Urban Fantasy 2: Kim Harrisons „The Hollows“-Reihe

Nachdem ich mich in der letzten Ausgabe wahrscheinlich nicht unbedingt beliebter bei der Vampire-/Twilight-/Anne-Rice-Fraktion gemacht habe, versuche ich hier mal ein kleines Versöhnungsangebot zu bringen …

Kim Harrison

Kim Harrison

Im Bereich der Urban Fantasy trifft man auf erstaunlich viele weibliche Autoren. Dies mag auf den ersten Blick zwar ungewöhnlich sein, wenn man sich aber etwas genauer mit der Materie beschäftigt, erkennt man ein den Büchern, respektive Serien, gleichendes Muster, das sich mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt, zu wiederholen scheint.

Die USA hatten schon immer einen starken Markt für sogenannte „Romance“-Bücher. Was bei uns in Deutschland mit Arztromanen (Dr. Stefan Frank, Dr. Norden, Der Bergdoktor – was man halt so alles im Supermarkt an der Kasse sieht), oder einfach nur Liebesromane jedweder Art (Verband deutschsprachiger Liebesromanautoren) abgedeckt wird, hat in Amerika, bedingt auch durch die andere Publikationskultur im Taschenbuchbereich ein unheimlich grosses Standing. Gleichen sich die meisten Bücher von aussen sehr (wir erinnern uns: schmachtende Frau mit gerne muskulösem Herrn mit freiem Oberkörper – FABIO war lange ein sehr beliebtes Covermodel für eben diese Rolle), ist das Muster innen auch sehr repetitiv (20 Seiten Story, Liebesszene, 20 Seiten Story, Liebesszene, etc. ad nauseum).

Aber warum soll der demographische Wandel nicht auch hier Einzug halten? Viele dieser „Romance“-Autoren haben die Zeichen der Zeit erkannt und wechseln in Richtung Urban Fantasy, um ein jüngeres Publikum zu bedienen. Viel haben wir Anne Rice zu verdanken, die es geschafft hat, mehr oder weniger im Alleingang, aus dem unheimlichen, angsteinflössenden Vampir in Graf-Dracula-Manier einen empfindsamen, düsteren Helden zu machen, der das gewisse je ne sais quoi hat … und den man hervorragend anschmachten kann. Vampire sind sexy, egal ob sie glitzern (glitzernde Vampire – Bram Stoker rotiert im Grab, ganz ehrlich), sich nur von Kunstblut oder Tierblut ernähren (Blutwurst für alle!) oder einfach nur gegen das Monster in sich selber ankämpfen und versuchen, Kontrolle bei der Nahrungsaufnahme zu behalten (ihre Futterquellen danken es ihnen, wenn auch unwissentlich).
Mit dem Übernatürlichen als Basis für romantische Geschichten ist es ein Leichtes für erprobte Seitenfüller, das Romance-Schema mit Fantasy zu füllen: man ersetze den Rebell oder Arzt durch einen Vampir oder Werwolf, stelle eine mehr oder weniger starke Frauenperson als Hauptcharakter zur Verfügung und – voilà! – eine neue Serie ist geboren. Etwas überspitzt dargestellt vielleicht, aber ein doch oft nachgekochtes Rezept. Dankenswerterweise sind die Liebesszenen nicht mehr ganz so häufig, weniger grafisch und es wird auch nicht mehr von Schmuckkästchen, bebenden Speeren der Lust und sonstigen Verniedlichungen geschrieben nur um der Zensur zu entgehen …
Eine der aktuell beliebtesten Serien dieser Machart ist die „The Hollows“-Serie.

Angesiedelt in Cincinnati, Ohio, wird der Hintergrund nicht nur in den Urban-Fantasy-Bereich verlegt (Vampire, Dämonen, Elfen, etc.), für richtige künstlerische Freiheit gibt es auch noch Alternate History (unsere Welt mit anderen Ereignissen in der Vergangenheit, die zu einer leichten Änderungen in der Gegenwart führen).
The Hollows ist ein Teil von Cincinnati, eine Enklave auf der anderen Seite des Ohio River, hierdurch von der Downtown abgetrennt. In dieser Welt leben übernatürliche Wesen und normale Menschen Seite an Seite, genetische Manipulation ist etwas häufiger als heutzutage, und die Welt hat sich erst so richtig nach einer Pandemie verändert. Ein Virus mit dem Spitznamen „T4 Angel Virus“ hat sichin den 60ern an das Genom einer genetisch manipulierten Tomate (Laborbezeichnung T4 Angel Tomate) gehängt und sich schnell auf der Welt verbreitet (keine Sprossen, ehrlich!). Die Weltbevölkerung wurde so weit dezimiert, dass zum einen die übernatürlichen Wesen die Gunst der Stunde erkannten und den Schritt in die Öffentlichkeit wagten, zum anderen biogenetische Forschung, Rekombinante DNA und Reverse Engineering illegal wurden. Als kleiner Seiteneffekt hat die menschliche Bevölkerung seither eine tiefsitzende kulturelle Aversion gegen Tomaten und ihre Derivate entwickelt: Ketchup und Tomatensossen lösen Panik aus und sind nur unter der Hand zu kriegen.

