Kevin Hearne: „Ich bin alles, aber nicht cool“

Kevin HearneKevin Hearne heißt er, ist neu im Autorengeschäft (die ersten drei Bände seiner Serie erschienen zwischen Mai und Juli 2011) und der lebende Beweis, dass man als Comic-Fan doch noch nützlich für die Gesellschaft sein kann – im richtigen Leben ist er nämlich Englischlehrer an einer High School in Arizona. Im frühen Kindesalter mit dem Comic- und Science-Fiction-Virus infiziert, Comics haben damals 35 Cent pro Ausgabe gekostet, Taschengeld gab es zwei Dollar, seine Eltern haben ihn im Alter von sieben Jahren in den allerersten „Star Wars“-Film mitgenommen – der Familienhund durfte den Wookie geben, statt Räuber und Gendarm gab es TIE Fighter, XWing-Jäger, Lichtschwerter aus Plastik und DIE MACHT. Dürfte für viele von uns bekannt klingen. Während seiner High School Zeit kamen noch die Stimulanzien Van Halen und Mountain Dew dazu (koffeinhaltige Limonade) und schon war sein Schicksal besiegelt. Der Rest seines Lebens tut eigentlich nichts zur Sache, bei Interesse kann seine Vita auf kevinhearne.com begutachtet werden.

Aber nun zu seiner Serie: Der Hauptdarsteller ist Atticus O’Sullivan, augenscheinlich ein ganz normaler Durchschnittsamerikaner mit eindeutig britischen Wurzeln (blasse Haut, rote Haare und Sommersprossen, Ziegenbärtchen und Tätowierungen) Anfang 20. Atticus fährt mit dem Rad zur Arbeit, hat einen Hund und ein kleines Eigenheim, hilft einer alten Witwe in der Nachbarschaft im Garten und mit den Einkäufen und fällt eigentlich nicht wirklich auf. Eigentlich. Andererseits ist der Hund ein ausgewachsener Irischer Wolfshund, Atticus’ Arbeitsplatz ist sein eigener okkulter Buchladen, sein richtiger Name ist eine gälische Ansammlung von Vokalen und Konsonanten, sein richtiges Alter ist etwas über 2.000 Jahre und wenn man wirklich von einem Beruf sprechen kann, ist er Druide. Mit einem verflixt scharfen, magischen Schwert.

Kevin Hearne - „Hounded“Kevin Hearnes, vielmehr Atticus’ Welt bietet neben Magie, Druiden, Hexen und anderen übernatürlichen Wesen auch Götter. Neben den keltischen auch griechische, römische, nordische – die Welt ist mehr oder weniger voll mit ihnen, auch wenn sich die meisten Menschen nicht mehr mit ihnen beschäftigen. Mal ganz ehrlich, das Christentum ist im Vergleich schon praktischer und übersichtlicher als die komplizierten alten Griechen zum Beispiel. Bei denen muss man sich nicht nur hüten, ja nix falsches zu sagen, um nicht vom Blitz getroffen zu werden, man ist quasi Freiwild für die amourösen Bedürfnisse der verschiedenen Götter, und wenn man nicht gerade als Schwan, Hirschkuh oder sonstiges Wildbret enden möchte, muss man sich tunlichst in Acht nehmen. Da ist Kirchensteuer und Sonntags in die Kirche gehen schon definitiv eine Erleichterung.

Man merkt Kevins Vorliebe für Comics, Superhelden und knackigen Actionszenen seinen Büchern durchaus an. Charaktere werden plastisch mit viel Liebe zum Detail etabliert, den Lehrer kann er insofern nicht verbergen, als dass er für interessierte Leser direkt am Anfang Ausspracheregeln für die gälischen, polnischen, deutschen und hebräischen Begriffe bietet, die einem in seinem jeweiligen Buch so begegnen können, angereichert mit einer kurzen Erklärung. Alles optional, nur schmückendes Beiwerk, das dem geneigten Leser aber auch zeigt, dass der Autor sich die Sachen nicht nur einfach so aus den Fingern saugt und auch, dankenswerterweise, bei Muttersprachlern durchaus nachfragt, ob das, was er da in einer fremden Sprache so schreibt, auch richtig ist. Natürlich, wie kann es anders sein, aus der Ich-Perspektive geschrieben, verbindet der Hauptcharakter eine gewisse verbale Lässigkeit, man möchte fast Schnodderigkeit sagen, mit dem Moralverständnis eines Menschen aus der Eisenzeit (wo gehobelt wird fallen Späne und wenn man angegriffen wird, macht man nicht unbedingt Gefangene …) und der Abgeklärtheit eines Zweitausendjährigen.

