Visionen von Tokio – Proto Anime Cut

Häuserschluchten gleiten über den Bildschirm, tief in ihnen bewegen sich Menschenmassen emsig duch die schmalen Straßen. Die Kamera gleitet über diese Stadt hinweg, fasst immer wieder die Panoramen am Horizont ins Auge. Der Dokumentarfilm zu Beginn der Ausstellung „Proto Anime Cut“ stellt die Realität vor die Vision. Denn das Zukünftige, Visionäre basiert in den Werken der im Dortmunder U versammelten 6 Animezeichner auf der Realität. In den 90ger Jahren schufen sie mit „Real-Kei“ eine Richtung im Anime-Genre, die auf detaillistische, greifbare Szenarien setzt. Wie jede gute Science-Fiction basieren auch ihre Arbeiten auf dem, was momentan vorhanden ist und dem was vorhanden sein könnte.

Proto Anime Cut
09. Juli – 09. Oktober 2011
HMKV im Dortmunder U (3. Etage), Leonie-Reygers-Terasse, 44137 Dortmund
Öffnungszeiten:
Di – Mi 10:00 – 18:00 | Do – Fr 10:00 – 20:00 | Sa – So 11:00 – 18:00 | Montags geschlossen
Eintritt: 5 € / 3 €

Eine Ausstellung zum Thema Anime verengt naturgemäß die Sichtweise, muss sie fokussieren. Jede Woche laufen an die 40 Serien im japanischen Fernsehen, 10 Animefilme werden jährlich in die Kinos gebracht. Kurator Stefan Riekeles konzentriert sich daher auf 6 Künstler, die miteinander an Werken wie „Neon Genesis Evangelion“, „Ghost in the Shell“ – Teil 1 und 2 – oder „Dimension Bomb“ gearbeitet haben: Hideako Anno, Haruhiko Higami, Koji Morimoto, Hiromasa Ogura, Mamoru Oshii sowie Takashi Wakabe. Dabei interessierte Riekeles neben den Erzeugnissen, die vor den Filmen entstanden – Skizzen, Notizbüchern, Designhintergründen – vor allem die Darstellung der Stadt im Werk der 6 Künstler. Angefangen von dem Gegensatz zwischen altem Haus und futuristischen Gebäuden in „Patlabor: The Movie“ bis hin zu den versenkbaren Hochhäusern Neo-Tokios aus „Neon Genesis Evangelion“. Bevor die imaginären Räume erkundet werden können, wird der Besucher der Ausstellung daher erstmal geerdet. Wird informiert über die Zusammenarbeit der Künstler und über das Tokio der realen Welt, bevor Mamoru Oshii mit seinen Bildwelten auf den Schirm kommt.

Nach knapp 40 Minuten Handlung gönnt sich Oshii in seinen Animes immer etwas Besonderes: Die Handlung steht still, der Protagonist schlendert durch die Stadt, untersucht sie. Oshii lässt in diesen Minuten der imaginären Stadt genügend Raum um sie erlebbar und begreifbar zu machen. Der Hauptmerk in diesem ‚Ausstellungs-Raum liegt aber in der Gegenüberstellung zwischen dem bewegten Bild und dem gezeichneten: Während auf der großen Leinwand 2 Minuten 22 Sekunden aus „Patlabor: The Movie“ ablaufen, hängen an der Wand genau die Bilder, aus denen diese kurze Sequenz besteht. Es sind die Originale, die später abgefilmt wurden und in Bewegung gerieten. In ihnen spiegelt sich die bewegte Kamera wieder – die Ränder sind ausgefranst, da die Kamera hier nichts erfassen soll, Hochhäuser hören knapp über den Horizont auf um den Eindruck von Tiefe zu vermitteln und dort, wo der spätere Focus der Aufnahme liegt, wird scharfgezeichnet, werden die Details sichtbar und treten hervor. Spezielles Glas sorgt dafür, dass die verschiedenen Ebenen deutlich erkennbar werden. Auf einer Glasfläche liegt der Hintergrund, eine zweite fügt Details dazu, eine dritte Glasfläche wiederum rückt die Verkehrsampel in den Vordergrund. Bewegung wird durch das Verschieben der Ebenen erzeugt.