Heldin der Serie ist die Hexe Rachel Morgan, die zusammen mit ihren beiden Partnern, Ivy Tamwood und Jenks, eine Kopfgeld-Agentur betreibt. Das Spannende daran ist, dass Ivy ein lebender Vampir ist (lebende Vampiren haben Vitalfunktionen und halten dadurch das Monster in sich in Schach – also ,Vampir light‘ bis auf den Blutdurst). Und weil das alles noch nicht genug ist, handelt es sich bei Jenks um einen Pixy (hier in diesem Zusammenhang wahrscheinlich am Besten als ,Fee‘ übersetzt und ja, diese können auch männlich sein und, wie in seinem Fall, eine grosse Familie haben …).

Bis auf den ersten Band sind alle Buchtitel Anspielungen auf Clint-Eastwood-Filme. Bisher sind neun (9!) Bände in der Serie erschienen, sowie diverse Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien.

Dead Witch Walking (2004)

Kim Harrison - „Dead Witch Walking“Rachel Morgan ist eine Hexe und im Diensten von Inderland Security, der für übernatürliche Wesen zuständigen Polizeieinheit. Ihr Job ist es, unlizensierten Hexen, Anwendern der Schwarzen Künste, aggressiven Werkreaturen, kriminellen Kobolden, allzu enthusiastischen Vampiren und allen anderen übermenschlichen Bedrohungen das Handwerk zu legen. Allerdings ist sie in letzter Zeit nicht gerade vom Glück verfolgt, die ihr zugeteilten Fälle zeichnen sich durch eines aus: Schikane.
Als sie die Nase voll hat, kündigt sie bei Inderland Security. Unglücklicherweise ist I.S. hochgradig korrupt, wer das Unternehmen verlassen will, muss Bestechungsgelder zahlen um aus den auf Lebenszeit laufenden Verträgen herauszukommen, oder mit den Konsequenzen leben. Vielmehr die Konsequenzen überleben, den I.S. setzt ein Kopfgeld auf Rachel Morgan aus. Zusammen mit den beiden anderen Deserteuren, Ivy Tamwood, einer wie es so schön heisst „nicht-praktizierenden Vampirin“, und Jenks, dem Pixy, dessen geringe Grösse, Flugfähigkeit und verschiedenen magischen Fähigkeiten ihn zu einem hervorragenden Kundschafter machen, mieten die drei stilvoll eine alte Kirche als Büro- und Wohnfläche.
Die scheinbar einzige Möglichkeit, der Bedrohung durch Inderland Security zu begegnen besteht darin, den einflussreichsten und bekanntesten Einwohner von Cincinnati als übernatürliches Wesen, und – noch wichtiger – als Drogenbaron zu entlarven. Diese Beweise zu erbringen wäre ein grosser Coup für jedwede Bundesbehörde, die sich die Festnahme auf die Fahne schreiben kann und würde sie damit freikaufen. Unglücklicherweise lässt Rachels Planung zu wünschen übrig und bringt sie in noch mehr Schwierigkeiten als sie ohnehin schon hat. Gut, dass sie Ivy und Jenks hat, die ihr nicht nur den Rücken decken, sondern auch noch hilfreich zur Seite stehen, gemeinsam mit ein paar unerwarteten Verbündeten den gefährlichsten Fall ihrer bisherigen Karriere zu lösen.

Für mich ein hervorragender Start in eine spannende Serie. Rachel ist ein interessanter Charakter, eine gelungene Mischung aus Stärken und Schwächen, deren Partner Ivy und Jenks sie aufs Beste komplementieren. Als Team finden sie sich sehr schnell, allerdings nicht ohne einen gewissen Anteil an Streit und Misstrauen zu Beginn. Die wachsende Freundschaft und Loyalität ist interessant zu verfolgen, die Spannungen, sowohl emotional als auch physisch, besonders zwischen Rachel und Ivy tun ihr übriges dazu bei, es einem schwerzumachen, dieses Buch aus der Hand zu legen – man will einfach wissen, wie es weitergeht.
Viele bezeichnen Rachel Morgan als einen weiblichen Harry Dresden (zu dieser Serie mehr demnächst), und gewisse Ähnlichkeiten sind durchaus vorhanden. Aus der Ich-Perspektive geschrieben mit durchaus zynischen Untertönen und einem humorvollen Sarkasmus, einer Mischung aus Action und Magie, einer fesselnden Welt und interessantem Hintergrund macht diese Geschichte Lust auf mehr.

