlung, ihre Motivation bleibt gänzlich unbeleuchtet und Merows Stil – für mich so wenig existent wie die Handlung – war auch nach einem Drittel immer noch kein Grund geworden, dem Roman noch eine Chance zu geben. Die Formulierungen Merows sind teilweise so unglücklich gesetzt, dass ich ungewollt lachen musste. Ich weiß nicht, ob das in der Intention des Autors lag. Aber den gehobenen Stil, den ein Rezensent für diesen Roman so hervorhob, suchte ich leider vergebens. Als Sahnehäubchen gibt es dann noch ein schlampiges Lektorat.

Was bleibt? Die Hoffnung, dass es Science Fiction-Literatur gibt, die mich mehr fesseln kann. Die Erkenntnis, dass für dieses Machwerk so ziemlich alles falsch gemacht worden ist, was Autor, Lektor und Verlag falsch machen können. Und die Frustration, dass ich in der Zeit, in der ich Alexander Merows Auftakt zu seinem Epos so viele Chancen eingeräumt habe, auch sinnvoller hätte nutzen können.

Katrin Hemmerling

Alexander Merow
„Das aureanische Zeitalter“
301 Seiten
Engelsdorfer Verlag, 1. Auflage, Mai 2011
ISBN 3862682994

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