Farbe bekennen – Wie SF-Fans sich selbst wahrnehmen

Würdest du dich als Nerd bzw. Geek bezeichnen?

Perry-FanAnfang dieses Jahres taucht in einer Handvoll einschlägiger Internetforen ein Benutzer namens „newsciencefictionfan“ mit dem Wunsch auf, eine Umfrage durchzuführen für eine „Facharbeit zur Widerlegung von Vorurteilen gegenüber Science-Fiction-Fans“. Dahinter steckt Birthe Hohm, Schülerin der Jahrgangsstufe 11 an einem Gymnasium im niedersächsischen Buchholz. Sie interessiert sich für Chemie und Physik, Mathematik und Astronomie, da liegt es für sie nahe, das Seminarfach Science Fiction zu belegen. Eine Diskussion im Unterricht zum Modethema „Nerds und Geeks“ bringt sie auf die Idee, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen und eine Facharbeit zu verfassen.

User „Amaranth“ geht gleich ans Eingemachte: „Dein Fehler liegt darin, Menschen in Gruppen zu zwängen, die es so nicht gibt. Alleine deine Fragestellungen zeigen deutlich, dass du selber der Meinung bist, dass es hier um Nerds und Geeks geht, anstatt um SF. Auch total normale Menschen können SF spannend finden, daher ist deine eigene Facharbeit zur Widerlegung von Vorurteilen bereits mit Vorurteilen gespickt. Sie ist nicht objektiv. Frag am besten mal deinen betreuenden Lehrer, ob du die Fragestellungen noch umarbeiten kannst, weil das so nichts wird und du dir eine gute Note vermasselst.“

Wieviel Zeit verbringst du 
im Forum?

Internetforen erwecken oft den Eindruck geschützter Räume, da kann man aus sich herausgehen, denken viele, doch die wenigsten Foren sind wirklich geschlossene Gesellschaften. Die meisten sind durch einfache Registrierung frei zugänglich und viele offen von außen einsehbar. Das macht sie interessant für jeden, der sich einen schnellen Überblick über Benutzergruppen mit gemeinsamen Interessen verschaffen möchte. Science-Fiction-Fans sind so eine Gruppe.

„Da ich im Internet und auch in der Stadtbibliothek in Hamburg nicht allzu viele bis gar keine Quellen zu dem Themengebiet Nerds und Geeks in Verbindung mit Science Fiction gefunden habe und bisher auch keine Umfragen gestartet wurden, entschied ich mich, selber Umfragen zu starten. Da ich mich nicht vor einen Science-Fiction-Laden in Hamburg stellen wollte, habe ich mich für die Internetforen interessiert. Bei der Auswahl habe ich vor allem auf Aktualität geachtet, mich angemeldet und die Administratoren angeschrieben.“

Drei englischsprachige und drei deutsche Foren wählt Birthe für ihre Feldstudie aus. Dreizehn Fragen hat sie ausgearbeitet, die das Thema kurz anreißen: Eigenwahrnehmung, Sozialkontakte, Zeitaufwand fürs Hobby. Nicht überall erlaubt die Software, komplexere Umfragen zu eröffnen. Also startet sie einzelne Umfragen zu jeder Frage oder postet gleich den ganzen Fragebogen. Ihre Begrüßung wählt sie stets gleich: „Ich bin Schülerin und schreibe eine Facharbeit zu dem Thema Vorurteile gegen Science Fiction Fans und versuche diese Vorurteile durch die Facharbeit zu widerlegen.“ Wissenschaftlich betrachtet ist das sicher nicht neutral, aber es sollte selbst dem wunderlichsten Eigenbrödler signalisieren: Seht her, ich bin freundlich und euch wohlgesonnen, mein Interesse ist sachlich und ich möchte euer Image verbessern. In den englischsprachigen Internetforen funktioniert das ganz hervorragend. Die Resonanz ist nicht üppig – bei sciencefiction-forum.com zum Beispiel nahmen bloß drei Mitglieder an der Umfrage teil – aber Birthe wird freundlich aufgenommen und erhält mehr Antworten als sie Fragen gestellt hat. Mit den deutschen Fans hat 
sie nicht so viel Glück.

Kontaktschwierigkeiten?

„Allerdings muss ich sagen, dass das Projekt zwischendurch auf der Kippe stand, da ich nach den Antworten im ersten Forum, welches quasi das Testforum war, so viele mehr oder weniger nette Kritiken bekommen habe, dass ich beinahe frustriert aufgegeben hätte. Zum Glück haben mich meine Familie und meine Freunde ermutigt, weiter zu arbeiten und das Ergebnis zu nehmen, wie es kommt. Auch aus einer Umfrage mit mehr Kritik als Antworten hätte man schließlich noch eine Arbeit entwerfen können.“
Die Media-Fans bei scifi-forum.de bereiteten dem User „newsciencefictionfan“ einen weit weniger herzlichen Empfang als die englischen Fans. Da werden Rechtschreibfehler im Fragebogen bekrittelt, geargwöhnt, es solle auf Klischees vom nerdigen, kontaktschwachen SF-Fan herumgeritten werden, manche fühlen sich schlicht veräppelt, trauen dem Braten nicht.