Der Autor hat Spaß an einem comichaften, augenzwinkernden Schreibstil und liefert drei Bände, die nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn sind, voll mit hervorragender Popcorn-Lektüre.

8 Fragen von Colin Wagenmann an Kevin Hearne

Colin Wagenmann: Ich kann mir vorstellen, dass Du diese Frage schon öfters gehört hast. Trotzdem: Wieso ausgerechnet ein Druide? Gut, Du hast einen englischen Nachnamen, aber Du bist in Arizona geboren und aufgewachsen, das minimiert dann doch jedweden druidischen Einfluss, oder?

Kevin Hearne: Ich habe nach etwas „neuem“ für das Urban-Fantasy-Genre gesucht und wie sich rausstellte, gibt es praktisch so gut wie keine Druiden in den Bücherregalen und durch meine irisch/ englischen Wurzeln habe ich dann doch einen gewissen Bezug zu ihnen gespürt. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftigte, desto interessierter wurde ich, da mir klar wurde, daß, speziell im Vergleich zu den üblichen Vampiren, Werwölfen und anderen typischen Vertretern des Urban-Fantasy-Genres, Druiden unbeschriebene Blätter sind und ich dadurch absolute Freiheiten hatte.

Was für Veränderungen hat es für Dich gegeben, seit Du zu den publizierten Autoren gehörst? Du bist schließlich innerhalb von drei Monaten vom unveröffentlichten Autoren zu jemanden mit drei Büchern in den Regalen geworden und hast in Amerika deinen Einstand in der Topseller-Liste Deines Genres bei Amazon gefeiert.

Nunja, ich habe definitiv mehr zu tun als vorher. Ich unterrichte immer noch Englisch an einer High School und muss drei weitere Bücher schreiben, muss ein Blog am Leben erhalten und auch den ganzen anderen Social-Media-Kram erledigen. Fanpost zu erhalten ist auch neu für mich, aber glücklicherweise habe ich Schüler, die mich am Boden halten und mich stets daran erinnern, dass ich alles, aber nicht ,cool‘ bin.

Als High-School-Lehrer besteht die Möglichkeit, dass einige Schüler deiner Schule, speziell sogar Schüler von dir, deine Bücher lesen. Hast Du schon irgendwelche Reaktionen erhalten außer ,gut gemacht‘? Gibt es Dinge, über die du niemals schreiben würdest aus eben diesem Grund oder aber die du nur sehr vorsichtig und oberflächlich angehen würdest?

Einige Schüler lesen meine Bücher, aber nicht viele. Die meisten von ihnen sind zu beschäftigt mit anderen Unterhaltungsmöglichkeiten und würden Lesen auch eher mit Arbeit gleichsetzen. Ich glaube, vor den Sommerferien, die bei uns im Juni begonnen haben, haben vielleicht drei Schüler das erste Buch gelesen, weswegen ich noch nicht viel Reaktionen aus dieser Richtung erhalten habe. Und wenn wir von Sachen reden, über die ich schreibe oder nicht schreibe: ich werde niemals explizite Sex-Szenen schreiben. Meine Charaktere haben ein Liebesleben und ich werde niemals so tun, als ob dem nicht so wäre, aber ich glaube nicht daran, dass detaillierte ,Spielberichte‘ mit grafischen Details notwendig sind, geschweige denn den Plot voranbringen. Aber das ist dem Genre genauso geschuldet wie meinem regulären Job – ich schreibe Urban Fantasy, keine paranormalen Liebesgeschichten.

Schreiben macht Spaß, das müssen wir nicht diskutieren. Veröffentlicht zu werden, und hier kann ich mich nur auf meine Vorstellungskraft verlassen, macht noch viel mehr Spaß. Hast du schon darüber nachgedacht wie es wäre, hauptberuflich zu schreiben oder ist die Tatsache, dass du auf einmal Bücher veröffentlichst, noch zu frisch, zu surreal für dich, als dass du jetzt schon Pläne für die Zukunft schmieden könntest?

