Es lebe die Laienkritik! Wider das Qualitätsjournaillengejammer!

muellermanfredHarun Maye ist sicher ein großes Licht, eine akademische Wunderkerze, ein Checker, eine Koryphäe (ich kenn’ Wörter …). Aber wen interessiert’s?

Von jemandem, der das Banner der reinen Lehre vor sich her trägt, erwarte ich Fundiertes, nicht derart leicht beleidigte Polemik. Ich kenne ein paar Laienkritiker und ahne, daß deren Meinungen nicht etwa den Medien entnommen, sondern eigenem Erleben entsprungen sind. Daß diese Buchkuschlerszene kein satisfaktionsfähiges Vokabular benutzt, halte ich nicht für problematisch. Im Gegenteil: das gewährt jedem einen tiefen Einblick in die Welt der Leser und das völlig für lau. Da läßt sich großartige Marktkenntnis gewinnen!

Was interessiert mich als Autor denn die Meinung eines verhärmten Akademikers, der meinen organisch gewachsenen Text nach kanonischen Kriterien seziert? Im Zweifel kann ich als Nichtakademiker mit seinem Geschwafel nicht mal was anfangen. Nein, da bringen mich banale Leserurteile viel weiter.

Harun, was bei Dir da oben abgeht, ist für den Markt völlig irrelevant. Da „unten“, da wo mit verdaulicher Kultur das Geld gemacht wird, da ist Laienkritik ein wichtiger Gradmesser – tendentiell und quantitativ, nicht qualitativ. Deine Sorgen hat niemand außer Dir, Harun, also nimm Dir ein paar Münzen und erzähl’s der Parkuhr. Immerhin schön, daß die FAZ Dir ein bißchen Raum für deine Gedanken gewährt hat. Das war sehr anständig – sonst interessiert sich am Ende niemand dafür …

Manfred Müller

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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6 Antworten auf Es lebe die Laienkritik! Wider das Qualitätsjournaillengejammer!

  1. MartinM sagt:

    Harun Maye verabscheut ganz offensichtlich den kommerziellen Aspekt des Literaturbetriebes. Nun kann man sehr viel am Literaturkommerz kritisieren, und vielleicht macht Maye das auch an anderer Stelle, aber sein Beitrag über Laienkritiker vermittelt mir eher den Eindruck, dass er sich schon an der Tatsache stört, dass Autoren und Verlage mit dem Verkauf von Literatur Geld verdienen. Was haben die von ihm pauschal als “Bestsellerschrott” abqualifizierten Autoren denn gemeinsam, außer, dass ihre Bücher sich gut verkaufen lassen?
    Ich sehe Kritiker wie Maye gar nicht mal “oben”, in der Hochliteratur, bei den anspruchsvollen Texten, sondern eher “nebenan”, in einem literarischen Paralleluniversum, in dem materiell anspruchslose Autoren, die ganz für ihre Kunst leben (das berühmte Bild “Der arme Poet” von Carl Spitzweg steht mir vor Augen) für eine kleine, sachkundige Elite tiefsinnige und stilistisch ausgefeilte Texte schreiben. Was natürlich nicht der Realität entsprechen kann: auch die Autoren anspruchsvoller Literatur wollen Leben. Dafür haben viele einen Brotberuf”, weshalb sie notgedrungen Jahre für ein Buch brauchen – was im Feuilleton dann gern mit “endlich hat xy seinen lange erwarteten großen Roman “Z” vorgelegt” kommentiert wird, was bei mir den Verdacht hervorruft, dass sich professionelle Kritiker gar nicht mal so von den, sagen wir mal, Stephen-King-Fans unterscheiden, die ungeduldig auf das nächste Buch ihres Lieblingsschreibers warten. Mit dem Unterschied, dass die Fans anspruchsvoller Prosa sehr viel mehr Geduld brauchen. Andere Qualitätsautoren haben jemanden, der sie subventioniert. In seltenen Fälle habe sie auch das Glück, vermögend zu sein; und ganz wenige haben sogar kommerziellen Erfolg und können von ihren Büchern leben. Was sie bei einer bestimmten Sorte Literaturkritiker sofort in den Verdacht bringt, dass es mit der Qualität ihrer Werke dann doch nicht so weit her sein könne: “Als NN noch nicht erfolgreich war, schrieb sie besser” oder “Seitdem Y kommerziell geworden ist, ist seine Prosa kaum noch erträglich.”
    Sicherlich würde auch jemand wie Maye zugeben, dass einige der Erfolgsautoren ihr Handwerk verstehen, bzw. ihren Erfolg nicht dem “Medienhype” oder einfach nur einem guten Marketing verdanken. Allerdings gibt es kaum ein vernichtenderes Urteil als “ein handwerklich gut gemachter Roman” – weil das regelmäßig impliziert, dass außer dem Handwerk nichts Gutes an dem so bewerteten Werk ist.
    Eine Faustregel scheint also zu sein: “Gut gemacht und gern gelesen? Dann wär’s nichts für uns gewesen.”
    Um es ganz böse zu sagen, habe ich oft den Eindruck, dass Kritiker wie Maye für ein Publikum schreiben, für die Literatur vor allem das Bedürfnis nach Distinktion befriedigt, nach Abgrenzung von all den ungeblldeten Proleten, die tatsächlich lesen, um sich zu Unterhalten.

    Das ist ungerecht gegenüber Harun Maye? Da würde ich mit Klischees und Pauschalisierungen arbeiten? Sicherlich! Aber sonderlich gerecht und vorurteilsfrei gegenüber den Laienkritikern war er schließlich auch nicht.