Dem User „Parallax“ ist der Fragenkatalog viel zu persönlich, trotzdem erteilt er bereitwillig und sehr ausführlich Auskunft zu seinem Hobby und seinem Privatleben. „Amaranth“ haben wir bereits kennengelernt, doch die zweifelsfrei nerdigste Abfuhr erteilt „Galactic Zoo“ unserer Feldforscherin: „Früher oder später krieg ich dich, und dann werde ich dich in meinem rostigen Keller einsperren, wo wir zwischen meiner mehrfach ausgezeichneten Kollektion von seltenen StarWars Sammelfiguren eine zeremonielle Hochzeit nach dem Vorbild von Star Trek TOS Staffel 1 Episode 14 durchführen werden, wobei ich eine modifzierte Strumtruppenrüstung tragen werde und du Captain Janeways Föderationsuniform.“

Chart Intelligenz

Sind SF-Fans besonders intelligent?

Sind SF-Fans besonders intelligent?

Im SF-Netzwerk geht es gesitteter zu, freundlicher, manchmal sogar humorvoll. Und die Forensoftware verfügt über ein gescheites Umfragemodul. Der Admin ist aufgeschlossen und hilfreich, das Forum hat ordentliche Besucherzahlen – das riecht nach einer guten Datenbasis.

User „Jürgen“ jedoch ist nicht interessiert, mitzuwirken: „Ich bin ein wenig entsetzt darüber, dass solch eine ,Umfrage‘ nicht sofort von den Moderatoren in den Müll geschoben wurde. Sorry, aber allein die Fragen sind schon unterste Schublade …“ Andere Benutzer finden Fragen wie „Wie alt bist Du?“ nicht so schlimm und rufen „Jürgen“ zur Ordnung. Aber auch „Kaffee-Charly“ ist mißtrauisch: „Ich werde an dieser Umfrage nicht teilnehmen, weil Science Fiction Fans mit Nerds/Geeks in einen Topf geworfen werden. Deshalb habe ich leider den Eindruck, dass diese Umfrage nicht der Widerlegung, sondern der Bestätigung von Vorurteilen gegen SF-Fans dient.“

Dem Argwohn zum Trotz sind es dann doch 36 User, die die Fragen beantworten, knapp die Hälfte im Alter zwischen 36 und 45 Jahren, mehrheitlich Männer, die sich überwinden können, die Fragen einer 16jährigen Schülerin zu beantworten. Kritik hagelt es trotzdem: an der unwissenschaftlichen Zusammenstellung der Fragen zum Beispiel, was Benutzer „kah299887“ so kommentiert: „Auffällig finde ich, daß ein Großteil der Wortmeldungen die Umfrage an sich zerpflücken, in Frage stellen und verbessern wollen. Wenn das kein Nerd-Verhalten ist …“

„Pogopuschel“ lugt derweil über den Tellerrand: „ Ich weiß ja nicht, ob das was über einen unterschiedlichen Forencharakter aussagt, aber bei SF-Fan.de haben bereits 5 User den Fragebogen nicht anonymisiert beantwortet und es hat noch niemand gemeckert.“

Hast Du Probleme, 
über SF zu reden?

Im SF-Fan.de-Forum von FO-Redaktionskollege Florian Breitsameter wird erst auf den Fragebogen geantwortet und dann diskutiert. Und man ist neugierig auf das Ergebnis. Kritiker gibt es auch hier, aber sie beschränken sich wie „Hexodus“ auf kurze Wortmeldungen: „Ich halte von Umfragen nur eines – Abstand.“ Abgesehen davon verhält sich dieses Forum auffallend friedfertig und zuvorkommend, was vielleicht 
sogar an den Moderatoren liegt, die sich 
vor allem durch Zurückhaltung und monatelanges Nichtmoderieren auszeichnen.

Bedenkenswert noch der Hinweis von User „Helge“: „Da mache ich doch mal mit, auch wenn ich es seltsam finde, einen solchen Fragebogen ausgerechnet einem 
so altbackenen, verknöcherten und gegen sein Aussterben kämpfenden Fandom zu präsentieren. So gut wie jeder andere Bereich im großen Gebiet der Fantastik wäre da viel geeigneter gewesen (Fantasy-Fans, Gothics, Cosplayer, Furries usw.).“

Birthe Hohm

Birthe Hohm im Jahr 2010

Dabei war Birthe vor allem angetreten, Vorurteile zu widerlegen. Natürlich konnte sie nicht wissen, daß es den Prototypen des kontaktschwachen Nerds mit geringem Selbstbewußtsein da draußen wirklich gibt. Aber sie meisterte die unheimliche Begegnung mit Gelassenheit und konstruktiver Freundlichkeit – etwas, daß der Gegenstand ihrer Forschung nicht immer hinbekommen hat.

An der Auswertung fällt auf, daß sich 
der durchschnittliche Science-Fiction-Fan mehrheitlich nicht als Nerd oder Geek betrachtet, sich aber, explizit im Gegensatz zu Nerds und Geeks, für besonders intelligent hält – wenn überhaupt, denn ein Drittel sieht da keinen eigenen Vorsprung.

Birthe zumindest hat ihr Interesse an Science Fiction nicht geschadet. Bei ihr reichte es zu 14 von 15 Punkten, die sie für diese Feldstudie und ihre Auswertung erhalten hat. „Amaranths“ Sorge, sie könnte sich ihre Note vermasseln, war also völlig unbegründet.

Manfred Müller

Links

sciencefiction-forum.com
scifi-forum.de
SF-Netzwerk
SF-Fan.de
FO-Spezial #1 mit Birthe Hohms Facharbeit kostenlos herunterladen

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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