Jeder Autor braucht Starthilfe

Die Autorin und Lektorin Andrea Bottlinger berichtet darüber, wie wichtig für sie die Hilfe von Kollegen war, um schreiberisch einen Fuß auf den Boden zu bekommen

Andrea BottlingerAls ich mit Schreiben angefangen habe, hatte ich keine Ahnung. Ich wusste nicht, wie man einen Plot aufbaut, was Charakterentwicklung ist und wie das Genre funktioniert, in dem ich mich bewegen wollte. Und so sahen meine ersten Versuche auch aus. Sie waren eine Mischung aus Klischees, Dingen, die ich bei meinen Vorbildern geklaut hatte, und sehr seltsamen Dialogen. Ich wünschte mir jemanden, der sich meine Texte ansah und mir sagte, was ich besser machen konnte. Jemanden mit Schreiberfahrung. Und am besten jemanden, der meine Liebe zur Fantasy teilte und auch verstand, worauf ich hinauswollte. Aber so jemanden kannte ich nicht.

Erst nachdem ich schon eine Weile für mich selbst schreiberisch experimentiert hatte, erfuhr ich von der Existenz von Schreibforen. Dort fand ich einige hilfreiche Kritiker und tat Möglichkeiten auf, ein paar Kurzgeschichten zu veröffentlichen.
Aber bald war ich genauso weit wie die meisten anderen in diesen Foren auch. Kurzgeschichten sind schön, um sich selbst zu beweisen, dass man etwas veröffentlichen kann. Aber letztendlich will man mit einem Roman bei einem Verlag unterkommen. Am besten natürlich bei einem großen. Man will, dass das eigene Werk von mehr als der stolzen Verwandtschaft und ein paar Freunden gelesen wird.
Damit tat sich ein neuer Fragenkomplex auf, zu dem meine Forenkollegen größtenteils auch nur Gerüchte kannten. Wie schreibe ich ein Exposé? Wie wende ich mich an einen Verlag? Und noch wichtiger: An welchen Verlag wende ich mich am besten mit welcher Art von Roman?
Im Internet gibt es zu diesen Themen so viele Meinung, dass einem schnell der Kopf schwirrt und man nicht mehr weiß, wem man noch glauben soll. Was ich brauchte, war ein echter Autor, mit dem ich reden konnte.

Im März 2011 erschien Andreas erster Beitrag in der Reihe „Larry Brent“. Über ihre Erfahrungen schreibt sie in ihrem Blog:
„Gargoyle“ ist der erste Heftroman, den ich geschrieben habe – na ja, er erscheint als Hardcover, aber irgendwie ist es trotzdem ein Heftroman.
Meine eigenen Romane sind charaktergetrieben. Die Dinge, die passieren, haben irgendeine wichtige Bedeutung für die Charaktere und direkte Auswirkungen auf ihr Leben, ihre Weltsicht und den ganzen Rest. Am Ende der Geschichte sind die Hauptcharaktere neue Menschen / haben irgendetwas Wichtiges gelernt / haben einen persönlichen Triumph errungen / sind an der Welt verzweifelt / habe ihr Leben verbessert oder total ruiniert / Wasauchimmer …
Heftromane sind plotgetrieben. Es passieren Dinge, die der Autor für cool hält (und die natürlich irgendeiner logischen Abfolge gehorchen), und der Hauptcharakter ist halt mittendrin. Aber sobald das Abenteuer überstanden ist, geht er nach Hause, schläft einmal ordentlich durch und ist wieder ganz der Alte. Geht auch gar nicht anders.

Ein solcher echter Autor lief mir glücklicherweise während meines Studiums über den Weg. Christian Montillon hielt damals einen Gastvortrag über Perry Rhodan in einer Vorlesung über Bestseller. Nach dem Vortrag durfte man ihm noch im kleinen Kreis Fragen stellen. Ich hatte nicht vor, mir das entgehen zu lassen.
Ich fragte ihn, ob er einen Schreibkurs in der Gegend halten wolle. Er sagte: „Gern.“ Ich fragte unseren Professor, ob er Räume für einen Schreibkurs zur Verfügung stellen würde. Er sagte: „Warum machen wir das nicht gleich ganz über die Uni als Ergänzung zur Vorlesung?“
Damit hatte ich nach 10 Jahren endlich jemanden, der mir nicht nur alle meine Fragen beantworten konnte, sondern dem ich auch zutraute, sie richtig zu beantworten.
In dem Schreibkurs mit Christian Montillon habe ich viel gelernt, unter anderem auch darüber, wie der Buchmarkt funktioniert. Danach blieben wir in Kontakt, und inzwischen arbeiten wir zusammen an mehreren Heftromanreihen.

