Zurück an den Schreibtisch! „Grenzgänger“ von Nina Behrmann

Nina Behrmann - „Grenzgänger“Das soll sie sein, „die spannendste Urban-Fantasy-Welt, seit es Alternativuniversen gibt“? Sagt der Klappentext. Der Klappentext sagt nicht die Wahrheit. Also ab damit in die Tonne? Was habe ich da gelesen?
Die Heldin heißt Feline. Ihre Mutter schickt sie zu einem Vorstellungsgespräch bei einer Firma namens Triskelion. Feline braucht einen Job, denn den alten ist sie los – der Chef war ein Schürzenjäger. Sie hat noch andere Probleme: sie schläft schlecht und ihre Mutter nervt sie mit weihrauchgeschwängerten Ritualen. Eine ganz gewöhnliche junge Frau wird uns da nahegebracht, aus der Alltagsperspektive betrachtet glaubwürdig skizziert, ein wenig abgedroschen hier und da, vielleicht ist sie wirklich ein bißchen hysterisch oder nimmt ein paar Dinge zu wichtig, aber im Großen und Ganzen macht sie einen netten Eindruck.
Triskelion aber ist ein seltsamer Laden. Schleierhaft, was sie machen – „Mittler Ihres Vertrauens“ steht auf der Karte. Die Chefs heißen Kay von Fernden – ein Schönling, findet Feline – und Feng, letzterer ein hünenhafter Asiate, den Feline attraktiv findet. Es gibt nur ein Problem, wir erfahren Knall auf Fall: Feng ist ein Drache, ein Grenzgänger zwischen den Welten, und Kay ist ein Fey, ein Feenwesen. Die Welt der Menschen ist den Fey fremd, aber da es nunmal Berührungspunkte zwischen dem Diesseits und den anderen Welten gibt, kommt es auch zu unerfreulichen Zwischenfällen und genau um solche kümmert sich Triskelion.
Feline wird als Mädchen für alles angeheuert, als Bürokraft. Sie findet ein paar Details verwunderlich, doch weder gerät sie in Panik, noch sucht sie ihren Arzt auf, um sich untersuchen zu lassen, nein: ohne Umschweife nimmt sie an einer Ermittlung im Fabelwesenmilieu teil, lernt in rasantem Tempo einiges über Grenzgänger, Fey … und über sich, denn auch sie ist nicht ganz menschlich – daß Mama sie zu Kay und Feng geschickt hat, war kein Zufall.

Hausbackene Dramaturgie

Damit ist die Systematik ausgebreitet und die Handlung, teils Krimi, teils Fantasy, nimmt ihren Lauf, stolpert sich durch Szenen mit Längen und nimmt Wendungen, die etwas Länge gut hätten vertragen können. Es dauert lange, bis das eigentliche Thema enthüllt wird – das erste wirklich interessante Element, wenn man die gutgebauten Werwölfe, Vampire und gefallenen Engel beiseite läßt. Da versteht man auch den Sinn des Bibelzitates vom Anfang: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“
Doch anstatt sich auf Größe und Potential ihrer Idee einzulassen, hält sich Behrmann an ihrem Regelwerk fest: Feline hat ohne größere Probleme verstanden, welchen Regeln die nichtmenschlichen Wesen unterliegen und zimmert sich einen erfolgversprechenden Showdown, für meinen Geschmack zu sou­verän – Drama und Ungewißheit wirken aufgesetzt.
„Grenzgänger“ ist schnell weggelesen, mittelmäßige Kost für den häppchenweisen Verzehr, handwerklich bestenfalls gute Amateurware. Die Perspektive wechselt ständig zwischen der Ich-Erzählerin Feline, die sich flapsig und teils umgangssprachlich durch die Szenen arbeitet – was in Dialogen noch adäquat erscheint, nervt im Erzähltext nur –, und den Kapiteln, in denen der allwissende Autor Kays und Fengs Erlebnisse schildert. Aber auch dort, im Erleben völlig fremder Wesen, dominiert der profane Alltag in Sprache und Schilderung, daran ändern auch die phantastischen Zutaten nichts. Also doch in die Tonne? Oder stimmen meine Maßstäbe nicht mehr?