The Good, The Bad and the Undead (2005)

Kim Harrison - „The Good, The Bad And The Undead“Rachel Morgan, Ivy Tamwood und Jenks haben sich erfolgreich aus dem Anstellungsverhältnis mit Inderland Security lösen können. Nun haben sie einen ersten Auftrag für das FIB zu erledigen, das Federal Inderland Bureau (das FBI dieser alternativen Realität).
Nur verwickelt dieser dann doch nicht alltägliche Auftrag Rachel direkt in eine schwierige Situation mit einem Haufen Ärger. Es hat den Anschein, dass jemand Hexen tötet, die in den Künsten der Ley-Linien-Magie bewandert sind und hierfür braucht das sonst nur für Menschen zuständige FIB die Hilfe eines Experten, eben mit den Fähigkeiten von Rachel Morgan. Zu Rachels Überraschung und Freude führen die Spuren direkt zurück zu dem Drogenbaron, der ihr schon im ersten Band der Serie soviel Ärger bereitet hat. Es scheint so, als ob es Rachel diesmal tatsächlich gelingt, ihren Erzfreind zur Strecke zu bringen. Oder?

Auch der zweite Band der Reihe macht Spass! Charaktere werden weiter ausgearbeitet, der Hintergrundplot weiter vorangetrieben und die Story selber fesselt auch. Ich muss zugeben, dass ich kein grosser Vampirfan bin, das dürfte bisher recht offensichtlich gewesen sein. Kim Harrisons Vampire vermischen allerdings die verführerische Sinnlichkeit, die von vielen Autoren nicht nur zelebriert, sondern teilweise überstrapaziert wird, mit schmutziger, billiger Gewalt. Sie sind wunderschöne Monster mit abstossenden Bedürfnissen und ein Grossteil des Buchs dreht sich um Ivys verzweifelten Versuch, nicht so zu enden wie die echten, sprich untoten, Vampire, die Teile der Stadt beherrschen. Kim Harrison schafft es, einen überstrapazierten Aspekt des Dark-Fantasy-/Horror-Genres interessant und unvorhersehbar zu gestalten.
Ähnlich auch ihr Umgang mit Hexen und Hexern, Feen und Kobolden. Von den Dämonen die im Hintergrund eine grosse Rolle zu spielen scheinen, ganz abgesehen.
Alles in allem ein zweiter Band einer Serie, der kein Lückenbüsser ist, eher die Bestätigung, dass es notwendig ist, Platz im Regal für die ganze Serie zu schaffen.

Every Which Way But Dead (2005)

Kim Harrison - „Every Which Way But Dead“Es gibt Leute, die haben ein einfaches Leben, und es gibt Leute, die sich selbstständig machen als übernatürlicher Kopfgeldjäger mit einem Vampir und einem Pixie als Partner. Als ob das nicht schon Problem genug sein kann, hat Rachel einen Pakt mit einem Dämonen geschlossen, um einen uralten Vampir-Gangsterboss zur Strecke zu bringen, sie kooperiert immer mal wieder mit einem elfischen Drogenkurier und, um das alles abzurunden, hat das besondere Vergnügen, fast täglich Anschlägen auf Leib und Leben begegnen zu müssen.
Seit Rachel Morgan aus ihrem Leben im Dienst der Polizei ausgebrochen ist hangelt sie sich von einer haarscharf am Tode vorbeigehenden Situation zur nächsten. Unglücklicherweise hat ihr Vorgehen, situationsbedingt Bündnisse zu schliessen, jetzt ein Ende, da sie jetzt mit der Zeche konfrontiert wird.
Ihre beste Freundin und Geschäftspartnerin, Ivy Tamwood, eine ehemalig abstinente Vampirin (mit Betonung auf „ehemalig“) hat Rachel auf die Menükarte gesetzt und würde eigentlich den „Partner“-Status durchaus gerne auf die zwischenmenschliche Ebene heben wollen, nur deckt keine dieser angedachten Rollen Rachels Vorlieben ab. Auch ist Rachel eine der wenigen, der sehr wenigen Personen, die das Geheimnis des Geschäftsmanns/Drogenbarons kennt, mit dem sie schon seit dem ersten Band zu tun hat, was weder ihr noch ihm wirklich gefällt. Zu allem Überdruss wecken ihre wachsenden magischen Fähigkeiten Begehrlichkeiten unter den Dämonen, allen voran Algaliarept, der Dämon, der Rachel in der Vergangenheit abwechselnd töten wollte, dann ihr aber wieder hilfreich zur Seite stand – genau jener Dämon, der jetzt die Bezahlung verlangt aus dem Pakt, den sie im letzten Band geschlossen hat.
Und weil das alles noch nicht genug ist, ist Rachels Freund verschwunden. Und ein Werwolf verfolgt sie auf Schritt und Tritt …

