Markus Heitz: Jerry, John & Perry

Markus HeitzDa sitze ich nun. Über dem Manuskript und überlege an der Stelle, als das Schiff runtergeht und in einer dramatischen Aktion auf, nein, in … nein.
Anders. Das muss anders klingen!
Noch ein bisschen Wörter schubsen, umstellen, reindenken, nach dem Exposé schauen, abgleichen, umstellen.
So, da haben wir es doch!
Mh … Wäre das JETZT Perry Rhodan genug? Werde ich dem Held meiner frühen Jugend gerecht? Also, wie würde er das machen, in dieser Situation?
Mal nachdenken, wie das alles anfing.
Perry und ich.

Altes Papier

Es begann, um ehrlich und genau zu sein, wie bei so vielen mit einem alten Koffer. Es war der Koffer meines Onkels, der immer irgendwo im Haus meiner Großeltern herumstand und verdammt schwer zu heben war. Dabei wusste ich, dass mein Onkel nicht verreist.
Was hatte er also da drin? Gold? Edelsteine? Klamotten? Dunkle Geheimnisse? Halbe Leichen?
Als ich ihn danach fragte, meinte er nur, ich solle halt nachschauen.
Was ich auch tat. Schnallen öffnen, Lederriemen sssst weg, Schnappschlösser klack-klack auf und hoch damit: Es roch nach Papier, altem Papier.
Und schon sah ich sie: Jerry, John und Perry.
Drei Universen voller Action, Spannung, Rätseln, wenn auch strikt von einander getrennt. Mein Onkel hatte also „Jerry Cotton“, „John Sinclair“ und „Perry Rhodan“ irgendwann mal gesammelt und seine Schätzchen wegpackt.
Ich habe natürlich alle drei angelesen, und was es bei Perry nicht leicht gemacht hatte: Hintergrund. Ohne das passende Hintergrundwissen war es mir so gut wie unmöglich, auch nur halbwegs nachvollziehen zu können, um was es da gerade geht, wer das alles ist und so weiter. Auch die fortlaufende dreistellige Zahl … oder war es vierstellig? Egal, es diente eher zur Abschreckung, nach dem Motto: Super! Woher bekomme ich die anderen neunhundertneunzig? Da hatten John und Jerry Vorteile: einfacher einzulesen.

„Atlan. Cooler Typ. Immer irgendwie genervt von den Primitiven. Gucky ging mir gelegentlich auf den Zeiger, aber bitte sehr. So ist das mit Geschmäckern.“
Markus Heitz

Atlan, cooler Typ

Es verging eine kleine Weile, was meine SF-Karriere angeht. Aber immerhin waren mir nicht nur Captain Future und Mark Brandis von Anfang an begegnet, sondern auch Perry.
Mit dem Wechsel von Grundschule aufs Gymnasium kam ich in den Genuss einer eigenen Schülerbibliothek, und siehe, mein damaliges stummes Flehen war in der Zwischenzeit erhört worden: SAMMELBÄNDE!
Perry Rhodan-Sammelbände! Meterweise, meterhoch! ALLES MEINS!
Groß, fett, silbern, merkwürdig wabernde Cover, mit einem Plastikbild, das komische Geräusche machte, wenn man mit Fingernägeln oder Bleistiftenden darüber wischte. Und weg war ich, tschüss Jerry und John, ich bin im All unterwegs.
Ein Band fiel nach dem anderen, und ich entdeckte sehr schnell die Vorliebe für Atlan. Cooler Typ. Immer irgendwie genervt von den Primitiven, aber helfen muss man ihnen doch schon. Gucky ging mir gelegentlich auf den Zeiger, aber bitte sehr. So ist das mit Geschmäckern. Ausgestiegen bin ich bei zu viel Technikkram, mich hatten immer mehr die Story und die Charaktere interessiert. Technik, bitte, ja, aber ohne lange Erklärungen.
Ich habe lange mitgehalten … die genaue Zahl weiß ich gar nicht mehr. Aber ich fühlte mich sehr lange sehr wohl in dem „Perry Rhodan“-Universum.

