Sucker Punch – Replik auf gestellte Fragen

Sucker PunchDer im Mai erschienene Observer befaßte sich in aller Ausführlichkeit und Breite mit dem aktuellen Film von Zack Snyder. Pro & Contra gaben sich die Rede und wurden argumentativ unterfüttert. Kollege Michael Erle bekräftigte seine Skepsis via einiger Fragen, die sich für ihn konkret nach ‚Sucker Punch‘ ergeben hatten …

… hier die Antworten.

Wovon will Baby Doll / das Mädchen ihre Freiheit erlangen?!

Freiheit vom Umstand in der Realität Gefangene einer Nervenheilanstalt zu sein. Unmittelbar bedroht durch eine Lobotomie, die die Tür zu ihrer alten Welt endgültig zuschlagen wird. Freiheit von den Gewissensqualen für den Tod ihrer kleinen Schwester verantwortlich zu sein. Freiheit von all den anderen Ängsten, die sich ihr jetzt in den Weg stellen …

…womit die nächste Frage bereits ihre Klärung erfahren hat:

Warum stürzen sich die drei Giganten auf Baby Doll?!

Bevor sie ihre eigentliche Mission beginnen kann, muß sich das Mädchen ihren eigenen Dämonen stellen und sie besiegen. Der erste Samurai steht für den schänderischen Stiefvater, dessen Klinge (Achtung: Phallus) Baby Doll sichtlich abtrennt, bevor sie ihn endgültig erledigt. Die Bazooka wie die Gatling-Maschinenkanone des zweiten Samurai verweisen auf die Schuldgefühle am Tod der – durch eine Schußwaffe umgekommenen – Schwester. Der dritte dämonische Samurai, der ostentativ einen Schritt zurück weicht als Baby Doll den Hof betritt, steht für die Angst des Mädchens sich dem Leben erneut in aller Konsequenz zu stellen. Nach Schock, Ruhigstellung und Einweisung ist sie in Folge apathisch nach Innen gekehrt, nimmt ihre Umgebung nur mehr marginal wahr, bis sie als Baby Doll die Worte von Dr. Gorski – ihre eigene Welt zu betreten – zuletzt annimmt.

Warum ist das Setting am Ende ebensowenig realistisch wie die Schützengräben & Ritterburgen?

Sucker Punch: Baby Doll & Madame Gorski

Baby Doll & Madame Gorski

Die Realität in ‚Sucker Punch‘ geht vom Tod der Mutter bis exakt zu dem Augenblick, als nur noch ein Schlag das Mädchen von der Lobotomie trennt. Wenn Baby Doll schlußendlich ihr Schicksal erkennt und Sweet Pea die Flucht ermöglicht, tritt diese (nun) veränderte Realität erneut auf den Plan. Die angestrebte Künstlichkeit besagter Realität (die spontan an eine märchenhafte Virtualität wie in ‚Lemony Snicket‘ erinnert) ist dem Umstand geschuldet, daß der Film die anderen Welten nicht als reine Illusion des Mädchens aufbaut. Die Auswirkungen der Ebenen untereinander sind ebenso offensichtlich. Rockets Tod sowohl in der Mission wie in der Puff-Küche. Die Verletzung des bestechlichen Pflegers/Blue. Der gelegte Brand und natürlich die Flucht des anderen Mädchens. Warum der Tod von Rocket, Blondie & Amber seine Erwähnung nicht in der Realität (!) findet, hat damit zu tun, daß diese Drei eine Spiegelung der eingangs bereits erwähnten Samurai sind. Die (anderen) Ängste des durch Sweet Pea verkörperten zweiten Mädchens.
Der Weise als Busfahrer und der Junge (Schützengraben) als Reisender sind die letzten Hinweise darauf, daß die phantastischen Welten auf die reale einwirkten.

Soweit, so Replik!

