Pessimistisch gefärbt: Andreas Eschbach – „Herr aller Dinge“

Andreas Eschbach - „Der Herr aller Dinge“Es ist erstaunlich, wie viel man plötzlich wieder liest, wenn man mal längere Zeit nicht selber schreibt – und ich muss sagen, dass ich die vielen Romane der letzten Monate größtenteils genossen habe. Um so erfreuter war ich, als ich bei meinem letzten Ausflug in die örtliche Buchhandlung, das neue Werk von Andreas Eschbach entdeckte.
Mit „Herr aller Dinge“ legt der Autor seine bisher umfangreichste Arbeit vor. Auf satten 688 Seiten erzählt er die Geschichte des genialen Wissenschaftlers Hiroshi Kato und der Diplomatentochter Charlotte Malroux, die sich als Kinder in Japan kennen lernen, und deren Schicksale untrennbar miteinander verbunden scheinen, die aber einfach nicht zueinander finden. Hiroshi, der sich in Charlotte verliebt, aufgrund des Standesunterschieds (seine Mutter arbeitet als Wäscherin in der japanischen Botschaft) jedoch von deren Eltern abgelehnt wird, setzt sich fortan das Ziel, die Welt zu verändern und die Unterschiede zwischen Arm und Reich ein für allemal zu beseitigen. Seine simple Idee: Nicht Geld macht diesen Unterschied aus, sondern die Macht, andere für sich arbeiten zu lassen. Wenn, so die weitere Überlegung, niemand mehr für andere arbeiten müsste, also tun und lassen könnte, was er wollte, wären endlich alle Menschen gleich.

Um diesen Idealzustand zu erreichen, widmet sich Hiroshi zunächst der Roboterforschung. Er will Maschinen entwickeln, die dem Menschen nicht nur sämtliche Arbeit abnehmen, sondern sich auch selbst reproduzieren, und landet schließlich auf dem noch relativ neuen Feld der Nanotechnologie. Zu Ende gedacht, handelt es sich dabei praktisch um die Vollendung jeglicher technischen Evolution, denn es geht darum, mikroskopische Maschinen zu bauen, die Atome beliebig manipulieren können. Das dazu notwendige Material und die Energie entziehen sie dabei ihrer Umgebung.

Eschbach begibt sich damit in gute Gesellschaft, denn natürlich wurde diese Idee bereits von anderen Autoren aufgegriffen, unter anderem von Michael Crichton in seinem Roman „Beute – (Prey)“ (2004) oder in Jeff Carlsons „Nano“ (erscheint demnächst in Deutschland als Taschenbuch). Auch die Replikatoren aus der TV-Serie „Stargate – SG1“ oder die ebenfalls als Replikatoren bezeichneten Automaten aus den Star Trek-Serien und –filmen basierten auf nanotechnologischen Prinzipien. In der Realität steht diese Art der Technik freilich noch ganz am Anfang. Die Dinge, die Eschbach in seinem Roman beschreibt, werden – wenn überhaupt – erst in vielen Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden möglich sein.

Selbst wenn die Story an manchen Stellen ein wenig langgezogen wirkt (100 Seiten weniger hätten es auch getan) und mir persönlich ein, zwei Entwicklungen zu konstruiert daher kamen (wie z. B. der Umstand, dass Charlotte eine Art übersinnliche Fähigkeit besitzt, und bei der Berührung von Gegenständen die Erinnerungen ihrer Benutzer lesen kann), entwickelt sich die anfänglich eher ruhig und gelassen (aber nicht langweilig) dahin plätschernde Geschichte ab Mitte des Buches zu einem klassischen SF-Thriller. Die Wendungen sind teilweise vorhersehbar, teilweise aber auch überraschend. Eschbach wagt keine Experimente, sondern bewegt sich auf sattsam bekannten, ausgetretenen Genre-Pfaden. Da er sein Handwerk jedoch versteht, ist man als Leser zufrieden und hat seinen Spaß.

Das Ende wird wohl den ein oder anderen enttäuschen, doch in seiner pessimistisch gefärbten Ausprägung bleibt es dem aktuellen Zeitgeist treu. Die Menschheit ist noch längst nicht reif, um mit einer Technik umzugehen, die ihr praktisch die Macht über „alle Dinge“ verleiht. Wir könnten im Paradies leben, haben jedoch weder den Verstand, noch die Moral, noch das Verantwortungsbewusstsein, um es tatsächlich zu tun. Schön, dass Eschbach seine Botschaft nicht plump in ein paar banale Monologe verpackt, sondern den Leser am Ende selbst seine Schlüsse ziehen lässt.

„Herr aller Dinge“ ist fraglos nicht der beste Roman des Autors, aber wie seine Vorgänger hat auch er mich gut unterhalten. Andreas Eschbach ist und bleibt einer der besten und originellsten deutschen Phantastik-Autoren.

Rüdiger Schäfer

Andreas Eschbach
„Herr aller Dinge“
Lübbe, September 2011
Hardcover, 688 Seiten
ISBN 978-3785724293 6

 

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