Anfänger und alte Hasen

Markus HeitzLange Zeit war es wieder ruhig, bis ich plötzlich 2002 zur schreibenden Zunft gehörte und eine Einladung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse bekam: zum Galaktischen Forum. Vorne prangte Perry Rhodans Kopf drauf, Ausrichter war der Heftroman-Verlag.
Ich bekam ein merkwürdiges Gefühl bei der Sache, weil ich doch so ewig nicht mehr Rhodan gelesen habe, aber anschauen wollte ich mir das Forum schon. „Was für Schreiber da wohl sind?“
Das Lustige war: An dem Abend, und damals fand es noch in Frankfurt im Bahnhof statt, kam Andreas Eschbach zum ersten Mal vorbei. Zeitgleich standen wir am Empfang, ließen uns die Namenschildchen geben. Und ich fragte ihn: „Wissen Sie, was jetzt passiert?“
Andreas: „Keine Ahnung. Bin auch zum ersten Mal da.“ So trifft man als NoName direkt mal auf Erfolgsautoren …
Tja … es war ein schönes Beisammensein von Autorenkollegen, wo ich Gastgeber Klaus N. Frick kennen lernte. In den Jahren darauf bekam ich gelegentlich die Kurve, um beim Forum vorbeizuschauen. Und Klaus fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mal einen Gastroman zu verfassen. Da ich erwähnte, mal Rhodan gelesen zu haben, ließ er nicht mehr locker, bis ich irgendwann nachgegeben habe. Weil es mich reizte. Weil es mich an früher erinnerte. Weil ganz viele Gedanken und Gefühle bei Perry Rhodan ins Spiel kommen, vom Geruch des alten Koffers bis hin zum Geräusch der Plastikcover auf den Silberbänden.

Was aus dem alten Koffer mit den alten Bänden wurde, weiß ich übrigens nicht. Vermutlich landete er bei einem der Aufräumattacken meiner Oma an einem Ort, wo ich lieber nicht wissen will, welches Schicksal die leicht brennbaren „Groschenromane“ genommen haben. Immerhin wurde in dem Haus noch mit Briketts geheizt. Mehr muss ich dazu nicht andeuten, denke ich. Kann auch sein, dass sie auf einem Flohmarkt landeten oder bei den Nachbarkskindern. Mich hätte es schon sehr gereizt herauszufinden, welche Romane mein Onkel besessen hatte.
Also blieben Perry Rhodan und ich uns treu.

Was würde Perry tun?

Und ich muss wieder an das Manuskript um zu feilen. Übrigens macht es die Sache nicht einfacher, wenn man ein Exposé vorgegeben bekommt, an das man sich halten MUSS. Da kann man noch so viele Romane in Eigenregie geschrieben haben, Vorgabe ist Vorgabe.
Verständlich. Denn die Kontinuität zu den anderen Romanen vorher und den nachfolgenden muss gegeben sein. Also sehe ich es als Herausforderung an, mich in die Welt, in das Setting, in die Technik, in die Charaktere reinzudenken.
So, also, das Schiff beschleunigt und … was würde Perry Rhodan …? Nein, wie würde Rhodan denken? Was macht ihn aus?
Nochmal, alles zurück auf Anfang und ein Auge ins Exposé, damit ich zurecht komme und der Roman den Verlauf nimmt, den er nehmen soll.

Um was es in meinem Gastroman geht?
Sorry, aber DAS kann ich beim besten Willen nicht verraten. Das müssen schon andere tun.
Aber es ist ein Setting, das fast schon als Theaterstück funktionieren würde. Es ist weniger episch und bunt, dafür spannend, klaustrophobisch, unheimlich. Ich würde es Katz-und-Maus in einem sehr unfreundlichen Ambiente nennen. Und natürlich ist nicht alles so, wie es zu sein scheint …
Ich muss wieder arbeiten …

Markus Heitz

Perry Rhodan“ Nr. 2615 – „Todesjagd auf Rhodan“ – erscheint am 30. September.

Markus Heitz, Autor
* 10. Oktober 1971 in Homburg
Genres: Fantasy, Horror, Science Fiction
studierte Germanistik und Geschichte auf Lehramt, dann freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung,
2003 Deutscher Phantastik-Preis für seinen Debüt-Roman „Schatten über Ulldart“, Durchbruch mit dem Roman „Die Zwerge“, Mitbesitzer eines Irish Pubs in Zweibrücken

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