Auch der dritte Band hat wieder genügend Wendungen, Überraschungen und Spannung zu bieten, um es einem schwer zu machen, das verflixte Buch aus der Hand zu legen. Kim Harrison wird von mal zu mal besser und liefert – mal wieder – ein Buch ab, das bis zur letzten Seite gefüllt mit Action und Mystery ist.

Colin Wagenmann

Kim Harrison – „The Hollows“

  • „Dead Witch Walking“ ISBN 978-060572969, 2004
  • „The Good, The Bad and the Undead“ ISBN 978-0060572976, 2005
  • „Every Which Way But Dead“ ISBN 978-0060572990, 2005
  • „A Fistful of Charms“ ISBN 0-06-0788193, 2006
  • „For a Few Demons More“ ISBN 978-0-06-149818, 2007
  • „The Outlaw Demon Wails“ ISBN 978-0060788704, 2008 Vorsicht: UK-Titel ist „Where Demons Dare“
  • „White Witch, Black Curse“ ISBN 0-06-1138010, 2009
  • „Black Magic Sanction“ ISBN 0061138037, 2010
  • „Pale Demon“ ISBN 978-06-113806-5, 2011

Deutsche Übersetzungen sind bei Heyne erschienen und da hier ja auch Vampire vorkommen, hat man alle Titel entsprechend übersetzt. Hier wimmere ich nur noch leise vor mich hin …

  • Blutspur – Die Rachel-Morgan-Serie 1
  • Blutspiel – Die Rachel-Morgan-Serie 2
  • Blutjagd – Die Rachel-Morgan-Serie 3
  • Blutpakt – Die Rachel-Morgan-Serie 4
  • Blutlied – Die Rachel-Morgan-Serie 5
  • Blutnacht – Die Rachel-Morgan-Serie 6
  • Blutkind – Die Rachel-Morgan-Serie 7
  • Bluteid – Die Rachel-Morgan-Serie 8
  • Blutdämon – Die Rachel-Morgan-Serie 9

Lesermeinungen

 

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Eine Antwort auf Urban Fantasy 2: Kim Harrisons „The Hollows“-Reihe

  1. niko sagt:

    Hallo,
    auch wenn der Überblick zu den Werken dieser Autorin gelungen scheint, wird ein Aspekt jedoch ausgelassen.
    Wie schon zu Beginn beschrieben, haben in den USA bestimmte Genres ein sehr festes Standing. Dazu gehört ohne jeden Zweifel die Urban FANTASY, Betonung auf das letzte Wort.
    Aus diesem Grund wird über dem großen Teich, alleine wenn man sich die Cover anschaut, deutlich, welche Veröffentlichungen zu welchem Genre gehören. Da gibt es gewaltige Unterschiede. Viele Autoren und Autorinnen von UF verzichten bzw. sehen eine ‘Liebesgeschichte’ im Rahmen der Handlungen gar nicht vor. Wenn diese vorkommt, ist sie meiner Erfahrung nach charakterbezogen und bringt die Geschichte voran bzw. eröffnet neue Aspekte und Eigenschaften eines bekannten Protas, wenn man schon mehrere Bücher aus einer Reihe gelesen hat.
    Bekennendermaßen genieße ich jedoch gutgeschriebene Liebes- u. Erotikszenen im Rahmen einer (Action-)Handlung, wenn sie gut einfließen und nicht stören. Aufgefallen ist mir, daß aus welchen Gründen auch immer, weibliche Autoren dieses häufig meiner Meinung nach besser umsetzen, als männliche. Keine Ahnung, wieso das so ist.
    Ebenso lese ich auch das ‘andere’ Genre, die Romantic Fantasy, wie häufig andere diese Art von Büchern nennen.
    Viele werden jedoch bestätigen, daß das Eine eben das Eine ist, und nicht das Andere! Eine Vermischung tut beiden Genres nicht gut, da zwangsläufig Erwartungen enttäuscht werden.
    Lg, Niko