Ideenfeuerwerk: „Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“

Uwe Post - „Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“Walpar Tonnraffir hat es wahrlich nicht einfach. Nachdem er seinen einträglichen Job als Detektiv in der Fernsehsoap verloren hat, muss er sich als Freiberufler durchs Leben schlagen. Gleich im Prolog muss er einen fast aussichtslosen Auftrag ausführen. Für einen stinkreichen Sammler soll er die dritte Captain-Future-Staffel, von der es lediglich zwei Exemplare auf DVD gibt, beschaffen. Natürlich geht so ziemlich alles schief was schief gehen kann und am Ende kann Walpar froh sein, dass er überlebt hat.
Sofort danach ist dem Leser klar, was ihn in diesem Roman erwartet: eine überdrehte Handlung mit ebenso überdrehten Figuren, dass Ganze am Rande des Slapsticks angesiedelt.

Willkommen im neuen SF-Roman von Uwe Post! Einem SF-Roman, den man so in den aktuellen Programmen der großen Phantastikverlage nicht vorfindet und wohl deshalb nur in einem Kleinverlag erscheinen konnte. Wobei der Atlantis-Verlag mittlerweile zu den etablierten Kleinverlagen der deutschsprachigen Phantastikszene zählt und für solche Stoffe durchaus empfänglich ist.

Im Mittelpunkt des Romans steht aber der Zeigefinger Gottes, der urplötzlich im erdnahen Raum auftaucht und sogleich von Touristen wie auch von diversen Sektenanhängern in Beschlag genommen wird. Walpar, ganz Detektiv, rechnet sich schnell aus, dass auch der restliche Körper irgendwo seiner Entdeckung harrt und begibt sich auf die Suche. Eigentlich hätte er aber gar keine Zeit dafür, denn vielmehr sollte er sich auf die Suche nach seinem Expartner begeben, der samt Ehefrau von der Bildfläche verschwunden ist.
Walpars Ex-Schwiegermutter, die wie selbstredend davon ausgeht, dass Walpar sich umgehend auf die Suche nach den beiden Verschwundenen begibt, hängt ihm fast wie eine Klette am Bein. Viel schlimmer ist aber noch sein pubertierender Neffe, der es faustdick hinter den Ohren hat und dem man keine Sekunde lang aus den Augen lassen darf.
Zudem ist ihm eine freischaffende Auftragskillerin auf den Fersen, die über einen überaus großen Mutterkomplex verfügt und ihre pubertierende Tochter vor jedem Übel, vor allem vor pubertierenden Jugendlichen, beschützen will.

Alle Protagonisten sind überdreht dargestellt und stolpern von einer Szene in die nächste. Dabei darf man die Handlung nicht als Aneinanderreihung einzelner Slapstick-Szenen mißinterpretieren, denn der rote Faden ist durchaus da und Uwe Post verfällt nicht der Versuchung diesen roten Faden aus den Augen zu verlieren. Vielmehr wechselt die Handlung zwischen den einzelnen Figuren ständig hin und her, wobei manches nur indirekt bzw. auch gar nicht mit der Suche nach dem restlichen Körper Gottes zu tun hat.
Uwe Post gelingt es, seine abgedrehte Handlung über den gesamten Roman stringent fortzuführen und mit einer gewissen Ernsthaftigkeit voranzubringen. Zwar entpuppt sich die Auflösung des ganzen dann als recht profan, aber bis dahin hat der Leser einen überaus humorvoll verfassten SF-Roman gelesen, der nie in die Lächerlichkeit abdriftet, sondern ein Ideenfeuerwerk sondergleichen bietet. Hier liegt aus meiner Sicht auch Posts größte Stärke.

Mit dem vorliegenden Werk hat er sich auch schriftstellerisch weiterentwickelt, d.h. die Schwächen von „Symbiose“ hat er hier nicht wiederholt.
Für „Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“ hat Uwe Post vor kurzem den Kurd-Laßwitz-Preis erhalten und beim Deutschen Science Fiction Preis steht er damit auf der Nominierungsliste. Ich würde mich nicht wundern, wenn er auch diesen Preis für seinen Roman erhält.

Andreas Nordiek

Uwe Post
„Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“
Atlantis-Verlag, Originalausgabe
180 Seiten
BRD 2010

 

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