Ein Stück vom Kuchen

Die Regale der Buchhandlungen quellen über von Phantastik jeder Couleur, „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und die „Biss“-Reihe haben zahllose Nachahmer in die Sortimente gespült. Schaut man in Hermann Urbaneks Übersichten, bleibt der Markt stabil. Von dem Kuchen wollen viele etwas abhaben.
Seit günstiger Digitaldruck Kleinstauflagen ermöglicht, stellen sich immer neue Kleinverlage vor und veröffentlichen Nachwuchskräfte, die bei den großen Verlagen kaum Chancen haben. Der „Grenzgänger“-Verlag Elysion Books ist eine Gründung der Autorin Jennifer Schreiner, die erotische Titel mit phantastischem Einschlag schreibt. Ihr Leitsatz:

„Elysion Books verlegt himmlisch heiße Literatur; erotische Fantasy Romance, sinnliche Romane und verführerische Kurzgeschichten mit starken Heldinnen, niveauvolle Erfahrungsberichte und prickelnde Frivolitäten.“

Behrmann, die schon erotische Fantasy verfaßt hat, paßt als Autorin zum Sortiment, wenngleich „Grenzgänger“ dem Profil nicht ganz entspricht.
Daß Kleinverlage nicht die erste Wahl in Sachen literarischer Qualität haben, ist wirtschaftlich bedingt. Leider stellt das ein ganzes Buchbiotop unter Schundverdacht. Früher hießen die Pole Fanstory und professionelle Veröffentlichung. Muß man dazwi­schen also Kriterien für Kleinverlagstitel definieren?
Jeder angehende Autor kann sich im Internet selbst vermarkten und tut das auch. Im Netz rund ums Buch ist eine Bussigesellschaft entstanden, das treibt dem durchschnittlich sensiblen Rezensenten die Tränen in die Augen: Kann man da noch Verrisse schreiben? Verdient hätten es einige Autoren, aber sie geben sich so viel Mühe, und sie loben sich gegenseitig so fleißig …!

Nochmal schreiben!

Ich würde mir wünschen: Nina, zurück an den Schreibtisch! Zurück zu dem Bibelzitat! Und für diese Geschichte Finger weg von der Ich-Perspektive!
Stellen wir uns Feline vor: jung, voller Wünsche, talentiert, ein bißchen bequem, den ungelösten Konflikt mit ihrer spinnerten Mutter im Nacken, eigentlich unbeschwert, derzeit etwas genervt von der Gesamtsituation. Ganz im Diesseits verhaftet bricht die Stimmung völlig, als tödliche Verfolger ihr nachstellen – hier geht es nur um eine Sache, um die einzig tragfähige (und sehr poetische!) Idee der Geschichte: jemand hat das Wort Gottes gestohlen und in Feline versteckt. Nun muß sie um ihr Leben rennen, ohne Aussicht auf einen sicheren Hafen.
Die Grenzgänger treten auf, es wird zum Kampf kommen, zwei drängende Probleme müssen gelöst werden: Wie kann Feline überleben? Und was wird aus Gottes Wort?
Man muß nicht mit flapsigen Dialogen den Kontrast zwischen Alltag und Gegenwelt betonen – der existiert in dem Moment, da das Unglaubliche geschieht. Und so reizvoll es ist, aus bekannten Zutaten eine dämonische Menagerie mit Regeln zu basteln – man kann das Sujet auch totdefinieren. Warum diese Dinge nicht einfach im Unklaren lassen? Manches geschieht einfach, die Wirkungen sind erstaunlich, aber man muß ihren Mechanismus nicht erklären.

Ein Ficus benjamini als launiger Sidekick ist ein netter Gag für die nächste Rollenspielrunde, aber sicher keine adäquate Figur für „die spannendste Urban-Fantasy-Welt, seit es Alternativuniversen gibt“. Tragische Figuren wie der plastisch dargestellte Roumond schon eher – davon bitte mehr!

Manfred Müller

Nina Behrmann
„Grenzgänger“
Elysion Books, Gelsenkirchen 2011
Paperback, 204 Seiten
ISBN 978-3-942602-11-2

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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