Nach und nach fand ich auch Zugang zum Rest der Phantastikautoren-Szene. Einer der Leute, die ich kennenlernte, war Christian Humberg. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, lag „Drachengasse 13“, die Jugendserie, die er zusammen mit Bernd Perplies ins Leben gerufen hat, noch weit in der Zukunft, aber er war trotzdem einer der wenigen Leute, die vom Schreiben leben konnten. Und das nicht einfach nur, weil er Glück gehabt hatte. Er hat hart dafür gearbeitet.
Da ich meine eigenen Zukunftspläne auch nicht unbedingt vom Glück abhängig machen wollte, konnte er mir einige sehr hilfreiche Tipps geben.

All diese Unterstützung hat mich weit gebracht. Ohne Christian Montillon, Christian Humberg und viele andere hilfreiche Kollegen wäre ich heute nicht in der Lage, vom Schreiben und Lektorieren zu leben, und es würde nächstes Jahr kein Roman von mir bei Knaur erscheinen. Stattdessen wäre ich wahrscheinlich immer noch damit beschäftigt, mittelmäßige Leserproben mit schlechten Exposés und grauenhaften Anschreiben auf gut Glück an Verlage zu schicken.
Aus diesem Grund halte ich es für sehr wichtig, dass erfahrene Autoren ihr Wissen an Anfänger weitergeben. Deshalb haben Christian Humberg und ich gemeinsam einen kreativen Schreibkurs speziell für phantastische Texte ausgeheckt, in dem wir nicht nur das schreiberische Handwerk vermitteln, sondern auch erklären, was nach dem Beenden eines Werks die nächsten Schritte zur Veröffentlichung sind.

Andrea Bottlinger

Logo Schreibworkshop Mainz

Phantastische Geschichten schreiben in Mainz

Ab September 2011 bieten Christian Humberg und Andrea Bottlinger in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Mainz einen Kurs im kreativen Schreiben phantastischer Erzählungen an. Die Teilnehmer erhalten das Rüstzeug, 
um sich mit eigenen phantastischen Geschichten am Buchmarkt zu versuchen. Sie lernen wie „gute Schreibe“ geht und was den aktuellen Markt für phantastische Inhalte bestimmt. Am Ende werden die erlernten Schreibfähigkeiten in Form von Kurzgeschichten umgesetzt, die als Anthologie erscheinen werden.

Die beiden Kursleiter sind als Autoren, Lektoren und Übersetzer vor allem im phantastischen Bereich tätig. Christian Humberg verfasst gemeinsam mit Bernd Perplies die im Schneider-Verlag erscheinende Jugendserie „Drachengasse 13“, übersetzt „Star Trek“-Romane und betreute unter anderem für den Bertelsmann-Buchclub die Fantasybuchreihe „Elfenzeit“. Unter Pseudonym schreibt er seit Jahren Romane in den Genres Fantasy, Horror und Science Fiction für Bastei Lübbe. Andrea Bottlinger arbeitet als Lektorin unter anderem für Klett-Cotta und den Heyne-Verlag. Unter Pseudonym schreibt sie für die Reihen „Larry Brent“, „Dorian Hunter“ und „Macabros“. Im Herbst 2012 wird ein Urban-Fantasy-Roman aus ihrer Feder bei Knaur erscheinen.

Weitere Informationen erhalten Interessierte unter 
www.vhs-kreatives-schreiben.org

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Abgelegt unter Autoren und getaggt mit , , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Jeder Autor braucht Starthilfe

  1. Anna sagt:

    Wow. Danke, du glaubst gar nicht wie mir das weitergeholfen hat.
    Ich werde gleich versuchen einen Schreibkurs in meiner Nähe zu finden.
    Ich hoffe es wird was bringen.
    Liebe Grüße
    Anna