Glatte Enttäuschung: Birminghams „Das Verlorene Land“

John Birmingham - „Das Verlorene Land“Die Handlung des vorliegenden Romans beginnt einige Jahre nach „Der Effekt“, den ersten Roman der „Without Warning“-Trilogie. Die Vereinigten Staaten von Amerika existieren nur noch rudimentär. Präsident James Kipper regiert über ein weitestgehend entvölkertes Land, das zudem tief gespalten ist. Während er versucht Piraten, Schatzsucher, Kriminelle von den verlassenen Streifen der Ostküste fernzuhalten und gleichzeitig die Wiederbesiedelung der entvölkerten Landstriche voranzutreiben, erwächst ihm in General Jackson Blackstone, der in Fort Hood sein Hauptquartier eingerichtet hat, ein interner Widersacher. Dieser scharrt all diejenigen hinter sich, die mit der Politik Kippers nicht einverstanden sind und errichtet einen faschistischen Staat im Staat. Das Dilemma des neu gewählten Präsidenten liegt vordergründig in den zu geringen Ressourcen, um mit beiden Parteien gleichzeitig fertig zu werden. Allerdings ist Kipper eher ein Zauderer, jemand, der hofft, dass sich alles schon zu seinen Gunsten wendet. Er verkennt dabei ein wenig die Realitäten und das Land driftet immer mehr in Richtung Bürgerkrieg.

Anschaulich stellt Birmingham dies anhand des Schicksals einer mexikanischen Großfamilie dar, die bei einem Banditenüberfall fast komplett ums Leben kommen. Die Banditen, die an der Grenze des von Blackstones kontrolliertem Gebiet agieren, handeln ganz in seinem Sinnen, wenn sie Mexikaner, Schwarze, Südamerikaner usw. von ihren neuen Ländereien vertreiben. Er torpediert damit aktiv die neue Siedlungspolitik der Regierung.

Die Passagen um den mexikanischen Siedler Miguel Pieraro und seiner Tochter Sofia sind noch am eindringlichsten von allen geschildert. Die beiden Charaktere sind gut ausgearbeitet und ihr Leidensweg wird glaubwürdig geschildert, ganz im Gegensatz zu den übrigen Handlungsebenen.
In den verlassenen Städten an der Ostküste und hier vor allem in New York erwächst dem geschwächten Amerika ein Gegner, den man keineswegs unterschätzen darf. Waren die Plünderer und Schatzsucher sehr häufig als kleine, voneinander getrennte Einheiten anzusehen, die sich regelmäßig gegenseitig bekriegten, agieren sie mit einem Male als Ganzes. Ihre Fehden untereinander scheinen sie zurückgestellt zu haben, um unter der Führung einer noch unbekannten Macht gemeinsam zum großen Schlag gegen die Reste der amerikanischen Streitkräfte anzutreten. Sehr schnell wird deutlich, dass es sich hierbei um fanatische Islamisten handelt, die nach der Vernichtung ihrer Städte und Länder durch die Atombomben der Israelis, auf Rache sinnen. Sie formen aus einem Haufen Verbrecher eine schlagkräftige Truppe, rüsten diese mit den entsprechenden Waffensystemen aus und überraschen damit die Amerikaner kalt.

Leider erfährt der Leser nicht sehr viel über die Hintergründe der hier handelnden Figuren. Vieles bleibt noch im Nebel und Birmingham ist eher bemüht so wenig wie nötig preiszugeben. Dies mündet leider darin, dass er gerade bei der Beschreibung der Schauplätze außerhalb Amerikas mehr als vage bleibt. Mehr als Allgemeinplätze zu den Zuständen außerhalb Amerikas finden sich in dem zweiten Teil der Trilogie nicht. Lediglich die Zustände in England werden ein wenig ausführlicher beschrieben, was allerdings dem Umstand geschuldet ist, dass ein Handlungsstrang dort angesiedelt ist.

Der Roman leidet unter Birminghams Verschwiegenheit im Hinblick auf alle politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen außerhalb der USA. Als Leser erhält man keinen umfassenden Überblick, sondern der Autor fokussiert sich vor allem auf die Handlungsebene Kippers.
Birminghams Stärke sind in jedem Falle die Actionszenen. Er verfügt über einen fast bildhaften Stil und die einzelnen Szenen sind fast schon Kino reif ausgearbeitet. Wenn es also um Geballer geht, dann legt die Handlung gleich einige Gänge zu. Leider reicht dies nicht, um aus einem gerade mal mittelmäßigen SF-Roman einen lesenswerten SF-Roman zu machen. Der zweite Teil der Trilogie ist jedenfalls eine glatte Enttäuschung.

Andreas Nordiek

John Birmingham
„Das verlorene Land“
Heyne, BRD, 2011
Originaltitel: „After America“
Taschenbuch, 752 Seiten

 

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