Urban Fantasy IV: Dampf, Magie, Lord Darcy

Randall Garrett - „Lord Darcy“Anstatt mir die nächste aktuelle Serie vorzuknöpfen, möchte ich lieber mal wieder etwas in die Vergangenheit springen. Vor fast 50 Jahren, also gut, es war 1964, kaufmännisch gerundet komme ich also hin, hat Randall Garrett ein interessantes Gedankenspiel zu Papier gebracht und, aus meiner Sicht, Alternate History mit Urban Fantasy verknüpft – mehrere Jahrzehnte, bevor diese Begriffe den literarischen Sprachgebrauch betreten haben.
Auch hier ist die Grundlage schnell erzählt: Richard Löwenherz stirbt nicht 1199 sondern überlebt seine Verwundung, die ihr übriges dazu beiträgt, Löwenherz sowohl nach Hause zu bringen als auch dort zu halten, um sich endlich um sein Reich zu kümmern. John Ohneland wird niemals König und stirbt, alt, im Exil. Die Plantagenets bleiben an der Macht, Löwenherz stirbt 1219 und hinterlässt seinem Sohn Arthur ein prosperierendes Reich.

750 Jahre später heißt der aktuelle König John IV., durch Gottes Gnade, König und Herrscher von England, Frankreich, Schottland, Irland (das Anglo-Französische Imperium), Neu-England (Nordamerika) und Neu-Frankreich (Südamerika), Verteidiger des Glaubens, et cetera. Die Iren wurden nie unterdrückt und hatten deshalb nie den Drang zur Unabhängigkeit und der Tatsache geschuldet, dass es nur Katholiken gibt, ist der Krisenherd der Reformation auch erst gar nicht entstanden.
Die deutschen und italienischen Staaten haben sich nie vereinigt, so wie wir sie kennen – Kunststück, so ganz ohne Französische Revolution und Napoleon – und Russland selber ist auch nie erstarkt. Stattdessen ist der Antagonist das Königreich Polen, das als Supermacht nur daran scheitert, keinen direkten Zugang zu den Ozeanen der Welt zu haben.

Generell ist die Welt grundlegend anders. Durch das Fehlen des tyrannischen Herrschers John Ohneland gab es auch keine Magna Charta, eines der wichtigsten verfassungsrechtlichen Dokumente überhaupt … und genau betrachtet eine wichtige Grundlage aller zukünftigen Verfassungen in unserer Welt wie wir sie kennen. Deshalb bleibt der Herrscher hier ohne seine republikanischen Kontrollinstanzen, die uns heute bekannt sind und das größte Reich der Welt hat einen Alleinherrscher.

Was heißt das für diese alternative Welt? Es existieren immer noch die Stände, die wir eigentlich nur aus dem Geschichtsunterricht kennen. Die meisten wichtigen Regierungsstellen sind dem Adel vorbehalten, dem die Rechtsprechung obliegt und der eigene Soldaten unterhält. Die Kirche ist mächtig und ein zentraler Punkt im Allgemeinleben, die Leibeigenschaft allerdings ist abgeschafft und die Rechte der Bürger sind genauso geschützt wie in der Welt, die wir kennen, wenn auch in anderer Rechtsprechung.
Hauptunterschied, und hier ist eine gewisse Nähe zu Steampunk zu sehen, ist allerdings, dass Physik und Chemie – wie wir sie kennen – durch Magie ersetzt wurden. Die meisten mechanischen Gegenstände sind so, wie wir sie im Viktorianischen Zeitalter vermuten würden. Es gibt Pferdedroschken, Dampfschiffe und Dampfeisenbahnen, Gaslampen und Revolver. Elektrizität ist ein Staatsgeheimnis, Telefon funktioniert zwar rudimentär, scheitert aber bei der Übertragung an natürlichen Hindernissen wie dem Britischen Kanal oder dem Ozean. Allgemein ist die Wissenschaft, wie wir sie kennen, nur sehr rudimentär, es gibt keine Lehrbücher oder gar Lehrstühle, es ist mehr Hobby und Spleen als Beruf, schließlich löst die Magie alle Probleme, vom magischen Staubsauger/Staubmagneten bis zum Heiler, der mit Handauflagen Krankheiten heilt, gebrochene Knochen richtet, bis zum forensischen Magier, der statt Fingerabdruckpulver und UV-Lampen (CSI lässt grüßen) verschiedene Zaubersprüche hat, um dem geneigten Polizisten zur Seite zu stehen.