Die Einkünfte durch meine Bücher sind bisher so sporadisch, dass ich mir derzeit nicht vorstellen kann, dass es möglich ist hiervon zu leben, außer wenn ich auf einmal anfangen würde, abstruse Mengen zu verkaufen. Falls ich Glück haben sollte und so viel Interesse wecke, könnte ich mich eventuell mit dem Gedanken tragen. Jetzt macht es mir genug Spaß, quasi ,nebenbei‘ zu schreiben.

Mir fällt auf, dass du sehr – höflich ausgedrückt – vorsichtig bist, wenn es um die richtige Wortwahl und Aussprache in fremden Sprachen geht. Du hast sogar Aussprachehilfen am Anfang deiner Bücher für all die Wörter, die einem normalerweise nicht so leicht von der Zunge rollen würden. Wie gehst du hier vor, wer hilft dir dabei und was für Versprechungen musstest Du eingehen?

Wie Du schon sagst, gehe ich sehr bedachtsam vor. Der polnische Teil in den Büchern stammt von Freunden von mir, die vor zwölf Jahren von Polen nach Arizona ausgewandert sind. Der deutsche Teil stammt von einem deutschen Austauschschüler an meiner High School, das war natürlich sehr praktisch. Das Hebräische in Buch drei habe ich von einem Rabbi, den mein Agent kennt. Ich kenne weder irisch-gälische noch russische Muttersprachler, hier musste ich mich also mit Sachen wie Sprachforen und ähnlichem im Internet behelfen. Alle Aussprachehilfen, die ich dort gefunden habe, habe ich mir von unterschiedlichen Quellen mindestens dreimal verifizieren lassen, bevor ich mutig genug war, sie zu verwenden, trotzdem rechne ich fast damit, dass mir irgendjemand sagen wird, dass ich Mist gebaut habe.

Du hast einen engen Zeitplan, nach dem du schreibst, so wirst du mindestens vier Bücher innerhalb eines Jahres veröffentlichen und das bedeutet ja nicht, dass du in der Zwischenzeit nicht weiterschreiben wirst. Gibt es etwas bestimmtes, dass du tust, um sicherzustellen, dass Schreiben immer noch Spaß macht und sich nicht so anfühlt, als müsstest du x Wörter pro Tag schreiben, komme was will?

Meine Charaktere machen mir Spaß und ich habe derzeit mehr Pläne für sie, als ich Zeit finden kann, sie niederzuschreiben, deshalb fühlt sich das wie viel an, aber nicht wie Arbeit. Es fühlt sich eher so an als ob mir jemand Geld dafür zahlt, Spaß zu haben, und das ist unbeschreiblich cool. Ich kann immer noch nicht glauben, wie viel Glück ich habe.

In welchen fremdsprachigen Märkten werden deine Bücher noch veröffentlicht, und wie kam es dazu?

Polen, Spanien, Russland, Deutschland, Tschechische Republik, Türkei und, theoretisch, Thailand. Ich habe auch gerüchteweise Interesse aus anderen Ländern gehört, aber noch keine handfesten Informationen hierzu. Ich weiß nicht genau, was die ausländischen Verlage an meinen Büchern interessiert, da kein Vertreter von ihnen mit mir persönlich gesprochen hat, alles geht durch Agenten und Zwischenhändler, aber ich kann mir schon vorstellen, dass im Falle von Polen, Deutschland und Russland die Charaktere aus eben diesen Ländern eine gewissen Anziehungskraft ausgeübt haben.

Wann werden die Bücher in Deutschland veröffentlicht, in was für einer Phase befinden sie sich gerade und gibt es Pläne, dass du „mal vorbeikommst“, wenn sie veröffentlicht werden (auf Cons, Buchmessen, etc.)?

Das einzige Datum, dass ich derzeit habe, ist Frühjahr 2013. Jawohl, richtig, 2013 – für die deutsche Ausgabe von HOUNDED. Und das ist tatsächlich alles, was ich weiß. Ich selber hatte keinen Kontakt mit dem deutschen Verlag (Klett-Cotta), alles wird durch meine Agentur geregelt, deshalb weiß ich nicht, wo sie sich gerade im Publikations-/Übersetzungsprozess befinden. Ich würde sehr gerne Deutschland besuchen, und zwar eher kurzfristig als mittelfristig. Atticus wird sich dort im sechsten Buch herumtreiben und ich muss definitiv Vor-Ort-Recherche betreiben.

 

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