Unerwartet schwach:
Alastair Reynolds’ „Unendliche Stadt“

Alastair Reynolds - „Unendliche Stadt“Alastair Reynolds hat sich mit breit angelegten Space Operas einen wirklich guten Namen gemacht. Mit „Unendliche Stadt“ wechselt der Autor Schauplatz und Sujet. Diesmal geht es nach „Spearpoint“, einer sich bis ins All hochtürmenden Stadt irgendwann in fernster Zukunft. Die Welt, in die uns Reynolds diesmal einlädt, muss in ferner Vergangenheit von einer gigantischen Katastrophe gründlich aus den Angeln gehoben worden sein. Nur noch in den höchsten Etagen von Spearpoint ist Hochtechnologie möglich, je weiter man zur Erdoberfläche hinabsteigt, desto weniger an Technik funktioniert.

Der Roman beginnt mit einem Knalleffekt: Am Rande einer der mittleren Ebenen der Stadt wird ein vermeintlich toter Engel gefunden, ein Produkt avanciertester Technologie, das nur weit oberhalb seines Fundortes (über)leben kann. Das tote Geschöpf wird zu dem Pathologen Quillon gebracht, der sich alsbald ebenfalls als (allerdings getarnter) Engel entpuppt. Der nun tatsächlich in den letzten Zügen liegende Findling warnt den Pathologen, die Mächtigen an der Spitze der Turmstadt hätten Häscher ausgesandt, die hinter ihm, dem untergetauchten Renegaten, her seien. Mit Hilfe eines örtlichen Gangsterchefs und einer ortskundigen Pfadfinderin gelingt Qillon tatsächlich die Flucht aus Spearpoint, doch jetzt fangen die Probleme erst richtig an …

Rettung in letzter Sekunde – immer wieder …

Dies ist ein Roman, wie ich ihn von einem bewährten, erfahrenen Autoren wie Reynolds nicht erwartet hätte. Das Buch basiert zunächst einmal auf einer mehr oder weniger komplexen Vorgeschichte, derjenigen von Quillons urspünglicher Mission, die Reynolds wiederholt in wenig befriedigenden Rückblenden in den vorliegenden Roman einfließen lässt, hat er doch darauf verzichtet, das den Roman erst begründende Prequel tatsächlich zu verfassen. Im Verlauf des eigentlichen Romans dann lässt Reynolds seine ProtagonistInnen von einem bestenfalls schwach vorbereiteten Ungemach in das nächste stolpern. Außerhalb von Spearpoint marodieren nämlich die bösartigen Banden der Totenköpfe, die nicht nur von weitem an die postzivilisatorischen Barbaren aus „Mad Max“ erinnern. Es gibt aber auch die edlen Piraten des Schwarms, deren dampfbetriebene Luftschiffe einst die Luftflotte Spearpoints darstellten.

Die meisten Nebenfiguren fallen bestenfalls holzschnittartig ausgearbeitet aus und die Motivationslage der allermeisten Hauptfiguren reicht kaum über das Niveau eines mittelmäßigen Jugendbuchs hinaus. Die Rettung in letzter Sekunde ist oberstes Stilprinzip und der Deus ex machina ist allzu oft auch nicht weit. Und am Ende öffnet sich das Tor weit zu einer möglichen Fortsetzung …

Es wäre schon ärgerlich genug, einen derart schwach konzipierten Roman von einem Neuling in der Szene präsentiert zu bekommen, bei einem bewährten Autoren wie Reynolds muss die Enttäuschung um so größer ausfallen.

Peter Herfurth-Jesse

Alastair Reynolds
„Unendliche Stadt“
Science-Fiction-Roman
deutsche Erstausgabe
Heyne TB 52767, München 2011
Originaltitel: „Terminal World“ (2010)
aus dem Amerikanischen von Ursula Kiausch
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design
816 Seiten
ISBN 3-453-52767-6

 

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