  2. molosovsky sagt:

    Haye ist nicht eigentlich ein LitKritiker, sondern (das ist schnell gegoogelt) Mitarbeiter Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) der Bauhaus-Universität Weimar und Redakteur der im Felix Meiner Verlag halbjährlich erscheinenden Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung (ZMK). Unter anderem auch einer der Herausgeber von »Caligari«, einer Onlinerzeitschrift für Horrorstudien.

    Die im F.A.Z.-Gespräch prominent erwähnte ›Literaturlaienkritikerin‹ Reni ist eine der Damen der Schmink-, Style- & Kauf-RatgeberWebsite »Frag die Gurus«; sie hat aber auch einen eigenen youtube-Kanal auf dem es ab und zu auch um Bücher geht, aber in einer Weise, die man gesehen haben muss, um es zu glauben. Das ist keine Literaturkritik, noch nicht mal Leseerlebnisbericht, sondern schlicht Productplacement in einem zielgruppenoptimierten Umfeld.

  3. ruediger sagt:

    Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Meinungen hatten die Leute schon immer. Mit dem Internet steht nun ein Medium zur Verfügung, diese schnell und global zu verbreiten. Die wahre Schwierigkeit ist es, jene Meinungen zu filtern, mit denen man selbst etwas anfangen kann oder die Aspekte aufzeigen, die man bislang übersehen hat.
    Die besten Buch- und Filmempfehlungen habe ich schon immer von Freunden (oder Bloggern) bekommen, von denen ich weiß, dass sie ähnliche Vorlieben pflegen wie ich. Und eine Top-Rezension im SPIEGEL ist für mich noch lange keine Garantie für Qualität respektive Gefallen.

  4. Soleil sagt:

    Schlimmer finde ich daran ehrlich gesagt, dass er Frauen generell jegliche Kompetenz abspricht, die weiblich geprägte Literatur von vorne herein als Schund abtut und sich dann auch noch ein “Beispiel” sucht, dass eigentlich gar nicht viel mit Literatur(kritik) zu tun hat. Zwar kenne ich besagte Dame nicht, finde es aber absolut unprofessionell, sie derart vorzuführen.
    Leider erfolgt kein Beispiel einer weiblichen Laien-Literaturbloggerin, die sich auszudrücken weiß und einfach durch ihr Viellesen genug Kompetenz besitzt, um Bücher angemessen besprechen zu können. Ich kenne einige und ja, sie interessieren sich neben dem Lesen auch für profane Dinge – warum auch nicht? Dürfen Männer etwa nicht über den neuesten Autotypus auf dem Markt o.ä. sprechen/schreiben? Ich freue mich zukünftig auf den Artikel diesen Themas, der NICHT geschlechtsspezifisch verfasst wird. Ob es ihn je geben wird?
    Ansonsten schließe ich mich obigem Text an: Die Mehrheit der Leser sind Laien und einen Autor interessiert deren ungeschminkte Meinung sicher ebensosehr, wie die eines sog. Literaturkritikers.

  5. Pingback: Social Fail, aber so was von... | ICH MEINE HALLO

  6. Geologe sagt:

    Verhärmter Akademiker?
    So so, ist der gute H.M. also ein verhärmter Akademiker, der das Banner der reinen Lehre vor sich her trägt. Ach so. Und er hat Sorgen, ja ja.

    Also:
    Es wurde ja schon herausgearbeitet, dass es sich nicht um einen Artikel, sondern ein Interview handelt. Weiterhin richtig: Harun Maye ist kein Literaturkritiker. So weit – so gut. Ferner: die Buchmessezeitung der F.A.Z. ist ein stark satiregeprägtes Unternehmen, deren Vorbild die Titanic ist, was man leicht erkennt (oder auch nicht). Es soll also eine Polemik sein, kein seriöser resp. ausgewogener Bericht.
    Meine Sicht: Harun Maye hat für meinen Geschmack herrlich karikiert (Stilmittel der Überzeichnung setze ich als bekannt voraus).
    Und nun dieses Gezeter?
    Einerseits messen die konsternierten “Aufschreier“ ihm damit eine Bedeutung bei, die sie ihm andrerseits absprechen. Konsequent – jaja.
    Seine “Sorgen“ (lesen die Empörten die Titanic ähnlich verkniffen und humorbefreit?) teile ich nur zu gern.
    Wer so zeigefreudig in einem Vlog der Selbstdarstellung frönt, muss auch mit der Resonanz umzugehen wissen.

    Und zur Rezension an sich: es gibt tausende Leser, die in den Buchforen oder Blogs ihre Rezensionen schreiben.
    Die völlig am Thema vorbeigehende Diskussion über den Wert des Lesens….. blablabla, ist irrelevant.
    Einerlei ob ich gerne dekorative Kosmetikprodukte verwende, Bücher lese, Briefmarken sammle, Fensterbilder male, töpfere….. die Vlogger leben ganz klar:
    “schau mir dabei zu! Ich bin so interessant oder wichtig oder oder oder, dass es sehenswert ist“.
    DAS ist die gelebte Aussage.
    Und ich schaue und schäme mich fast immer fremd.
    Soll der Buchstabensalat Authentizität suggerieren, oder ist das Niveau tatsächlich so unterirdisch?
    Da gibt es vierfilmige Filme (gemeint ist eine Verfilmung in 4 Teilen……) und dergleichen mehr.
    Auch bei den Laienrezensenten gibt es immense graduelle Unterschiede. In meinem Buchforum lese ich (oft) gerne Rezensionen; sie beschränken sich auf den Inhalt des Buchs und ich kann davon ausgehen, dass das Buch im Vordergrund steht und der Rezensent kein Claqueur ist.
    Ja, auch ich schreibe manchmal Rezensionen ……und?