In memoriam James Arness

Robert Musa

 

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3 Antworten auf Sucker Punch – Replik auf gestellte Fragen

  1. Michael Erle sagt:

    Hallo Robert,
    interessante Gedanken. Ich habe noch ein paar Anmerkungen dazu:
    a) Wovon will Baby Doll / das Mädchen ihre Freiheit erlangen?!
    Völlig richtig, wir Du es schilderst. Das wird ja im Laufe des Filmes klar. Meine (rhetorische) Frage bezog sich auf die konkrete Szene. Der Zuschauer wird zu diesem Zeitpunkt von Snyder etwas böswillig im Unklaren gelassen, was das alles soll. Dabei ist ja mit dem Allwissenden “Wise Guy” eigentlich der perfekte Erkläronkel vor Ort. Aber gibt sich geheimnisvoll, meiner Meinung nach grundlos. Das ist ein billiger Kunstgriff von Snyder, um Spannung aufzubauen auf Kosten der Kohärenz und Glaubwürdigkeit. Wäre die Story stärker, müsste er nicht so vage bleiben.
    b) Warum stürzen sich die drei Giganten auf Baby Doll?!
    Deine Analyse ist interessant und überzeugend. Wenn die drei Giganten aber die inneren Dämonen darstellen und hier überwunden werden, dann sollte Sweet Pea (oder von mir aus ihr Avatar Baby Doll) nicht in einer Phantasiewelt aufwachen – das hat sie ja nicht mehr nötig – sondern in der Realität, und dort ihren Ausbruch aus dem Irrenhaus planen. Tut sie aber nicht: auch das wieder ein Stilmittel, dass zwar schöne Bilder ermöglicht, aber Schwächen in der Story aufzeigt. Synder will auf Teufel komm raus die Bordellszenen zeigen, egal ob es Sinn ergibt oder nicht.
    c) Warum der Tod von Rocket, Blondie & Amber seine Erwähnung nicht in der Realität findet.
    Deine Erklärung dafür kann ich nicht nachvollziehen. Die drei Giganten sind Antagonisten, Rocket, Blondie & Amber sind Verbündete, sind hilfreich. Es können nicht die gleichen drei Prinzipien sein, die hier symbolisiert werden.

    und schließlich

    d) Warum ist das Setting am Ende ebensowenig realistisch wie die Schützengräben & Ritterburgen?
    Auch da kann ich dir nicht zustimmen. Schon allein der Einstieg, den Du benennst, passt nicht: eine Lobotomie wird nicht mit einem Nagel ins Auge gemacht. Entweder das ist also schon nicht mehr die Realität, oder aber (und so vermute ich) Snyder ist es egal, was real ist und was nicht: hauptsache es sieht toll aus. Und auch das ist wieder symptomatisch: die Story wird im ganzen Film hintangestellt, spielt nur die zweite Geige für eindrucksvolle Bilder. Sweet Peas geistige Verwirrung ist dabei die Erklärung für alles: egal ob es Sinn ergibt oder nicht, der Grund ist ihr Wahnsinn, sind ihre Phantasien. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht unlogisch, aber es macht eben alles ein bisschen beliebig. Die Logik wird über Bord geworfen. So kann man keine guten Geschichten erzählen.
    Was auch wieder ein typisches Merkmal von Musikvideos ist. In 3 Minuten muss man keine Story rüberbringen, aber die (hoffentlich gute) Musik durch möglichst tolle Bilder “pimpen”.

  2. RoM sagt:

    Grüß Dich Michael,
    ein klein wenig mit Verzögerung (bin erst seit kurzem im Net). Sehr ausführlich, Deine Entgegnung – danke. Hmmm, die Erläuterungen finden eigentlich v o r dem ersten Eintauchen statt. Damit ginge Dein Einwand im Grunde ins Leere.Zum zweiten Aspekt: Das erste Mädchen unternimmt in der Realität alles, um dem zweiten Mädchen die tatsächliche Flucht zu ermöglichen. Dr. Gorski erzählt nicht umsonst von ihren Aktionen in der Realität. Wir als Zuschauer bleiben bis dahin allerdings in der ersten Welt von Baby Doll – die kein Avatar des zweiten Mädchen ist. Zu c: SUCKER PUNCH hat z w e i Hauptfiguren. Girl 1 (aka Baby) & Girls 2 (aka Pea). Die Samurai sind Ängste der Ersten. Rocket, Blondie wie Amber Persönlichkeitsteile der Zweiten. Der Film vollführt hier eine klare Trennung.
    Abschließend – die Stimme aus dem einleitenden Off ist die des Epilogs. Sie gehört der nun Freien. Wie gesagt, Hauptcharaktere sind beide Mädels.

  3. RoM sagt:

    Noch ein post scriptum: Die Lobotomie via Augenhöhle war eine alternative Methode zum durchbohren des Schädels.