Und das bringt mich zu dem Hauptcharakter und seinem treuen Handlanger, Lord Darcy, Chief Forensic Investigator des Herzogs der Normandie und Master Sean O’Lochlainn, der irische Forensic Sorcerer, im deutschen als ,Gerichtshexer‘ übersetzt. Ähnlich Sherlock Holmes und Dr. Watson lösen beide gemeinsam Fall um Fall, nur ist Master O’Lochlainn mehr als nur der Zuhörer, den Holmes braucht, um, philosophierend, zur Lösung zu kommen, er ist Lösungsgeber gleichwohl wie Mit-Ermittler, da er die magische Expertise mitbringt, die die Forensik von Lord Darcy zur Aufklärung von Kriminalfällen benötigt.

Da Randall Garrett 1979 eine Gehirnentzündung erlitt, aufgrund derer er nicht mehr schreiben konnte, gibt es leider nur eine viel zu kleine Anzahl an Kurzgeschichten und Novellen. Genaugenommen sogar nur eine Novelle und eine Anthologie an Kurzgeschichten, die in einem Sammelband zusammengefasst werden.:

Randall Garrett, Eric Flint (Herausgeber) – Lord Darcy (Baen, 2002)
ISBN 978-0743435482

Der Sammelband umfasst die Kurzgeschichten

  • The Eyes Have It (1964)
  • A Case of Identity (1964)
  • The Muddle of the Woad (1965)
  • A Stretch of the Imagination (1974)
  • Matter of Gravity (1974)
  • The Ipswich Phial (1976)
  • The Sixteen Keys (1976)
  • The Bitter End (1978)
  • The Napoli Express (1979)
  • The Spell of War (1979)
  • sowie die Novelle ,Too Many Magicians‘ (1967)

Eine typische Detektivgeschichte mit dem schon erwähnten Twist. Auf einem Zauberer Symposium geschieht ein Mord, die Leiche befindet sich in einem von innen verschlossenen Raum. Der aufmerksame und entsprechend bewanderte Leser findet viele Anspielungen auf Nero Wolfe, James Bond und Gandalf, die Aufklärung ist ebenso unerwartet wie typisch für die Serie und ein Beleg dafür, warum es so schade ist, dass es nicht mehr Bücher gibt.

Ein enger Freund von Randall Garrett hat 1988 und 1989 noch zwei weitere Bücher herausgebracht:

Michael Kurland - „Ten Little Wizards“Michael Kurland – Ten Little Wizards (1988)
ISBN 978-1434435002

Eine klare Anspielung auf Agatha Christie’s „Ten Little Indians“, die politisch korrekte Version des bekannten deutschen Kinderreims mit den „zehn kleinen … Jägermeistern“.
Lord Darcy muss einem Serienmörder das Handwerk legen, der nach und nach Zauberer tötet, und scheinbar alle ohne Magie. Natürlich geschehen die Morde während der Amtseinsetzung des jüngsten Sohns des Königs als Prinz von Gallien, und weil das alles noch nicht genug ist, nimmt auch noch der Kronprinz von Polen an der Zeremonie teil. Wer vermutet, dass es sich nicht nur um einen Serienmörder sondern um eine Auswirkung des Kalten Krieges zwischen dem Anglo-Französischen Imperium und dem Königreich Polen handelt, liegt nicht falsch… und hat viel Spaß beim Lesen.

Michael Kurland - „A Study In Sorcery“Michael Kurland – A Study in Sorcery (1989)
ISBN 978-1434435231

Auch dieses Buch ist eine Anspielung, diesmal auf eine klassische Sherlock Holmes Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle, A Study in Scarlet.
Lord Darcy und Sean O’Lochlainn werden nach Neu-Frankreich entsandt um einen Mörder zur Strecke zu bringen und zu erforschen, ob die Azteken wieder Menschenopfer darbringen. Es könnte natürlich auch wieder nur eine weitere Intrige des Polnischen Königreichs sein, um das Bündnis zwischen dem Anglo-Französischen Imperium und den Azteken ins Wanken zu bringen.

Colin Wagenmann

Die deutschen Ausgaben erschienen im Bastei-Verlag:

  • „Komplott der Zauberer“, Bergisch Gladbach 1981 (Too many magicians 1966)
  • „Mord und Magie“, Bergisch Gladbach 1982 (Murder and magic 1979)
  • „Des Königs Detektiv“, Bergisch Gladbach 1986 (Lord Darcy investigates 1981)
  • „Lord Darcy: die vollständigen Ermittlungen in Sachen Mord und Magie“, Bergisch Gladbach 1989; Sammelband mit der Erzählung „Bitteres Ende“ als Bonusmaterial

Die Fortsetzungen von Michael Kurland erschienen ebenfalls bei Bastei:

  • „Zehn kleine Zauberer“, Bergisch Gladbach 1988 (Ten little Wizards 1988)
  • „Eine Studie in Zauberei“, Bergisch Gladbach 1992 (A Study in Sorcery 1989)

-> Randall Garrett bei Wikipedia

 

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