Dass „Ghost in the Shell“ und „Neon Genesis Evangelion“ breiten Raum einnehmen darf angesichts der Bedeutung dieser Werke nicht verwundern. Dabei steht „NGE“ als Beispiel für ein erfolgreiches Franchise. Vor kurzem erst wurden wieder Filme auf der Basis der erfolgreichen Serie auf den Markt gebracht. Der Kontrast zwischen den riesigen Robotern, den Gebäuden und den riesigen angreifenden Aliens wird durch mehrere Ausschnitte aus „Evangelion 1.0 – You are (not) alone“ dargestellt. Wie feinteilig die Skizzen sind, die später von den Animateuren ausgefüllt werden ist später im Film nicht mehr zu sehen. Nur die Entwürfe mit ihren Röhren, Leitungen und Stahlstreben vermitteln ein Bild davon, wie stark visuell die Künstler schon beim Entwerfen ihrer Werke vorgehen. So entwirft Takashi Watabe für den Manga „Sarah“ eine ganze Abfolge von Szenen, die im späteren Manga keine Rolle mehr spielen werden: Der Hauptcharakter durchwandert die Wüste und trifft auf die Überreste eines außerirdischen Raumschiffes. Doch diese Zeichnungen mit ihren Details und ihren analogen Zooms sind nur Anleitungen für den Manga-Autor Takumi Nagayasu. Für den Manga selbst spielen sie dann keine Rolle mehr. Es ist nur die Andeutung eines Settings, ein Erschaffen eines virtuellen Raumes für die Gedankenwelt des Autors. Dabei setzt Watabe zwar auch 3D-Modelle ein – ein Beispiel aus dem Manga „Sarah“ zeigt dies – doch sind auch dies nur Vorlagen, perspektivische Skizzen, die später von Hand übertragen werden. Den Entstehungsprozess kann man hier besonders deutlich sehen: Links die Entwürfe, rechts die fertigen Szenen. Für „Sarah“ wollten die Macher noch mehr Details, noch mehr Glaubwürdigkeit. Watabes Zeichnungen vermitteln genau dies.

Koji Morimotos Musikvideo „EXTRA“ flimmert über einen Bildschirm. Auch hier ein Blick in Straßenschluchten, von oben herab, ein Zoom in die Szenerie, ein Labyrinth von verwinkelten Hinterhöfen und engen Gässchen. Menschen und menschenähnliche Wesen beleben in diesem Werk die Stadt. 1996 wurde dieses Video von MTV zum „Dance Video of the Year“ gewählt und löste mit der Optik und den seltsamen Wesen ein vermehrtes Interesse an Animes aus. Auch in Deutschland. Wobei die Deutschen in den 70gern ohne es zu wissen mit dem Anime-Genre in Berührung kamen wenn sie im ZDF die Serie „Heidi“ verfolgten. Doch erst mit „Sailor Moon“ stieg das Intesse an der Kunst aus Japan. Zuerst nur als Kinderfernsehen akzeptiert, sendete VOX später anspruchsvollere Werke und strahlte sogar „Neon Genesis Evangelion“ zu nachtschlafender Zeit aus. Morimoto ist eine Ausnahme unter den sechs Künstlern: Während es sonst Art Directors, Storyboard Designer oder Experten für Hintergründe gibt, zeichnet Morimoto alles selbst. Aus den Konzeptentwürfen für „EXTRA“ stammt auch das Plakatmotiv für die Ausstellung: Ein Mädchen, das eine Pistole zückt.

„Proto Anime Cut“ im HMKV auf der dritten Etage im Dortmunder U lässt das Herz eines jeden Anime-Fans höher schlagen – besonders, weil es nur noch in Bonn eine vergleichbare Ausstellung über das Genre derzeit in Deutschland gibt. Abgerundet wird die Ausstellung dann im September noch mit einer Filmreihe im Rahmen des „Japan Media Arts Festivals“.

Christian Spliess

Christian Spließ arbeitet als Social Media Manager bei den Duisburger Philharmonikern und bei der Business Academy Dortmund. Wenn er sich nicht um sein Orchester oder KMUs kümmert, betreut er das NGC6544-Blog.

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